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Donnerstag, 1. Oktober 2020

Michael, Tobias - Geistige Madrigale

Dazwischen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Manfred Cordes plädiert mit Weser-Renaissance Bremen gewichtig für Tobias Michael und dessen Musik: Eine hochklassige, eine lebendige, im besten Sinne sprechende Interpretation.

Tobias Michael, Thomaskantor von 1631 bis 1657, steht auch heute noch im Schatten, zwischen großen Vorgängern wie Sethus Calvisius oder Johann Hermann Schein einerseits und der illustren Reihe der Nachfolger, von Sebastian Knüpfer über Johann Schelle und Johann Kuhnau bis zu Johann Sebastian Bach andererseits; auch sein ‚dann-doch-nicht-Nachfolger‘ Johann Rosenmüller ist heute weit prominenter, auch in der diskografischen Rezeption. Dabei war Michael eine durchaus interessante Gestalt, geprägt von seinem musikalischen Vater Rogier am Dresdner Hof und vielen Begegnungen in dessen Umfeld, dann dank einer Station als Kapellmeister und Stadtschreiber in Sondershausen. Und Michael war vor allem ein tatkräftiger Pädagoge, ein exzellenter Organisator in den wahrlich schwierigen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, dessen Schlachtereignisse Leipzig immer wieder heimsuchten und eine wirklich gedeihliche Arbeit des Thomaskantors fast unmöglich machten. Auch unter diesen ungünstigen Bedingungen gelang es Michael, das Niveau der Leipziger Chorarbeit so vernehmlich zu steigern, dass Heinrich Schütz 1648 seine 'Geistliche Chormusik' den Thomanern widmete. Eine kollegiale Auszeichnung von bemerkenswerter Aussagekraft.

Auch der Komponist Tobias Michael muss sich überhaupt nicht verstecken. Zwar ist sein Werk nicht so variantenreich und vielgestaltig wie das der prominenteren Zeitgenossen. Doch erweist er sich in den beiden Bänden seiner ‚Musicalischen Seelenlust‘ seinem Hauptwerk in 80 motettisch freien Sätzen auf der Höhe der Zeit, mit madrigalischer Expression, in der Form des Geistlichen Konzerts jener Tage. Psalmen und biblische Texte in deutschen Fassungen sind die Grundlagen dieser Musik – hierin wie in manch anderem dem 1623 publizierten 'Israelsbrünnlein' seines Vorgängers Schein ähnlich. Es finden sich neben manch erwartbarem Stück Sätze von großer Expressivität – in jedem Fall attraktiver Stoff zum Hören und zum Mitdenken.

Tolles Ensemble

2015 hatte das von Alexander Schneider neu gegründete Ensemble Polyharmonique eine Auswahl aus der ‚Musicalischen Seelenlust‘ vorgelegt und mit einer makellosen Interpretation nachhaltig für dieses Werk geworben. Jetzt hat Manfred Cordes mit seinem Ensemble Weser-Renaissance Bremen nachgezogen – wobei der zeitliche Ablauf der Aufnahmen doch Kurioses zu Tage fördert: Während Schneider und seine Mitstreiter ihre Platte im August 2014 im mecklenburgischen Kloster Wanzka eingesungen haben, hat Manfred Cordes seine Schar Hochbegabter im Februar und März desselben Jahres in der Stiftskirche Bassum zusammengeholt. Die Veröffentlichung bei cpo kommt also erst mehr als drei Jahre danach – spät, aber hochwillkommen. Denn Cordes bietet bei einigen Überschneidungen besonders attraktiver Sätze doch eine erfreulich differente Auswahl aus der ‚Musicalischen Seelenlust‘. Und seine Vokalisten erweisen sich als höchst geeignetes Medium dieser Musik: Im Sopran sind es Ulrike Hofbauer, Monika Mauch und Marie Luise Werneburg, Altus singt David Erler, Tenor Bernd Oliver Fröhlich und Bass Kees Jan de Koning – eine wahre Luxusbesetzung also von sämtlich erfahrenen Solisten und Ensemblesängern gleichermaßen, die, so formiert und vorbereitet, festen Ensembles ähnlichen Zuschnitts im Grunde nicht nachstehen: Individuell ohnehin nicht, aber auch in der intensiv atmenden Gemeinsamkeit, in der edlen Balance der Register ist ein Niveau zu erleben, das eindrückliche Ergebnisse möglich macht. Intoniert wird selbstverständlich souverän, das ist keine Überraschung. Sehr überzeugt auch die ganz und gar von Text und Sinn inspirierte Artikulation, die getragen ist von hervorragend gesprochenen Texten, in schöner idiomatischer Geste. Gerade in dieser Hinsicht sind ansprechend Kontraste zu hören, von fein gezeichneter Linie bis zu lustvoll scharfer Pointe, wo immer angebracht. Es wird eine kultivierte Kraft entfaltet; Manfred Cordes investiert entscheidend in ein differenziertes, fein kontrolliertes dynamisches Tableau.

Grundiert wird der vokale Anteil in wechselnden Konstellationen von Harfe (Margit Schultheiß), Chitarrone (Thomas Ihlenfeldt) und Orgelpositiv (Detlev Bratschke) überaus geschmackvoll und dezent, angenehm perkussiv, ohne je zu dominieren. Das Klangbild bezieht die räumliche Größe der Stiftskirche in Bassum gelungen ein, es wirkt präzis und überzeugend gestaffelt, in gelungener Balance aller Anteile. Eine Freude ist auch das Booklet, das einen instruktiven, ausführlichen Text von Veronika Greuel bietet, der Michael nicht nur in seinem Werk spiegelt, sondern auch überzeugend in seine Zeit stellt.

Manfred Cordes plädiert mit Weser-Renaissance Bremen gewichtig für Tobias Michael und dessen Musik: Eine hochklassige, eine lebendige, im besten Sinne sprechende Interpretation.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Michael, Tobias: Geistige Madrigale

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203793525


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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