> > > Walter, Johann: Geystliches Gesangk Buchleyn
Mittwoch, 8. Juli 2020

Walter, Johann - Geystliches Gesangk Buchleyn

Reformatorischer Urklang


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine späte, aber umso schönere Frucht des Lutherjahres 2017: Johann Walters subtile Musik, hochkultiviert musiziert von Weser-Renaissance Bremen.

Johann Walter (1496-1570) wird gelegentlich als protestantischer Ur- oder Erzkantor bezeichnet: Als Idealform des Predigers in Tönen. Walter arbeitete eng mit Luther und anderen Reformatoren zusammen, wird also mit einigem Grund so genannt. Das beglaubigen etliche seiner bahnbrechenden Kompositionen und Sammlungen, zum Beispiel die 'Deutsche Messe' von 1525 und auch das 'Geystliche Gesangk Buchleyn' von 1524. All das trug zur Kodifizierung reformatorischen Bemühens bei, legte maßstäbliche Grundlagen. Vor allem das volkssprachliche Kirchenlied als genuin reformatorische Gattung gewann dank weiter Verbreitung durch Druck und vielfache Neuauflagen rasch an Einfluss – mit dem Ziel, breitere Schichten der Bevölkerung zu beteiligen, in allen Schichten für Verständnis zu sorgen, eben in Tönen verständlich zu predigen.

Im 'Geystlichen Gesangk Buchleyn' sind 38 Lieder und fünf lateinische Gesänge versammelt, darunter 24 frühe Lutherlieder. Johann Walter hat diese Choräle nach Art des deutschen Tenorlieds mehrstimmig ausgesetzt, teils kontrapunktisch anspruchsvoll, immer dem prägenden Choral in der Tenorstimme verpflichtet. Es ist dies die erste und unmittelbare Form der choralinspirierten künstlerischen Fortspinnung. Später waren zum Beispiel die Choralkantaten prägend. Oder vom Barock über Max Reger bis ins 20. Jahrhundert hinein die formal wenig begrenzte Kategorie der Choralfantasie für die Orgel.

Manfred Cordes hat für sein Ensemble Weser-Renaissance Bremen zwölf der Sätze aus dem 'Geystlichen Gesangk Buchleyn' für ein feines Programm ausgewählt, darunter so bekannte Choräle wie 'Nun bitten wir den Heiligen Geist', 'Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen', 'Aus tiefer Not schrei ich zu Dir', 'Mit Fried und Freud ich fahr dahin' oder 'Wir gläuben all‘ an einen Gott'.

Feines Ensemble

Wie gesagt: Tenor-Choräle mit umgebendem Kontrapunkt. Das ist der Gefahr monochromer Einseitigkeit ausgesetzt, wenn es auf einer Platte hintereinanderweg vorgebracht wird. Wie nicht anders zu erwarten, entgeht Manfred Cordes dieser Gefahr souverän und mit gestalterischer Fantasie: Er registriert das im Grunde höchst gleichförmige Geschehen geschmackvoll und mit Sinn für die Wirkungen – die Instrumente sind als Gamben- oder Bläserconsort geordnet, dazu auch in gemischten Konstellationen zu erleben und deuten farbig eine eigene Sphäre aus. Bald kontemplativ reflektierend, bald lebhaft dank der reichen kontrapunktischen Impulse. Artikulatorisch ergeben sich schöne Kontraste aus dem linearen Fluss der Choralmelodien und dem sanft explizierten Gewebe. Vier Gamben und eine Harfe, dazu Zink, zwei Posaunen und ein Dulzian ermöglichen abwechslungsreiche Konstellationen.

Vokale Kernakteure sind die Tenöre Mirko Ludwig und Hermann Oswald, die sich in schöner Tongebung bravourös-schlicht präsentieren und auch mit plastischen Sprachgestalt überzeugen. Hinzu treten in wechselnden Konstellationen die Sopranistin Marie Luise Werneburg, der Altus David Erler und der Bass Ulfried Staber, die sich bis zur kompletten, unbegleiteten Vokalbesetzung stimmschön und sensibel der Sätze annehmen.

Das Klangbild der Aufnahme ist intim, es wirkt konzentriert und lebendig, ist reich an Nuancen. Eine späte, aber umso schönere Frucht des Lutherjahres 2017: Johann Walters subtile Musik, hochkultiviert musiziert von Weser-Renaissance Bremen. Das ist dokumentarisch wichtig, nimmt aber auch interpretatorisch für sich ein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Walter, Johann: Geystliches Gesangk Buchleyn

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
1
72:04
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203513420
cpo 555 134-2


Cover vergössern

Walter, Johann
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Nun bitten wir
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Ach Gott vom Himmel sieh darein
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Komm, Heiliger Geist, Herre Gott
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Gott sei gelobet und gebenedeiet
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Aus tiefert Not schrei ich zu Dir
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Christ lag in Todesbanden
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Mit Fried und Freud ich fahr dahin in Gotts Wille
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Herr Christ der einig Gotts Sohn Vaters in Ewigkeit
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Jesus Christus, unser Heiland
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Erbarm dich mein, o Herre Gott
 - Geystliches Gesangk Buchleyn - Wir gläuben all' an einen Gott


Cover vergössern

Dirigent(en):Cordes, Manfred


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Kleine und große Welten: Christian Seibert hält ein überzeugendes Plädoyer für den Komponisten Nino Rota. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Alte Bekannte: Concerto Copenhagen und Lars Ulrik Mortensen überzeugen mit dieser Gesamteinspielung von Bachs Cembalokonzerten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Farbenfroh: Stilistisch nicht ganz sichere Würdigung zweier wirkungsvoller Klavierquartette des frühen 19. Jahrhunderts. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Qualität von der Seite: Das rund und komplett klingende Ensemble De Profundis singt hochattraktive Musik von Juan Esquivel, die zu hören ein Genuss ist und die zu kennen sich unbedingt lohnt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Delikate Leidenschaft: Es sind eher die subtilen denn die jäh hochfahrenden Leidenschaften, die hier ausformuliert werden – kulturvoll, edel timbriert und fein im Affekt: Dorothee Oberlinger und Dmitry Sinkovsyk mit dem Ensemble 1700. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Humane Stimme: Luciano Berios 'Coro' – ohne Zweifel Kunst von besonderer Form und erheblichem Rang. Und natürlich ein tolles Vehikel für den Norwegischen Solistenchor und das Norwegische Rundfunkorchester, ihre üppigen Fähigkeiten auszustellen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Qualität von der Seite: Das rund und komplett klingende Ensemble De Profundis singt hochattraktive Musik von Juan Esquivel, die zu hören ein Genuss ist und die zu kennen sich unbedingt lohnt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... 'Regietheater' vom Allerfeinsten: Eine rundum vorbildliche, differenzierte Inszenierung von Mozarts exotischem Singspiel 'Die Entführung aus dem Serail' in Glyndebourne. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Poesie und Spaß im Kleinen: Wirklich unbekannt sind diese Stücke natürlich nicht, auch wenn 'Für Elise' hier durch 'Für Sarah Payne' oder 'Für Piringer' ersetzt wird. Matthias Kirschnereit folgt mit Auswahl und intelligenter Interpretation Vorbildern wie Brendel oder Buchbinder. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Henri Marteau: String Quartet No.1 op.5 in D flat major - Rondo. Moderato e grazioso

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich