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Samstag, 15. Dezember 2018

Orlando di Lasso - Weihnachtsmotetten

Spezielles


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Weser-Renaissance und Manfred Cordes auf speziellen Spuren Orlando di Lassos: Eine sehr gelungene Einspielung der 'Prophetiae Sibyllarum', kontrastiert mit einigen Weihnachtsmotetten des großen Renaissance-Meisters.

Orlando di Lasso (1532-1594) war zu seiner Zeit ein unumstrittener Meister aller musikalischer Klassen. Nicht, dass die souveräne Beherrschung dieser komplexen Materie zu wenig der Ehre wäre. Aber es überrascht eben auch nicht, gerade bei diesem weltgewandten und gedankenvollen Meister einen einzigartigen Edelstein der Musikgeschichte zu finden: Die 'Prophetiae Sibyllarum‘. Das sind Texte basierend auf antiken Vorbildern, die im Lauf der Zeit in den christlichen Gedankenkreis aufgenommen, gar in die Liturgie integriert wurden und mancherorts eine eigenständig-regionale Wirkungsgeschichte entfalteten. Im Zentrum stehen ekstatisch weissagende Frauengestalten, die durch ihre Ankündigung eines heilbringenden Kindes Aufnahme in das christliche Selbstverständnis finden konnten. In der bildenden Kunst der Renaissance spielten die Sibyllen eine wahrnehmbare Rolle, blieben in der Musik aber ohne weiteren Widerhall.

Wäre da nicht Orlando di Lasso gewesen, der das Sibyllen-Sujet mit der Verwendung des chromatischen Tongeschlechts verknüpfte und damit ein singuläres Werk in die Musikgeschichte stellte. Denn auch die konsequente, als grundlegendes kompositorisches Prinzip angewandte Chromatik ist einerseits ein Rückgriff auf die antike Beschäftigung mit dieser Form des Tongeschlechts und greift andererseits seiner Zeit voraus – die großen Chromatiker sollten mit ihrer Kunst erst noch folgen.

Hochkarätige Interpretation

Manfred Cordes bettet die 'Prophetiae Sibyllarum‘ gedanklich konsequent in Weihnachtsmotetten di Lassos ein, denn die Gesänge der Sibyllen wurden inhaltlich der Weihnachtszeit zugeordnet. Und für sich genommen ist der Zyklus der Weissagungen zu knapp für das Programm einer Platte. Auch hat Cordes der Anordnung der Sätze besondere Aufmerksamkeit gewidmet: Dem liegt die völlig richtige Beobachtung zu Grunde, dass sich die Empfindsamkeit des heutigen Hörers doch allzu schnell an die eigentlich ja atemberaubend kühnen harmonischen Zusammenhänge gewöhnen und den Zyklus damit eines seiner wichtigsten expressiven Momente berauben würde. Also folgt auf zwei chromatische Sätze eine Motette in herkömmlicher Meisterschaft – das soll keinesfalls ein qualitatives Gefälle kennzeichnen, nur die zweifellos sinnvolle Gliederung des Programms andeuten.

Das Ensemble Weser-Renaissance ist in der Vergangenheit mit etlichen bemerkenswerten Platten hervorgetreten und setzt das hohe interpretatorische Niveau auch hier bruchlos fort: Die Sopranistinnen Nele Gramß, Ulrike Hofbauer, der Altus Franz Vitzthum, die beiden Tenöre Bernd O. Fröhlich und Jan van Elsacker sowie der profunde Bass Kees Jan De Koning bilden ein famoses Vokalensemble – und das im besten Wortsinn. Denn die feine, abgestimmte, hörende Interaktion ermöglicht es den Vokalisten, sich gemeinsam und ganz selbstverständlich auf dem schwierigen Terrain der chromatischen Sätze zu bewegen. Dabei ist es ein klarer Vorzug dieser Aufnahme, dass sich Manfred Cordes den Sätzen bei seiner Deutung mit Dezenz und einer gewissen Vorsicht nähert. Eine Harfe mitgehen zu lassen, macht dazu einen guten Eindruck – verleiht sie doch dem harmonisch so schillernden Gewebe eine gewisse perkussive Struktur und lässt die Vokalstimmen doch absolut im Vordergrund agieren. Besondere Erwähnung verdient die hervorragende Intonation der Vokalformation, die sich bei aller Herausforderung unangestrengt zeigt.

In den Weihnachtsmotetten treten weitere Instrumente hinzu, teils als geschmackvolle ‚Klangverstärker‘ aber auch als konstituierende Teile der opulenteren Sätze, wenn Cordes die Besetzungen farbiger registriert und effektvoll zusammenstellt. Dabei fließen die Tempi ohne Zwang, werden dynamische Effekte eher in feiner Staffelung als in grober Geste gesucht. Klanglich sind alle Sätze sehr transparent und ausgewogen abgebildet, werden alle vokalen und instrumentalen Stimmen plastisch nachvollziehbar gemacht.

Die 'Prophetiae Sibyllarum‘ sind ein fast seltsam zu nennender Teil des Werkes Orlando di Lassos. Das wird besonders im direkten Kontrast mit Motetten seiner ‚üblichen‘ kompositorischen Meisterschaft deutlich. Manfred Cordes arbeitet in seiner Interpretation der Sibyllen-Gesänge an einer möglichst wirkungsvollen Präsenz des chromatischen Elements und setzt dabei auf eine hörende Interpretation: Hörend aus Sicht der starken Vokalisten, und hörend in der Perspektive des Rezipienten, der durch eine geschickte Programmgestaltung in den Sog der chromatischen Kunst die Lassos gezogen wird. Eine Produktion, die sich auch im Vergleich mit anderen Einspielungen der 'Prophetiae Sibyllarum‘ aus der jüngeren Vergangenheit, etwa von den Ensembles Daedalus oder De Labyrintho, im Repertoire sehr gut behaupten kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Orlando di Lasso: Weihnachtsmotetten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.12.2009
EAN:

761203746828


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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