> > > Heinrich Schütz: Lukaspassion & Die Sieben Worte: Gesamteinspielung (Carus), Vol. 6
Donnerstag, 22. November 2018

Heinrich Schütz: Lukaspassion & Die Sieben Worte - Gesamteinspielung (Carus), Vol. 6

Schlichte Größe


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Lukaspassion und 'Sieben Worte Jesu am Kreuz' als sechster Teil der Gesamteinspielung der Werke Heinrich Schütz?: Vorzüglich interpretiert von Hans-Christoph Rademann, potenten Solisten und dem Dresdner Kammerchor.

Hans-Christoph Rademann treibt die Gesamteinspielung der Werke Heinrich Schütz‘ mit großem Elan voran. Aktuell liegt, passend zum Kirchenjahr, eine reine Passionsplatte vor: Rademann verbindet 'Die Sieben Worte Jesu am Kreuz' SWV 478 mit der Lukaspassion SWV 480. Eingelagert in diese beiden Meisterwerke ist das wenig bekannte geistliche Konzert 'Erbarm dich mein, o Herre Gott' SWV 447, womit en passent eine diskografische Lücke in der Schütz-Rezeption geschlossen wird – wie schon gelegentlich im bisherigen Verlauf des Projekts und noch oft in der Zukunft.

Die 'Sieben Worte' changieren zwischen Historia und Motette, bilden damit eine interessante formale Zwischenstufe, überzeugen durch die Intensität ihrer konzeptionellen Gestaltung, durch die Tiefe der Empfindung, durch ihren beziehungsreichen Satz. Das ebenso unbekannte wie lohnende Konzert SWV 447 überzeugt vor allem in der engen Verbindung von vokalen und instrumentalen Anteilen. Der Hinweis des im Booklet einmal mehr profund schreibenden und mit anregender Argumentation hochkompetent einführenden Oliver Geisler auf die verlorene Instrumentalmusik Schütz‘ bekommt in diesem interessanten Konzert ebenso substanzielle Begründung wie in den 'Sieben Worten'.

Heinrich Schütz hat seine Passionen als überwältigende Alterswerke geschaffen. Überwältigend keineswegs in ihrer klanglichen Entfaltung oder in der Farbigkeit ihrer Besetzungen. Im Gegenteil: Schütz findet zu vollkommener affektiver Klarheit in der Schlichtheit der souverän eingesetzten kompositorischen Mittel. Wenn man den langen Weg von den üppigen Psalmen Davids bis zu diesen hochkonzentrierten Werken des 80jährigen sieht, ergibt sich ein künstlerisches Panorama von geradezu epochalen Ausmaßen.

Höchste Kompetenz und affektive Dezenz

Hans-Christoph Rademann hat seinen Dresdner Kammerchor für die aktuelle Produktion wie schon zuvor gelegentlich um versierte Einzelkönner bereichert. Der Tenor Jan Kobow überzeugt als Jesus in den 'Sieben Worten' ebenso wie als Evangelist in der Lukaspassion: Einmal mehr wandelt er traumwandlerisch sicher auf jenem schmalen Grat zwischen schlichter Geste und gesammelter Expressivität, die diese Partien bei Schütz zwingend erfordern. Dabei ist seine plastische Sprachbehandlung ideal zu nennen.

Die anderen solistisch Aktiven zeigen sich niveaugleich, egal ob Ulrike Hofbauer als Solistin im geistlichen Konzert SWV 447, Felix Rumpf als Jesus in der Passion oder Felix Schwandtke als Jesus in den 'Sieben Worten' und Pilatus in der Lukaspassion. Zudem formen die Vokalisten sehr feine Ensembles. Der Chor spielt in diesem Programm keine eminente Hauptrolle, agiert aber klar und konturstark, mit größter Präzision und punktueller Klangentfaltung, wenn er gefordert wird. Das bringt dann immer wieder Turba-Chöre mit größerer Energie hervor, die im fließenden dynamischen Geschehen durchaus Reizpunkte zu setzen verstehen.

Eine wesentliche Rolle spielen in den ersten beiden Kompositionen die Instrumente: Hille Perl und ihrer Sirius Viols werden von Lee Santanas Laute und Ludger Rémys Orgel unterstützt. Das ergibt einen erstaunlich vielfarbigen, dezent perkussiven Klang, der die Szene enorm bereichert.

Technisch ist die Realisation klar und aufgeräumt gelungen, dazu hochkonzentriert und mit einer feinen räumlichen Note. Die Balance ist sehr schön etabliert – und wo es komplexer wird, greift eine ansprechende Staffelung.

Hans-Christoph Rademann ist Schütz‘ sprachgezeugter Musik mit seinem Ansatz inzwischen auf fast ideale Weise nah, solistisch wie chorisch gleichermaßen niveauvoll. Rademann lässt sich ganz auf die schlichte Diktion der Schützschen Passionsmusiken ein. Schütz verliert nicht, er gewinnt an Größe, wenn man seinem Alterswerk den nötigen Raum gibt und interpretatorisch konzentriert ist. Das Ergebnis ist ein Vortrag ohne Schwachstellen, der den anderen Veröffentlichungen zu diesem Repertoire in jüngerer Zeit – etwa von Paul Hillier und Ars Nova Copenhagen oder von Matteo Messori und der Cappella Augustana – deutlich vorzuziehen ist. Die Produktion ist einer Gesamteinspielung absolut würdig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Nicht einverstanden
    Ich finde, dass Gerd Türk, die Orgel, der Generalbaß und die dramatische nach der "Seconda Prattica" gestalteten Interpretation Matteo Messoris und der Klang der Brilliant-Aufnahme viel viel besser sind, als diese Interpretation. Wann versteht man, dass die Musik von Schütz (und auch die Werke von Bach) "One-per-Part" zu musizieren sind? Keine modernen Chöre...

    Nutzer_BDPQSEU, 14.03.2013, 01:18 Uhr
    Registriert seit: 14.03.2013

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Heinrich Schütz: Lukaspassion & Die Sieben Worte: Gesamteinspielung (Carus), Vol. 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.01.2013
070:28
2012
EAN:
BestellNr.:

4009350832534
8325300


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"Folge sechs der Schütz-Gesamteinspielung mit dem Dresdner Kammerchor und Hans-Christoph Rademann präsentiert drei eindringliche Werke für die Passionszeit. Die Lukaspassion SWV 480 breitet ein Panorama aus, das zur intensiven und stillen Bildbetrachtung des Leidenswegs Jesu einlädt. Die Worte des Evangelisten Lukas werden in einer kunstvollen Reduktion der musikalischen Mittel ohne Begleitung gesungen. Aus der Erzählung ragen dann die Chöre heraus, dynamisieren und emotionalisieren die Szenerie, toben, bitten, fragen, wüten - so kreiert Schütz eine Art Passionshörspiel mit einer ergreifenden Zuspitzung des Geschehens. Bei den bekannten "Sieben Worten Jesu am Kreuz" SWV 478 wirkt erstmals die Gambistin Hille Perl mit ihrem Ensemble The Sirius Viols an der Schütz-Gesamteinspielung mit. Der geradezu raffinierte Aufbau des Werkes, die hohe Sinnlichkeit der einzelnen Abschnitte und die Schönheit der musikalischen Botschaft machen die "Sieben Worte" zu einem Meisterwerk. Das dritte Stück auf dieser CD, "Erbarm dich mein, o Herre Gott" SWV 447, für Sopran-Solo und Gambenconsort ist eine Ersteinspielung und stellt als Komposition für den Karfreitagsgottesdienst eine ebenso reizvolle wie schlüssige Ergänzung zu den "Sieben Worten" dar."


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Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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