> > > Sarri, Domenico: Missa
Samstag, 19. Januar 2019

Sarri, Domenico - Missa

Anderes Italien


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Matthias Jung gewährt mit dem Sächsischen Vocalensemble und der Batzdorfer Hofkapelle einen Blick auf die abwechslungsreiche geistliche Musik Domenico Sarris - und plädiert sehr gelungen für diesen anderen Italiener im Dresdner Kontext.

Dresden und Italien – im Barock war das eine unbestritten hochfrequente Verbindung, die für musikalischen Austausch auf höchstem Niveau stand und die Metropole an der Elbe mit ihrer repräsentativen Hofhaltung zu einem wichtigen Scharnier für einen komplexen Musiktransfer in ästhetischer, satztechnischer und personeller Hinsicht werden ließ. Dabei ging es vor allem im frühen und mittleren 17. Jahrhundert genau genommen um eine Verbindung von Dresden und Venedig. Das strukturell zerklüftete Italien jener Jahre verfügte abgesehen von einigen kleineren Höfen Norditaliens, die phasenweise üppige Blüten trieben, aber mit Rom und Neapel noch über weitere gewichtige Zentren. Mit Neapel vertieften sich die Beziehungen spätestens, nachdem dessen König Carlo IV. im Jahr 1738 die sächsische Prinzessin Maria Amalia ehelichte. So kamen auch neue Werke des Neapolitaners Domenico Sarri (1679-1744) an den Dresdner Hof, in dessen Umfeld schon zuvor andere Arbeiten Sarris bekannt gewesen waren.

Domenico Sarri war in Neapel vor allem als instinktsicherer Setzer affektstarker Opern bekannt, tritt uns im Dresdner Kontext aber als gleichfalls interessanter Komponist durchaus ausgedehnter Kirchenmusik entgegen. In seiner über eine Dreiviertelstunde währenden Kyrie-Gloria-Messe von 1739 überzeugt die prägnante melodische Invention in beweglichen, leicht fasslichen Linien. Dabei bezieht er das auch in Neapel in diesem Repertoire unvermeidliche Erbe der Kontrapunktik subtil und ohne die oft zu beklagenden Härten demonstrativ zur Schau gestellter Gelehrsamkeit ein. Kompositorische Substanz und klingende Eleganz werden gekonnt balanciert. Zudem brechen sich Sarris Erfahrungen im musikdramatischen Bereich immer wieder Bahn – in plastischer Rhythmisierung ebenso wie in manch schlagkräftigen großen Intervallsprüngen. Blechbewährt zeigt sich in vollem Klang üppiges Temperament, in stilleren Passagen entfalten sich ansprechende pastorale Qualitäten. Die Sätze in der Messe wie im Psalm 'Dixit Dominus' sind formal nicht das, was üblicherweise kompakt genannt wird: Im steten Wechseln verschiedener Besetzungen stellt diese durchbrochene Setzweise bemerkenswerte Anforderungen an sämtliche Qualitäten der Vokalsolisten wie des Chores. Verschwiegen sei bei allem Lob auch nicht, dass Sarris Musik nicht gänzlich frei von leicht ermüdenden Sequenzen ist, dass gelegentlich sehr formelhaft-konventionell kadenziert wird – doch das trübt den sehr positiven Eindruck, den die affektiv frische Musik hinterlässt, nie entscheidend.

Homogene Qualitätskunst

Dass Sarris Werke so gelungen zur Geltung kommen, basiert natürlich auf dem engagierten Vortrag der Ensembles und Solisten, die Matthias Jung für diese Produktion versammelt hat. Mit dem Sächsischen Vocalensemble leitet Jung einen Kammerchor, dessen charakteristische Register zwar durchaus über hinreichend plastisches Format verfügen, während dessen eigentliche Qualitäten aber in der wunderbar harmonischen Verschmelzungsfähigkeit der jungen, gut ausgebildeten Stimmen liegen. Die diktionsstarken Vokalisten beherrschen die relative Varianz der Kompositionen Sarris mit einer Fülle expressiver Gesten.

Das setzen die Vokalsolisten nahtlos fort: Die Soprane Anja Zügner und Maria Perlt, die Altistin Annekathrin Laabs, der Tenor Andreas Post und der Bassist Wolf Matthias Friedrich bilden ein auf bemerkenswert hohem Niveau ausgeglichen besetztes Ensemble. Stilistisch versiert und aus manch hochklassiger Produktion vertraut, bewegen sie sich mühelos in jenem Idiom, das die Grenzen von solistischem, chorischem und Ensemblemusizieren intensiv auslotet. Oft gerät diese schwierige Balance gerade dadurch so überzeugend, dass sich die Solisten nicht in eitler Kunstfertigkeit vom natürlich strömenden Klang des Chores entfernen. Und wenn es dann doch virtuos fordernde Aufgaben gibt – etwa für Anja Zügner im 'Laudamus te' oder im 'Qui sedes', für Annekathrin Laabs im 'Gratias agimus tibi' oder für den einmal mehr vorzüglichen Wolf Matthias Friedrich im zweiten 'Qui tollis' – dann lösen die Vokalisten diese mit bestechender Präzision und klanglicher Eleganz. Dazu ist die vokale Intonation chorisch wie solistisch ebenso frei wie stabil, zeigen sich die Solisten auch in der ambitionierten linearen Sprunghaftigkeit des Schlusssatzes der Messe absolut sattelfest.

Die Batzdorfer Hofkapelle erweist sich als vorzüglich abgestimmte Formation. Artikulatorisch wird äußerst detailliert und delikat gearbeitet, wobei ein restriktiver Zugriff das Geschehen vorzüglich konturiert. Dieser Ansatz verfängt noch deutlicher beim Basso continuo, der bei aller klanglichen Tragfähigkeit und farbigen Ausdeutung klar akzentuiert wird. Spieltechnisch agieren die Instrumentalisten souverän, was sie zu elanvollem und elegantem Musizieren fern aller primären Probleme befähigt. Der ansprechende Ensembleklang entfaltet sich stets in kontrollierter Geste und in feinen Farben.

Matthias Jung realisiert Sarris durchaus abwechslungsreiche Kompositionen in variablen Tempi, sichert dem Geschehen durch frische Impulse einen angenehm belebten Zug. Dynamisch bietet vor allem die sehr verschieden besetzte Messe ein abwechslungsreiches Vergnügen. Das Klangbild ist von einiger Größe geprägt, wirkt dabei aber sehr konzentriert und gelungen balanciert. Die intensive vokal-instrumentale Verknüpfung wird in deutlicher Transparenz und ansprechender Staffelung abgebildet.

Matthias Jung bringt mit seinem Sächsischen Vocalensemble und der Batzdorfer Hofkapelle eine andere als die bisher meist ausgeleuchtete Italienverbindung Dresdens zur Geltung. Das gelingt künstlerisch bemerkenswert schlüssig, wirkt in seinem interpretatorischen Niveau ausgeglichen niveauvoll und ist auch für das Repertoire von einigem Interesse. Denn Sarris geistliche Musik stellt eine sehr reife Spielart der im Barock etablierten Mischform von solistischen, ensemblebasierten und chorischen Anteilen dar, die den Traditionen zwar hörbar, aber stets in eleganter Gestalt Raum gibt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Sarri, Domenico: Missa

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.08.2012
EAN:

761203772629


Cover vergössern

Sarri, Domencio
 - Missa - Kyrie eleison
 - Missa - Christe eleison
 - Missa - Kyrie eleison
 - Missa - Gloria
 - Missa - Et in terra pax
 - Missa - Laudamus te (Sopran I)
 - Missa - Gratia agimus tibi (Mezzosopran)
 - Missa - Domine Deus
 - Missa - Qui tollis I
 - Missa - Qui tollis II
 - Missa - Qui sedes (Sopran I)
 - Missa - Quoniam tu solus sanctus


Cover vergössern

Dirigent(en):Jung, Matthias
Orchester/Ensemble:Batzdorfer Hofkapelle
Interpret(en):Laabs, Annekathrin
Post, Andreas
Friedrich, Wolf Matthias
Zügner, Anja
Perlt, Maria
Jung, Matthias


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Weihnachts-Telemann: Beseelter, erfüllter, begeisterter kann man diese köstliche Musik von Telemann kaum singen und spielen. Das Weihnachtspräsent von Michael Alexander Willens und seiner Kölner Akademie ist in dieser Saison exzellent geraten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Großartiger Graupner: Dominik Wörner hat seinen Kirchheimer Konzertwinter genutzt, um eine Lanze für Christoph Graupner zu brechen. Wieder einmal. Und nicht zum ersten Mal auf allerhöchstem Niveau. Rudolf Lutz erweist sich als wunderbarer Gastdirigent. Unbedingt anhören. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Welten: Ein absolut vorbildlicher Beitrag zur César-Franck-Diskografie. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Goldstandard: Das Orlando Consort steht seit einigen Jahren für den Goldstandard bei Guillaume de Machaut. Und die Vokalisten setzen das im sechsten Teil ihrer Reihe ohne Mühe fort. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Nordisch: Wenn Sjaella die anderen Himmelsrichtungen mit der gleichen Verve und dem gleichen künstlerischen Temperament angeht, dann besteh Grund zur Vorfreude. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Über Zeiten hinweg: Eine typische Produktion der Lautten Compagney: ambitioniert programmiert und ebenso subtil wie mitreißend gespielt und gesungen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Goldstandard: Das Orlando Consort steht seit einigen Jahren für den Goldstandard bei Guillaume de Machaut. Und die Vokalisten setzen das im sechsten Teil ihrer Reihe ohne Mühe fort. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Spannender 'Macbeth' mit eklatanter Schwäche: Gäbe es in einer zentralen Partie keinen Totalausfall, müsste man diesen 'Macbeth' dringend empfehlen. So bleibt er ein Dokument für historisch Interessierte oder eingefleischte Fans einzelner Künstler. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Lebendige Musik: Rubén Dubrovsky interpretiert zusammen mit Andreas Scholl, dem Salzburger Bachchor und dem Bach Consort Wien Werke von Antonio Vivaldi aus seiner Zeit als künstlerischer Leiter in einem venezianischen Waisenhaus. Weiter...
    (Anneke Link, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (4/2018) herunterladen (2986 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2019) herunterladen (2248 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Georg Philipp Telemann: Herr Gott, Dich loben wir - Aria Senke Dich, ermattter Geist

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich