> > > Ich hebe meine Augen auf: Werke von Telemann, Graupner & Heinichen
Mittwoch, 20. November 2019

Ich hebe meine Augen auf - Werke von Telemann, Graupner & Heinichen

Leipziger Jugend


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Und doch schon in erstaunlicher Reife: Musik von Telemann, Graupner und Heinichen in einer hochklassigen Interpretation von L’arpa festante und Rien Voskuilen.

Wer am Beginn des 18. Jahrhunderts in Leipzig studierte, war nicht zwangsläufig nur an einer erstklassigen akademischen Ausbildung interessiert. Genauso wie der Ruf der Universität dürfte manchen das rege musikalische Leben der Stadt angezogen haben, das an sakraler, konzertanter und dramatischer Musik alles bot, was dem Zeitgeschmack entsprach. Nicht zufällig findet sich in diesen Jahren eine Reihe von jungen Männern ein, die wenig später zu den gefeierten und schließlich bis heute bekannten Komponisten zählten: Johann Friedrich Fasch, Gottfried Heinrich Stölzel, Johann Georg Pisendel, dazu Christoph Graupner, Johann David Heinichen und Georg Philipp Telemann. Aus einigen Werken der letzten drei der Genannten hat nun Rien Voskuilen ein feines Programm zusammengestellt.

Von Telemann ist zunächst die Kantate 'Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen' zu hören, in knappen, klar konturierten Sätzen voller anmutiger Eigenart, eher noch in der Tradition des hochbarocken geistlichen Konzerts stehend, doch schon mit klarer affektiver und struktureller Anlage, entfaltet der junge Telemann seine musikalischen Gaben mit Geist und Tiefe. Dazu erklingt eine Ouvertüre in Es, ein herrlich vielfarbiges Werk voller sprühender Funken, mit einer Fülle tragender Ideen und ohne in der Ausarbeitung je schematisch zu wirken – ein Fest für das Orchester.

Christoph Graupner, später lange Jahre in Darmstadt die prägende musikalische Größe, erweist sich auch in der Kantate 'Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust' als Größe eigenen Rangs. Warum er Thomaskantor werden sollte, welche kompositorische Kraft in ihm steckte, war aus bislang jedem Werk herauszuhören, das dem Rezensenten bekannt geworden ist: Graupner gestaltet seine Werke intensiv den Texten folgend, höchst subtil in figurativ-affektiven Details, dazu elegant instrumentiert, mit vielen schönen, klangsinnlichen Stimmungen aufwartend, auch in der formalen Anlage schon bemerkenswert modern.

Johann David Heinichen, der spätere Hofkapellmeister am Dresdner Hof, lässt sich mit der Kantate 'Herr nun lässest du deinen Diener' als interessante, affektsichere Stimme hören, auch er schon in deutlich ausdifferenzierten Formen. Es gibt bei ihm speziell in den Ensembles deutliche Anklänge an alte Techniken, wenngleich die Fugenthemen bei aller Strenge doch phantasievoll und gesanglich wirken. Auffallend sind charaktervolle Arien, gelegentlich in chromatisch gewürzter Harmonik.

Echte Könner in hervorragendem Klanggewand

Attraktives Futter also für potente Interpreten. Das Ensemble L’arpa festante ist immer wieder als hochkompetente Begleitformation hervorgetreten, auch eigene Produktionen etwa mit Arbeiten von Johann Philipp Förtsch oder David Pohle wussten deutlich zu überzeugen. Und auch auf der vorliegenden Platte findet die Formation zu einem wunderbar homogenen Gesamtklang voller Eleganz und feinem Klangsinn. Die Begleithaltung ist wie stets eine ausgeprägte Qualität. Dazu bieten sich dem Ensemble in der Telemann-Ouvertüre reiche Entfaltungsmöglichkeiten, die weidlich genutzt werden, in einem dynamischen Spektrum, das von äußerster Dezenz bis zu echter klanglicher Größe reicht. Es sind wunderbare obligate Beiträge zu hören, vor allem die Oboen und die Traversflöte sind hervorzuheben. Insgesamt wird sehr präzis und mit etlichen Impulsen artikuliert, doch ohne diese Sphäre je ungünstig in den Vordergrund zu rücken. Rien Voskuilen wählt die Tempi in entspannten Maßen und stimmigen Relationen, zeigt sich in dieser Hinsicht jedenfalls einem dezidierten Ausmusizieren verpflichtet.

Davon profitieren auch die sehr überzeugenden Vokalisten. Veronika Winters Sopran entfaltet sich linear üppig, die Register sind fein austariert, die Stimme wirkt insgesamt erfreulich körperlich. Gelegentliche Nachlässigkeiten in der Diktion sind gleichfalls zu konstatieren. Der Altus Alex Potter ist lediglich als gleichwohl verlässlicher Duett- und Ensemblesänger gefordert. Auch Hans Jörg Mammel hat nur eine große Arie in der Heinichen-Kantate, singt dort aber lyrisch exzellent, erweist sich aber auch in behänder Geste als Tenor von Format. Markus Flaig schließlich ist neben Veronika Winter vokaler Hauptprotagonist und glänzt mit seiner noblen, warmen, eleganten, sehr ausgeglichenen Stimme, die mit ihrer bemerkenswert sonoren Tonproduktion für sich einnimmt.

Besondere Erwähnung verdient das herausragend gelungene Klangbild der technisch von Andreas Neubronner betreuten Einspielung: Das Bild ist reich an Details, von angenehmer Wärme, bietet höchst ausdifferenzierte Sphären ohne Härten – vom Diskant bis zum Bass in gleichmäßiger Präsenz. Ein in der Summe wunderbares Ergebnis.

Auch die Platte insgesamt ist sehr erfreulich: Sie zeigt Musik im ästhetischen Werden, die doch alles andere als unfertig ist. Niveauvolle Kirchen- und Orchestermusik der Zeit, komponiert von jungen Leuten, die ein hörbar gewaltiges Potenzial hatten und deren Musik auch in jungen Jahren schon weit mehr war als ein bloßes Versprechen oder ein Wechsel auf die Zukunft war. Musik in Leipzig stand natürlich auch vor Bach in hoher Blüte. Die Platte illustriert das mit einem sehr ansprechenden Programm.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Ich hebe meine Augen auf: Werke von Telemann, Graupner & Heinichen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Carus
1
06.02.2015
Medium:
EAN:

CD
4009350833371


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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