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Samstag, 15. Dezember 2018

Nicolai, Otto - Il Templario

Detektivisch


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Ersteinspielung von Otto Nicolais Belcanto-Oper 'Il templario' ist ein voller Erfolg. Die Musik überzeugt, und ähnliches gilt auch für die musikalische Umsetzung.

Rechtzeitig zum Otto Nicolai-Bizentenarium ist mit diesen zwei CDs eine Produktion vorgelegt worden, die den Platz des Komponisten in der Musikgeschichte nachhaltig neu bestimmt. 'Il templario’ (1840) war ein Beitrag Nicolais zum italienischen Belcanto, einer zu diesem Zeitpunkt, nach Bellinis Tod und Donizettis und Rossinis Weggang nach Paris, im Umbruch befindlichen Gattung. Nicolai trat also in direkte Konkurrenz unter anderem zu Pacini, Mercadante und dem jungen Giuseppe Verdi. Da Nicolai 1841 nach Wien zurückkehrte und 'Il templario’ ungedruckt blieb, geriet die Partitur in Vergessenheit und musste für lange Zeit als verschollen gelten. Erst für die vorliegende Produktion begab sich der Musikwissenschaftler Michael Wittmann auf die Suche nach der Partitur. Die Originalhandschrift war im Zweiten Weltkrieg in Berlin der Vernichtung anheimgefallen, doch mehrere Abschriften konnten in detektivischer Spürarbeit aufgefunden werden. Sie wiesen teilweise eklatante Abweichungen auf und erst eine Erarbeitung der Aufführungshistorie konnte die Quellen in eine angemessene Struktur bringen und die Ursprungsform wiederherstellen, nach welcher der Komponist immer wieder Veränderungen an der Oper vorgenommen hatte (das Booklet bietet ausführliche Erläuterungen). (Ähnlich komplex scheint die Quellenlage zur Oper 'Il proscritto’ zu sein, die dem Vernehmen nach im Herbst 2010 aufgeführt werden soll.) Eine Edition des 'templario’ steht kurz vor Drucklegung. Die Chemnitzer Produktion erlebte gute bis sehr gute Kritiken und cpo ließ es sich nicht entgehen, die Aufführung des 7. März 2008 (einen Mitschnitt des Deutschlandradio Kultur und des MDR) auf CD vorzulegen.

Die Oper behandelt das bekannte Sujet des Ivanhoe von Sir Walter Scott, das unter anderem auch Heinrich Marschner und Arthur Sullivan zu Opern inspirierte (eine neue CD-Produktion der Sullivan-Oper steht kurz vor der Veröffentlichung) und auch in Hollywood erfolgreich war (mit Liz Taylor, Joan Fontaine, Robert Taylor, George Sanders und Felix Aylmer, Produktion 1952; Musik Miklós Rózsa). Nicolai gestaltet das Sujet musikalisch ausgesprochen reich aus und zeigt sich manch einem nativen Zeitgenossen auf dem Gebiet der italienischen Oper überlegen. Dramatische Kraft, lyrische Tiefe – alles zusammen ist dazu angetan, bei entsprechend sorgfältiger Produktion ein kleines Meisterwerk seines Genres zu präsentieren, das italienischen Duktus und Nicolais Personalstil auf das Erfolgreichste miteinander verbindet.

Der aus Missouri stammende Stanley Jackson singt den Vilfredo d’Ivanhoe. Bisher hat der lyrische Tenor, dessen Timbre ein wenig an den heute vergessenen John van Kesteren oder den jungen Ryland Davies erinnert, nur wenig Belcanto gesungen und man spürt, dass er in diesem Gesangsstil nicht wirklich heimisch ist. Immer wieder ist die Mühe zu spüren, mit der er Spitzentöne hervorbringt, die zwar oft Glanz, aber eben auch eine gewisse musikalische Unfreiheit haben. Bei einer derartig anspruchsvollen Partie sind das aber nur minimale Abstriche – musikalisch gelingt es ihm durchaus, die Partie mit Leben zu füllen.

Tiina Penttinen singt die Rebecca, die bei Marschner titelgebende Jüdin, deren Liebe zu dem Kreuzritter Vilfredo d’Ivanhoe keine Chance hat. Eine anspruchsvolle Mezzosopran-Partie, in der Penttinen von ihrem ersten Takt an zu packen weiß. Sie erfüllt die Mammutpartie von Anfang bis Ende mit musikalischer Spannung, verliert aber in der Forte-Attacke etwas an musikalischer Raffinesse – ein wenig ähnlich Elīna Garanča und Ann Murray. Allerdings sind ihre Koloraturen gelegentlich etwas ungelenk – ein wenig spürt man denn doch, dass Belcanto ein heute keineswegs mehr allgemein geläufige Gesangstechnik ist. Die Sopranistin Judith Kuhn, Ensemblemitglied der Chemnitzer Oper, ist als Rovena die Widersacherin Rebeccas, das Mündel des Anführers der angelsächsischen Traditionalisten. Kuhn besitzt Schmelz und Charme (ganz wunderbar 'm’illude amore’, das fast an Edita Gruberovà gemahnt), doch echte Italianità vermag sie ihrer Partie nicht zu verleihen. Dennoch insgesamt eine deutlich mehr als respektable Leistung.

Ivanhoes schurkischer Gegenspieler Briano di Bois-Guilbert wird durch den gebürtigen Hamburger Hans Christoph Begemann mit Verve und Stilgefühl gesungen – seine klangschöne Stimme passt sowohl dem Genre als auch, mit der Möglichkeit der vokalen Attacke, der Partie bestens, doch vielleicht übertreibt er in Momenten ein wenig. Auch die comprimarii (Kouta Räsänen als Cedrico il Sassone, Andreas Kindschuh als Luca di Beaumanoir und André Riemer als Isacco di York) sind sorgsam, wenn auch nicht immer idiomatisch besetzt. Größter Schwachpunkt der Produktion ist der Chor, bei dem man nicht nur kaum ein Wort versteht (Choreinstudierung Mary Adelyn Kauffman), sondern der auch musikalische keine Einheit bildet und so unidiomatisch wie nur möglich agiert. Selbst wenn man ihm zugute hält, dass es sich um einen Live-Mitschnitt handelt, muss man ihm einen klaren Mangel an Italianità attestieren. Dabei hat er herrliche Musik, schon der Eröffnungschor vermittelt genial zwischen spätem Schubert und dem frühen Wagner (Rienzi – hatte Wagner etwa 1841 eine Aufführung des templario in Wien gehört oder zumindest Einblick in die Partitur gehabt?).

Frank Beermann inspiriert die Robert-Schumann-Philharmonie zu lebhaftem, farbenfrohem Spiel und verleiht der Aufführung Form und Gestalt – seine internationale Erfahrung gerade auch mit Musik des 19. Jahrhunderts erweist sich als außerordentlich glücklich. Wäre es nicht auf der CD entsprechend vermerkt, es wäre nicht zu merken, dass es sich bei dieser Produktion um den Livemitschnitt einer Bühnenaufführung handelt – Nebengeräusche sind nonexistent, selbst Applaus fehlt. Aber das bedeutet natürlich auch, dass die aufnahmetechnische Komponente um so höher zu bewerten ist. Eine Wiederentdeckung, die ihren Weg in die Welt machen sollte!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nicolai, Otto: Il Templario

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.07.2009
EAN:

761203743421


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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