> > > Schwartz, Jay: Music for five stringed instruments
Montag, 24. Juli 2017

Schwartz, Jay - Music for five stringed instruments

Von der Topologie der Klänge


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Musik von Jay Schwartz bewegt sich zwischen Physik und Poesie und erreicht dadurch einen universalen Charakter.

‚Es ist gut für die Seele des Komponisten, etwas zu schreiben, das nichts anderes zu sein vorgibt, als es ist’ sagte Morton Feldman einmal über eines seiner Werke. So ähnlich verhält es sich mit der Musik von Jay Schwartz. ‘Music for Orchestra’, ‘Music for Chamber Ensemble’, ‘Music for Piano’ oder ‘Music for Autosonic Gongs’ sind seine Werke betitelt, und genau das wollen sie sein: Musik – klingende, in Form gebrachte Schwingungen, hörbar gemachte Physik. Vier Beispiele sind auf der Portrait-CD versammelt, die jüngst in der Edition Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats bei Wergo erschienen ist.

Die 1997 entstandene ‘Music for Five Stringed Instruments’ markiert einen Wendepunkt in Jay Schwartz' Schaffen und bildet gleichzeitig den Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von weiteren Werken. Innerhalb von zwanzig Minuten wird hier das Entstehen eines tonalen Prozesses ausformuliert. Die Verlangsamung von Formprozessen, vom Übergang des Geräuschstadiums in einen Ton, mithin die Mikroskopierung der Tonerzeugung wird hier formal gestaltet. Diese Gestaltung unterliegt dabei einer strengen Architektur: Sowohl horizontal als auch vertikal, in Mikro- und Makrostruktur werden mathematische Prinzipien angewandt, von den Proportionen des Goldenen Schnitts bis zur Fibonacci-Reihe.

Das Geräuschhafte ist bei Schwartz nicht das Andere gegenüber einer tonalen Tradition sondern das Resultat einer extremen Konzentration auf die Ränder der Klangerzeugung. Wenn man in einem Schubertschen Streichquintett zu Beginn eines Akkordes das Bogengeräusch wahrnimmt, so ist dieses ‘Abfallprodukt’ der Tonerzeugung für Schwartz der Beginn eines gigantischen Zooms, einer Art von musikalischer Zeitlupe. Das Stadium zwischen Bogengeräusch und klingendem Ton wird auskomponiert, und der Hörer hat die Gelegenheit zu einer akustischen ‘Entdeckung der Langsamkeit’. Dass Langsamkeit nicht gleichbedeutend mit Langwierigkeit ist, liegt an dem außergewöhnlichen Formsinn von Jay Schwartz. Die Struktur seiner Werke ist hervorragend ausgehört, so dass die Aufmerksamkeit des Hörers keiner Leerstelle ausgesetzt wird.

Zum zentralen musikalischen Gestaltungsmoment wird das Glissando. Es bietet die Möglichkeit des lückenlosen Übergangs zwischen zwei tonalen Stadien, somit zur totalen Ausdifferenzierung des Zwischenraums, gleichsam wie die Unendlichkeit der Spiegelachsen einer Kugel. Die Glissandi schaffen zugleich den Eindruck von Räumlichkeit und Weite, nicht zuletzt durch die Assoziation zum Doppler-Effekt. Obwohl die Glissandi in Schwartz' Music zunächst physikalische Bedeutung haben, ist er sich der Konnotationen dieser Gesten durchaus bewusst. Das absteigende Glissando ist in gewisser Hinsicht die Verlängerung des barocken Seufzermotivs, und hat durch seinen ausatmenden Habitus zutiefst menschlichen Charakter. Dadurch, dass Bogengeräusche den menschlichen Atemgeräuschen ähneln, meint der Hörer zuweilen, einem Bläserensemble beizuwohnen. So erklingen in der ‘Music for Orchestra’ an zentraler Stelle vermeintliche Bläserchöre, mitsamt ihren Obertoncharakteristika – allein, das Werk wird nur von Streichinstrumenten ausgeführt.

Die Portrait-CD besticht durch hervorragende Interpretationen: ‘Music for Orchestra’ erklingt in einem Live-Mitschnitt der Uraufführung, die das HR-Sinfonieorchester unter Diego Mason besorgte. Aus Stuttgart stammen die Aufnahmen der ‘Music for 12 Cellos’ und ‘Music for Six Voices’, die diese Zusammenstellung ergänzen, mit den Cellisten des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR unter der Leitung von Erik Nielsen und den Neuen Vocalsolisten. Das zentrale Werk der Einspielung, die ‘Music for Five Stringed Instruments’ wurde vom Kairos Quartett und Matthias Bauer neu aufgenommen.

Die Musik von Jay Schwartz in ihrem Schwebezustand kann, so mag man es ihr vorhalten, auf Dauer erhaben wirken – und erhoben über das Alltägliche unserer Zeit. Ihrer Schnelllebigkeit und Enge möchte Schwartz mit dem Gefühl von Langsamkeit, Weite und Raum etwas ganz anderes entgegensetzen. Und so wird die Erhabenheit verständlich: diese Musik, gleichsam wie ein auskomponiertes ‘sanftes Gesetz’ sensibilisiert für die innere Größe der kleinsten Partikel in der Materie die uns umgibt; als der Zeit unterworfene wird die Musik dem Hörer ähnlich. Adorno formuliert es in seiner ästhetischen Theorie: ‘Weniger wird der Geist vor der Natur seiner eigenen Superiorität gewahr als seiner Naturhaftigkeit. Dieser Augenblick bewegt das Subjekt vorm Erhabenen zum Weinen. Eingedenken der Natur löst den Trotz seiner Selbstsetzung: 'Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!' Darin tritt das Ich, geistig, aus der Gefangenschaft in sich selbst heraus.’

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schwartz, Jay: Music for five stringed instruments

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
23.04.2009
EAN:

4010228657227


Cover vergössern

WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag WERGO:

  • Zur Kritik... Elegische Ströme: Atvars Lakstigala und das Liepaja Symphony Orchestra spüren den Spannungswellen der drei hier aufgenommenen Orchesterwerke von Peteris Vasks feinfühlig nach. Allerdings überzeugt nicht jedes Werk gleichermaßen. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
  • Zur Kritik... Lob des orchesterbegleiteten Gesangs: Die Sopranistin Juliane Banse glänzt mit drei orchester- und ensemblebegleiteten Gesänge aus den vergangenen sechs Jahrzehnten. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Gezimmerte Klänge: Walter Zimmermann, Jahrgang 1949, gehört zu den wichtigsten Klavierkomponisten der Neue-Musik-Szene. Seine Klavierwerke der Jahre 2001 bis 2006 sind nun von Nicholas Hodges eingespielt worden. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von WERGO...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Dokumentation mit viel Mystery, aber wenig Voice: Die Privatperson Pilar Lorengar ist mit vorliegender Dokumentation ein wenig der geheimnisumwitterten Aura entrissen. Eine Pilar Lorengar-Dokumentation, die ihre Kunst und vor allem ihre Stimme thematisiert und detailliert beleuchtet, steht noch aus. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Schein und Wahrheit: Diese Aufnahme macht mit frühen Werken von Mátyás Seiber bekannt, die noch in Ungarn entstanden sind. Sie sind von inspiriertem Geist erfüllt, kurzweilig und dicht. Nur leider hört das Vergnügen schon viel zu bald wieder auf. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Finnische Romantik: Diese Aufnahme dreier Klarinettenquartette Bernhard Crusells ist nicht nur ein bedeutender diskographischer Beitrag, sondern aufgrund des bemerkenswerten Stilgefühls der Musiker auch interpretatorisch äußerst gelungen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (2/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich