> > > Hayes, William: The Passions. An Ode for Music
Samstag, 15. Dezember 2018

Hayes, William - The Passions. An Ode for Music

Musik eines Händel-Epigonen


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch wenn Hayes' Musik als epigonenhaft abgestempelt wurde und in Vergessenheit geriet, ist diese "Händel-Kopie" doch äußerst lohnenswert.

Mit seiner neuen CD ‚The Passions: an Ode for Music‘ von William Hayes (1708-1777) ging es Anthony Rolley darum, die Cäcilien-Oden-Tradition näher zu untersuchen, welche die berühmten Werke von Purcell und Händel hervorgebracht hatte. Er wollte sich bewusst mit dem musikalischen Umfeld dieser großen Kompositionen beschäftigen und stieß dabei auf Hayes‘ Cäcilienode aus dem Jahr 1750. Sie steht exemplarisch für die Tradition der englischen Cäcilienverehrung und lässt dadurch einen Vergleich zwischen Händels und Purcells Werken sowie denen ihrer nicht so bekannten Zeitgenossen zu. Es gibt bereits eine Einspielung von Teilen des Werks durch Antony Walker, dem Ensemble Cantilation und die Sopranistin Emma Kirkby (entstanden 2006). Dagegen ist die Einspielung mit Anthony Rooley und dem La Cetra Barockorchester Basel die erste, die das Werk des Oxforder Musikprofessors in voller Länge zu Gehör bringt.

William Hayes war ein großer Bewunderer Händels. Er zählte zu den wichtigsten Händeldirigenten zu Lebzeiten seines Idols und machte dessen Werke außerhalb Londons durch prunkvolle Konzerte bekannt. Beide Komponisten schätzten sich, auch wenn ihr Kontakt nur sehr sporadisch war. Händels Kompositionen studierte Hayes wohl sehr gründlich, so dass er dessen Stil auf seine eigenen Werke übertragen konnte. Allerdings hatte sich Hayes im Gegensatz zu Händel auf die englische Form der Kammerkantate und Anthems mit Orgelbegleitung spezialisiert, weshalb seine Werke trotz der stilistischen Nähe nicht als direkte Kopie Händelscher Musik zu bezeichnen ist. Einzig sein Oratorium 'The Passions' nutzt dieselben Formen, die auch Händels große Chorwerke auszeichnen. Das Stück war seit seiner Uraufführung in England sehr beliebt und wurde auch nach dem Tod des Komponisten noch, als geniales Meisterwerk geltend, immer wieder aufgeführt.

Das Libretto zu 'The Passions' von dem Dichter William Collins handelt von den wechselnden menschlichen Emotionen, die Hayes in der Musik mit bildhafter Genauigkeit ausgestaltet. Sie sollte in ihrer Ausdruckskraft die entsprechende Stimmung im Hörer hervorrufen, so dass das Auditorium von einem Wechselbad der Gefühle geschüttelt würde. Hayes nutzt dafür eine zweiteilige Grundform, deren Abschnitte jeweils von einer französischen Ouvertüre eröffnet werden. Die zwei Akte schließen je mit einem prächtigen Chor, wie Hayes sie bei Händel bewunderte. Dazwischen stehen jeweils fünf Arien, in denen die Sänger zusammen mit dem Orchester unterschiedliche Emotionen evozieren. Die inhaltliche Aussage des Werks erinnert stark an Händels 'Alexander's Feast' nach einem Gedicht von John Dryden, das ebenfalls als einziges Thema die Darstellung wechselnder Gefühle hat. Dieser sogenannte ‚Affektausdruck‘ galt damals als wichtigstes Ziel der Musik, weshalb diese Emotionsmusik die Spitze der Kompositionskunst war.

Rooley hat für seine Neueinspielung des Werks durchweg hervorragende Gesangssolisten gefunden, die mit ihren hellen, klaren Stimmen Hayes Musik schnörkellos vortragen. Der Chor der Schola Cantorum Basiliensis ist mit viel Sangesfreude und differenzierter Gestaltung dabei, und das La Cetra Barockorchester Basel begleitet die Sänger energiegeladen und engagiert. Die Einspielung sprüht vor Vitalität und Feuer. Wenn nötig, bedient sich Rooley eines majestätischen Forte, welches mit unbändiger Freude den Hörer mitreißt. Besonders in den beiden Schlusschören 'Revenge impatient rose' und 'Thy wide extended Power' werden von ihm alle klanglichen Register gezogen, die ihm sein Ensemble bietet. Funkelnde Trompeten mit glitzernder Höhe und eine dynamisch sehr variabel gespielte Pauke bringen den von Hayes so geliebten Händelschen Schwung. In den Arien wählt Rooley eine dezente Instrumentierung, die den wohlgeführten Gesangsstimmen sehr gut gerecht wird. Die Sänger müssen sich nicht gegenüber dem Orchestertutti durchsetzen, sondern können mit feinnuanciertem Stimmausdruck die geforderten Affekte ausmalen.

Ulrike Hofbauers Interpretation der allegorischen Figuren Hoffnung und Vernunft ist von herrlicher Schlichtheit. Sie führt ihre Stimme selbst in der Höhe fast vibratolos, ohne dafür jedoch Lebendigkeit in der Tongebung opfern zu müssen. Im Duett mit der Oboistin Kerstin Kramp in der Arie 'Still it whispered promised pleasure' entfaltet sie sehr schöne weitgeschwungene Kantilenen. Ihre Koloraturen sind von schwebenderLeichtigkeit. Die mit der Rolle der Erzählerin und der Melancholie bedachte Evelyn Tubb singt ihre Parts etwas manieriert mit übertriebenem Sprachduktus. Ihre Tongebung schwankt stark in der Klangfarbe, und sie wird von ihren Schülern Ulrike Hofbauer, David Munderloh und Lisandro Abadie gesanglich in den Schatten gestellt. Stimmlich kann sie leider nicht überzeugen.

David Munderloh (Tenor) gibt in seiner Interpretation der Verzweiflung der Musik einen exzellenten Lamento-Tonfall, um die klagende Jämmerlichkeit der Verzweiflung darzustellen. Im zweiten Teil der Arie steigert er sich in eine kraftvoll jähzornige Aggressivität, die die andere Seite der Verzweiflung zeigt. Lisandro Abadie (Bass) singt die Parts von Zorn und Rache sehr temperamentvoll. Voll Elan schmeißt er sich in der Arie 'Next Anger rushed' in die aufbrausenden Koloraturen des Zorns. Das Orchester spielt dazu mit energischen Akzenten hoch und runter rasende Akkordbrechungen und Tonleitern, die die aufwallende Wut phantastisch darstellen. In seiner zweiten Arie als Rache 'He threw his blood-stained sword' kann Abadie noch einmal auf den kraftvollen Ausdruck seiner Stimme bauen, um ‚Rache, Rache!‘ zu singen. Rooley treibt dazu die Musik mit angriffslustiger Unruhe immer weiter vorwärts, um die schmetternden Trompeten einen sehr kriegerischen Eindruck vermitteln lassen zu können. Der Countertenor Sumihito Uesugi gestaltet die Rolle der Eifersucht mit herausfordernd scharfen Koloraturen, die sich aber immer wieder urplötzlich in einen traurigen Wehgesang modulieren. Die Streicher spielen dazu mit peitschenden Strichen, die provozierend bösartig klingen.

Auch wenn Hayes Musik, als epigonenhaft abgestempelt, in Vergessenheit geriet, ist diese ‚Händel-Kopie‘ doch äußerst lohnenswert. Die Musik ist einfach so gut, dass sich Händel sicher schämte, wenn sie ihm heutzutage zugeschrieben würde. Rooley versteht es ferner, den erforderlichen Händel-Sound auf Hayes zu übertragen und legt damit eine insgesamt brillante Neueinspielung vor.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hayes, William: The Passions. An Ode for Music

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
01.05.2010
EAN:

8424562225015


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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