> > > Martin, Frank: Der Sturm
Sonntag, 29. März 2020

Martin, Frank - Der Sturm

Stürmische Rehabilitation


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Selten gelingen Wiederentdeckungen so überzeugend und zwingend wie hier mit Frank Martins fulminantem Meisterwerk, das der Oper einen farbereichen, ideenstrotzenden Weg in die Moderne weist.

Frank Martins Shakespeare-Oper 'Der Sturm' ist nichts weniger als ein Meisterwerk. Martin war 66 Jahre alt, als sie am 17. Juni 1956 an der Wiener Staatsoper ihre Uraufführung erlebte. Es ist zugleich Martins erste Oper im klassischen Sinne, zwei Oratorien ('In terra pax', 1944, und 'Golgotha', 1948) sowie der schwer zu klassifizierende 'Le vin herbé' (1940/41) waren als bedeutende größere Vokalwerke vorausgegangen. Dass Frank Martin gerade in jenen Nachkriegsjahren, als die Gattung Oper auf dem Prüfstand steht, eine dreiaktige Literaturoper entwirft, die den wesentlichen Konventionen der Gattung folgt, darf als Bekenntnis zur Tradition gelten. Wie überaus gelungen dieser 'Sturm' einen Weg im Umgang mit der Gattung Oper nach dem Zweiten Weltkrieg aufzeigt, lässt sich nun akustisch anhand des Mitschnitts einer konzertanten Amsterdamer Aufführung vom Oktober 2008 im warmen, transparenten Klangbild des Concertgebouw nachvollziehen. Ein inhaltlich gut gelungenes Beiheft erleichtert, samt abgedrucktem Libretto, Zugang und Einordnung in dieses vernachlässigte Werk.

Orchesterrausch

Martin legt seiner Oper die (nahezu) ungekürzte, klassische Schlegel-Übersetzung zu Grunde, macht aus den fünf Akten drei und zeichnet klare Charaktere. Die Partitur ist überreich an Erfindungen, Ideen und Farben. Die Palette reicht vom sich langsam entwickelnden impressionistischen Fluss der Ouvertüre, mit der feingetupften Instrumentation des Orchesters, das sich sogleich in der Eröffnungsszene, eingeleitet von Paukenwirbel, zum Sturm erhebt und dann mit wiegenden Bewegungen und sanften Rhythmen das Zauberische von Prosperos Insel charakterisert, über saxophongetragene Jazz Pattern, Tanzsequenzen mit Tango- und Foxtrottanklängen in den Szenen der Höflinge, bis hin zur großen dramatischen Emphase, wie sie nur die Oper kennt und dem vorsichtigen, tiefschürfenden Orchestervorspiel vor Prosperos Epilog. Martins Musiksprache, deren Zugänglichkeit beim oberflächlichen Hören möglicherweise als nicht einfach empfunden werden kann, da sie mit einer subtilen und nicht vordergründigen Dramatik einhergeht, hat eine eigene Aura, eine Dichte und Verwebung des Materials, die sie hierin ebenbürtig neben Debussys 'Pelleas' oder Wagners 'Parsifal' stellt. Der Schweizer Dirigent Thierry Fischer, Chefdirigent des BBC National Orchestra of Wales, schwelgt mit dem Netherlands Radio Philharmonic Orchestra in diesen Orchesterräuschen und Stilen, strukturiert von der Sprachdiktion getragenen Szenen übersichtlich, setzt klare Akzente bei den Abläufen und gibt den ursächlich opernhaften Momenten Raum und Zeit zur Entfaltung.

Wie es Frank Martin in dieser Partitur gelingt, eine eigene, suggestive Klangwelt zu entwerfen, die musikalisch ambitioniert und zugleich nahe am Rezeptionswillen des Publikums ist, hat in der Nachkriegsoper nur wenige Entsprechungen. Martin gelingt dies, weil sich seine Musik ganz auf Dramaturgie und Theatralität der Vorlage einlässt. Er, der erfolgreiche, gefragte Komponist der Nachkriegsjahre muss hier niemandem mehr etwas beweisen, und gerade deshalb ist die Partitur so zwingend gelungen. Die Grundorientierung an der abendländischen klassischen tonale Musiksprache, die nur dann in freie Tonalität und dodekaphonische Muster findet, wenn dies für die Erweiterung des Ausdrucks, etwa in der Charakterisierung Calibans, zwingend ist, also freie Tonalität und Dodekaphonie als stilistisches Mittel versteht, ist die Konstante, die diesem Musiktheater-Werk erlaubt, ästhetische Weiterungen zuzulassen.

Der ebenso geniale wie wirkungsvolle Einfall, die Rolle des Luftgeistes Ariel von einem (Fern-)Chor singen zu lassen und diesem ein Kammerorchester mit eigener, dahinhuschender Cembalo-Klangwelt bei zu geben (auf der Szene wäre dazu ein Tänzer zu sehen) sprengt die Konvention und bezieht sie zugleich wieder ein, indem sie formal an frühe Formen des Musiktheaters, wie die britischen Masques erinnert.

Ideale Sänger

Im Mittelpunkt der Aufführung steht Prospero, gesungen von Robert Holl. Ein Sänger, erfahren im Lied- und Wagnergesang, der trotz aller stimmlichen Solidität, nicht unbedingt als aufregender Sänger bekannt ist. Doch er hat hier im Prospero eine Rolle gefunden, die von ihm eine ungemein menschliche, nur selten gehörte Lebendigkeit der Gestaltung ermöglicht. Mit großer Persönlichkeit ist er, von den dunklen Tonfärbungen seines Organs profitierend, das Zentrum dieser exzellenten Aufführung. Die einst für Fischer-Dieskau konzipierte und dann von Eberhard Wächter uraufgeführte Rolle findet in ihm einen Idealinterpreten, der hier seine gestalterische Intelligenz mit den Qualitäten seines Bassbaritons kongenial vereinen kann.

Auch die beiden andern zentralen Partien sind qualitativ hochwertig besetzt. Simon O‘Neill ist mit seinem leidenschaftlich glühenden Tenor, dem die anspruchsvolle Tessitura des Parts keinerlei Probleme bereitet, bewundernswert. Und Christines Buffles reifer, effektvoll zwischen Lyrik und Dramatik wechselnder Sopran hat als Miranda große Präsenz und gewinnt mit der Entwicklung der Partie zusehends an Stimmfluss und Sympathie. Aus dem übrigen Ensemble ragt James Gilchrist heraus, dessen Tenor als Antonio mit vorbildlicher Artikulation ebenso lebendig wie exquisit diese Einspielung bereichert. Doch auch Dennis Wilgenhofs mit dodekaphonischen Linien gestalteter Caliban (mit leichter Anlaufphase) oder Josef Wagners (Sebastian). Andreas Maccos (Gonzalo) und Marcel Beekmans (Adrian) vokalen Referenzen an die Musiksprache Weills sorgen für klug gezeichnete, stimmlich zuverlässige Charaktere.

Nach diesem überzeugenden Plädoyer für Frank Martins zu Unrecht vernachlässigtes ‚Zauber-Lustspiel‘, wie es im Untertitel heißt, kann man eine szenische Wiederaufführung nur herbeisehnen. Die konzertante Amsterdamer Aufführung in der bekannten Reihe der Zatertags Matineen jedenfalls, war ein großer Erfolg bei Publikum und Presse. – Das Schöne an Martins 'Sturm' und an dieser überaus gelungenen Aufnahme ist, dass beides so reich an bemerkenswerten Aspekten, an Staunenswertem ist, dass sich gar nicht alles ansprechen lässt. Deshalb hilft nur eines: selbst hören, wieder hören – und mit staunen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Frank Fechter,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Martin, Frank: Der Sturm

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
3
20.05.2011
Medium:
EAN:

CD
034571178219


Cover vergössern

Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Hyperion:

  • Zur Kritik... Klagegesänge: Palestrina ist mit seinen Lamentationen für die Karwoche bei Cinquecento in idealen Kehlen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Saint-Saëns mit Esprit und Biss: Zwei frühe Symphonien von Camille Saint-Saëns erklingen hier zusammen mit dem bestens bekannten 'Karneval der Tiere' – vor allem die beiden Symphonien können sich hören lassen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... In die erste Reihe: Eine weitere Großleistung in der Haydn-Edition des London Haydn Quartet. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Hyperion...

Weitere CD-Besprechungen von Frank Fechter:

  • Zur Kritik... Frischer Furor mit Grenzen: Die engagierte Neueinspielung von Mozarts früher 'Betulia liberata' unter Michi Gaigg scheitert leider an einem jungen Sängerensemble mit gesangstechnischen Defiziten. Weiter...
    (Frank Fechter, )
  • Zur Kritik... Felix Weingartners Lieder: Keine lohnende Entdeckung sind Felix Weingartners Lieder, die stilistisch mehr reagieren als innovativ zu sein. Die Interpretationen junger Sänger können darüber nicht hinweghelfen. Weiter...
    (Frank Fechter, )
  • Zur Kritik... Weills Kinderpantomime: Kurt Weills wiederentdeckte Musik zu einer Kinderpantomime gewährt einen Blick auf seine frühen Jahre. Die gelungene Ersteinspielung klingt idiomatisch und macht neugierig auf eine Bühnenaufführung. Weiter...
    (Frank Fechter, )
blättern

Alle Kritiken von Frank Fechter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ideenarme Schwerfälligkeit: Unterschiedliche, teilweise noch unbekannte geistliche Werke von Giacomo Meyerbeer zeigen neue Facetten des Opernkomponisten. Die Preußische Philharmonie unter Dario Salvi vermag dieses Repertoire allerdings nur etwas nüchtern zu interpretieren. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Feierliche Romreise: Das Buffalo Philharmonic Orchestra unter JoAnn Falletta widmet sich der 'Römischen Trilogie' von Ottorino Respighi. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Dunkler Sog: Eine große Passion, in Substanz und Faktur wie in Deutung und künstlerischer Ambition. Masaaki Suzuki und sein Bach Collegium Japan mit einem veritablen Lebenszeichen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2020) herunterladen (2910 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Mieczyslaw Weinberg: Concertino op.42 bis - Moderato espressivo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich