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Mittwoch, 1. Dezember 2021

Herzens-Lieder - Deutsche Barock-Kantaten

Kantaten-Kunst


Label/Verlag: Christophorus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es ist immer schön, einen Blick auf das bemerkenswert verschiedene Kantatenschaffen am Beginn des 18. Jahrhunderts zu bekommen. Die Platte zeigt: Nicht nur Bach, auch seine Vorgänger und Zeitgenossen bewegten sich auf hervorragendem Niveau.

‚Herzens-Lieder‘ ist die neue Platte der Sopranistin Miriam Feuersinger betitelt, damit jenen schlichten Zug aufgreifend, der barockem Kantaten-Komponieren durchaus eignete. Gesungen und vom Capricornus Consort Basel gespielt werden drei Werke von Johann Kuhnau, Johann Sebastian Bach und Christoph Graupner. Kuhnau ist mit 'Weicht, ihr Sorgen, aus dem Hertzen' auf einen Text von Erdmann Neumeister vertreten. Es finden sich hier noch deutliche Anklänge an ältere mitteldeutsche Traditionen: Die Arien sind verwandt mit den Geistlichen Konzerten dieser Prägung, im Wechsel von continuo-begleitetem Vokalsolo und Ritornellen mit obligaten Instrumenten. In den Rezitativen geht es grundsätzlich schlichter zu als in den wenig später entstehenden Kantaten Bachs, umso deutlicher wirken gelegentlich gesetzte Reizpunkte konsequenter Textausdeutung.

Auf einen identischen Text lassen sich Graupner und Bach hören: Georg Christian Lehms ist der Dichter von 'Mein Herze schwimmt ihm Blut'. Graupner setzt dazu wunderbar delikate Musik, er sucht – und findet verlässlich – die klaren Affekte, ist ein eher direkter Deuter des Textes denn ein skrupulös reflektierter, vor allem theologisch gewichtiger Prediger auch indirekter Wirkungen, als der uns Bach begegnet. Natürlich ist Bachs Kantate ein herausragender Solitär, in sich gerundet und perfekt balanciert, doch überzeugt auch Graupner mit seinen variantenreichen Rezitativen und klar gesetzten Arien sehr deutlich. Gliedernd eingeschoben ist ein Quartett von Telemann, den man gern – bei aller unstrittigen Qualität der Komposition – auch eher mit einer Kantate vertreten gesehen hätte.

Feinsinnig

Miriam Feuersinger hat sich immer wieder als Bach-Exegetin von Rang gezeigt, ist auch eine ausgewiesene Graupner-Interpretin – eine frühere Kantatenplatte war hochgelobt und preisgekrönt. Sie entfaltet auch hier ihre edle Stimme, mit einem feinen Ton magischer Dunkelheit, in wunderbar ausgeglichenen Registern, die zugleich sehr charakteristisch geformt sind. Einzig die wirklich tiefe Lage – zum Beispiel in Bachs Arie 'Stumme Seufzer' – behagt ihr nicht in gleichem Maß. Feuersinger singt musikalisch beredt im besten Sinn, die vielen delikaten Linien und Passagen werden dank hervorragender Technik präzis gestaltet. Die Diktion ist leicht und behände, manche Vokale wirken etwas verfärbt, hier und da hätte eine deutlichere konsonantische Explosivität gut getan.

Das Capricornus Consort Basel mit Peter Barczi, der von der ersten Violine aus leitet, liefert in einfacher Besetzung ein bemerkenswert sonores Bild, lichtdurchflutet, mit überaus präziser Tongebung. Technische Brillanz blitzt auf, wo nötig, dynamische Steigerung gerät durchaus zupackend und ansprechend voluminös. Das Spiel ist luzide, bezwingend entfaltet, sehr sensibel und fein ausgehört. Artikulatorisch sind besonders die Violinen vorbildlich, aktiv, dezidiert in der frischen Geste, mit agiler Bogenführung, aber auch zu erstaunlich dichter Linearität befähigt.

Im sehr harmonisch gerundeten, ausgewogenen Klangbild sind alle Anteile präsent, gekrönt von einem schönen, durchaus nicht klein dimensionierten Raumanteil, der nobilitiert und nicht verunklart. Im Booklet informiert ein durchaus pointierter Text verlässlich, wenn auch etwas knapp. In den allfälligen Dank am Ende werden die Komponisten einbezogen – ein nur auf den ersten Blick kurioser Einfall, sind es doch diese schöpferischen Genies, denen wir den hauptsächlichen Genuss verdanken – jedenfalls fast, den Interpreten sei Gerechtigkeit getan.

Es ist immer schön, einen Blick auf das bemerkenswert verschiedene Kantatenschaffen am Beginn des 18. Jahrhunderts zu bekommen. Die Platte zeigt: Nicht nur Bach, auch seine Vorgänger und Zeitgenossen bewegten sich auf hervorragendem Niveau.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Herzens-Lieder: Deutsche Barock-Kantaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Christophorus
1
04.03.2016
Medium:
EAN:

CD
4010072773999


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Bach, Johann Sebastian
Graupner, Johann Christoph
Kuhnau, Johann
Telemann, Georg Philipp


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Christophorus

Christophorus ist das älteste deutsche Plattenlabel mit dem Schwerpunkt "Geistliche Musik". Es wurde 1935 gegründet, um religiöse Inhalte mittels Schallplatten und Bücher auch während des Nazi-Regimes zu verbreiten. Heute - mehr als 75 Jahre später - stehen spirituelle Themen weiterhin im Mittelpunkt des Labels, mit besonderem Interesse für unbekannte Werke und historische Interpretation. Gregorianische Gesänge, geistliche Vokalmusik, Musik der christlichen Kirchen und die Gesänge aus Taizé sind im Katalog ebenso vertreten wie Musik des Mittelalters und der Renaissance. Mit diesem Repertoire gilt Christophorus heute als eines der wichtigsten unabhängigen Labels auf dem internationalen Klassikmarkt.


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