> > > Carissimi, Giacomo: Historia Divitis
Samstag, 15. Dezember 2018

Carissimi, Giacomo - Historia Divitis

Italienische Oratorien


Label/Verlag: ORF
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Oratorien von Carissimi und Bertali in einer homogenen Ensemble-Interpretation durch die Neue Hofkapelle München und Christoph Hammer.

Giacomo Carissimi (1605-1674) und Antonio Bertali (1605-1669) sind keineswegs unbekannte Größen – Carissimi als langjährig im Musikzentrum Rom tätiger Komponist und Schöpfer eines umfangreichen kirchenmusikalischen Werks, Bertali als Musiker des habsburgischen Hofes in Wien, wo er zunächst als Instrumentalist und seit 1649 als Hofkapellmeister aktiv war. Die vorliegende Einspielung mit der Neuen Hofkapelle München unter Christoph Hammers Leitung widmet sich zwei knappen Oratorien. Von Carissimi kommt die 'Historia Divitis' – eine Parabel im Spannungsbogen zwischen dem Bettler Lazarus und dem reichen Völler, der sich vergeblich darum müht, sein vorangegangenes Leben korrigieren zu können – zu Gehör. Komplementiert wird diese Komposition durch Bertalis Oratorium 'La strage de gl’innocenti', das sich inhaltlich auf die Tötung der erstgeborenen Kinder nach der Geburt Jesu und die daraus resultierende Klage der betroffenen Mütter bezieht.

Die Musik

Carissimis Oratorium ist von einer engen Folge der formal wenig begrenzten Sätze geprägt, sehr gelegentlich gibt es ariose Anklänge, grundsätzlich vollzieht sich das musikalische Geschehen aber in einer rezitativischen Entwicklung, die häufig von ritornellartigen, zusammenfassenden Ensembles dramatisch pointiert wird. Die biblische Geschichte wird auf diese Weise mild dramatisiert, getragen von vokalen Linien, die den Vokalisten keine hochvirtuosen Anstrengungen abverlangen, aber doch genügend Raum zur Präsentation bieten.

Bertalis zweiteiliges Oratorium wird jeweils von einer knappen Instrumental-Sinfonia eingeleitet und im ersten Abschnitt ähnlich der Komposition Carissimis wesentlich von rezitativischer Dramatik bestimmt. Doch weist Bertalis Stil deutlich stärker ausgeprägte kantable Qualitäten auf, die nicht selten mit wechselnden Rhythmisierungen kontrastiert werden. Die instrumentalen Anteile sind eigenständiger und zugleich charakteristischer konturiert als bei Carissimi. Im zweiten Teil des Oratoriums gewinnt eine konzentrierte Expressivität an Bedeutung, die vor allem im Zusammenspiel der hohen Vokalstimmen realisiert wird.

Die Interpretation

Beteiligt sind acht Sängerinnen und Sänger, die auf einem erfreulich hohen Niveau ausgeglichen agieren. Im Einzelnen sind es die Sopranistinnen Ulrike Hofbauer und Kristina Jaunalkse, die Altistin Ulrike Andersen und der Altus Alex Potter, die beiden Tenöre Robert Sellier und Manuel Warwitz sowie die beiden Bassisten Dominik Wörner und Manfred Bittner. Sie interagieren ebenso intensiv wie sensibel und haben ein erkennbar sicheres Gespür für die kompositorische Faktur der Musik in ihrem steten Wechsel von rein solistischen Abschnitten und kompakten, teils auch durchbrochenen Ensembles. In der Summe sind in den Randstimmen strahlend klare Soprane und profunde Bässe zu hören, dazwischen homogen ergänzt durch schön zeichnende Tenöre und bewegliche Altstimmen. Die Vokalisten punkten eindeutig als fein ausbalanciertes Ensemble.

Instrumental fällt vor allem der sehr farbige Basso continuo ins Gewicht, der mit perkussivem Drang und vollgriffiger Dramatik klanglich unter anderem von Barockharfe und Theorbe bestimmt wird. Außer in den einleitenden Abschnitten Bertalis sind die Streicher nur gelegentlich, in idiomatisch deutlich mit dem Vokalen verwandten Passagen gefordert. Dann gelingen aber schöne Farbwechsel, die die verschiedenen Abschnitte charakteristisch ausleuchten. Das alles ist in einem sehr klaren Klangbild realisiert, das vielleicht zu wenig tiefengestaffelt ist, um einen wirklich sehr guten Eindruck zu hinterlassen.

Christoph Hammer sorgt für einen frischen, dramaturgisch orientierten Fluss und leitet die Solisten und die Instrumentalformation zu einer echten Ensembleleistung an. Vor allem die fein abschattierte vokal-instrumentale Konstellation garantiert eine sehr interessante Gestaltung der an sich wenig varianten Kompositionen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Carissimi, Giacomo: Historia Divitis

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORF
1
28.01.2010
EAN:

9004629314662


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ORF

Wer hätte gedacht, dass sich die "ORF Edition Alte Musik" in wenigen Jahren zu einem international renommierten Label entwickelt. Mit vielen Plattenpreisen ausgezeichnet, umfasst die Edition nun hundert Titel. Künstler der Edition feiern mit Freunden und Gästen im Palmenhaus.

"Alte Musik - neu interpretiert"
Die ORF Edition Alte Musik feiert ihren 100. Titel
Zum Jubiläum der «ORF Edition Alte Musik» zu schreiben, heisst zuerst einmal, all denen zu danken, die mitgeholfen haben, die über 100 CD aus der Taufe zu heben, vor allem den Musikern, die ihre ganze künstlerische Kraft gaben und schließlich auch jenen, die die fertigen Produkte gekauft haben. Und das sind viele: so könnte im Schnitt jedes Ö1-Club-Mitglied zwei Titel der Edition besitzen. Ich bedanke mich herzlich!

Ziel dieser Edition ist es, musikalisches Neuland zugänglich zu machen (ich denke hier in erster Linie an die Unica-Reihe, in der bisher ungehobene Schätze veröffentlicht, werden oder die Serie "paradise regained - polyphonie der renaissance") und neben bereits renommierten Künstlern auch Newcomers der Szene zu präsentieren. Die Akzeptanz der Aufnahmen beim Publikum und der Presse ist hoch. Mit vielen internationalen Preisen - wie etwa dem begehrten "diapason d'or" in Frankreich oder den "5 stars" des Goldberg Magazine - ausgezeichnet, ist die Edition heute eines der weltweit führenden Labels für Alte Musik.
Glücklicherweise wurde das Projekt von Anfang an von leidenschaftlichen Menschen, Kollegen, Künstlern und Publikum mitgetragen und gefördert: Gerhard Weis, der als Generalintendant und Händel-Fan die Edition erst ermöglichte, Freunde und Stars wie Nikolaus Harnoncourt, Jordi Savall, William Christie, Marc Minkowski, Christophe Rousset, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt, René Jacobs oder Giovanni Antonini, die das Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Aufnahmen in der Edition gaben und schließlich von den Aufnahmeleitern Wolfgang Sturm, Erich Hofmann und Wolfgang Racher. Ohne den Einsatz, das Interesse an neuen Formaten und unorthodoxen Aufnahmeverfahren und ohne eine große Portion Idealismus von Technikern wie Robert Pavlecka, Josef Schütz und Klaus Wachschütz hätte vieles nicht stattfinden können. So wurden in der Edition die ersten 5.1-surround Aufnahmen und die ersten SACD des ORF veröffentlicht.

Für mich ist freilich dieses Jubiläum ein Anlass, auch über die Zukunft der Edition, ja die Zukunft der sogenannten "Alten Musik" generell nachzudenken. Die medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit lassen Böses erahnen. Praktisch jedem wird Werkzeug in die Hand gegeben, um sich mittels Video oder Audio z. B. per Podcast zu verwirklichen. Eine Informations- und Datenflut bricht auf uns herein. Eine gigantische Welle, die wohl zum Großteil zu entsorgenden Müll mit sich schwemmt.
Informationen, die auf allgemeines Desinteresse stoßen, niemanden - außer wenigen - interessieren. Freiheit und Möglichkeit für alle, sich zu produzieren. "Man muss ja nicht hinschauen oder -hören!" - Doch dazu muss der Mensch erst motiviert werden. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass gerade die Alte Musik mit ihren oft klaren Strukturen, Harmonien und Melodien den Menschen das gibt, was viele suchen: emotionelle Identifikation. Gerade diese Möglichkeit der Identifikation wird in Zukunft an Wert gewinnen, wenn auch Musikkultur immer mehr zur Eventkultur, wenn ganz individuell erkannte und gewonnene Inhalte durch global geprüftes, vorgekautes "Gourmet-Menü" in Frage gestellt werden. "Fast food" oder "Mainstream" wird Alte Musik nie sein! Dass sie weiterhin an Publikum gewinnt, zeigt sich auch an der Akzeptanz der ORF Edition Alte Musik.

Bernhard Trebuch
Herausgeber der ORF Edition Alte Musik


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