> > > Reznicek, Emil Nikolaus von: Sinfonie Nr. 1 d-Moll ´Tragische´
Dienstag, 11. Dezember 2018

Reznicek, Emil Nikolaus von - Sinfonie Nr. 1 d-Moll ´Tragische´

Vielfalt als Befund


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Rezniceks ausladende Erste Sinfonie ist in der exzellenten Lesart Frank Beermanns ein Werk, das musikalischen Stile bündelt und ironisch hinterfragt.

Man kann das Osnabrücker Label CPO gar nicht genug loben, für seine unermüdliche Entdeckerfreude. Seit einiger Zeit gibt es dort auch einen Schwerpunkt, der Orchesterwerke von deutschsprachigen Komponisten, die circa zwischen 1880 und 1930 entstanden sind, zu Tage fördert. Zeitgenossen von Richard Strauss und Gustav Mahler, wenn man so will, denn sie sind aus unserer heutigen Perspektive die alles überragende Tonsetzer jener Jahre. Felix Weingartner, Hubert Bischoff, Joseph Marx, jüngst Bruno Walter und natürlich Emil Nikolaus von Reznicek gehören zu diesen nun wieder entdeckten Komponisten, die qualitativ hochwertige und in fast allen Fällen unverständlicherweise heute vergessene Werke geschaffen haben.

Reznicek (1860–1945) ist nicht nur für die Musik jener Zeit, sondern auch bei CPO eine Zentralfigur dieser musikalischen Epoche der klassischen Moderne. Eine fulminante Aufnahme seiner Ersten Sinfonie d-moll ist die jüngste Einspielung dieser Reihe. 1903 war sie in Berlin unter der Leitung von Felix Weingartner uraufgeführt worden. Sie trägt den Beinamen ‚Tragische’, was aber nicht in die Irre leiten sollte, denn Rezniceks Werk-Beinamen sind oft aus dem Kultur- und Zeitgeschehen heraus mit ironischer Brechung zu verstehen. Nicht um sonst wird die Zweite Sinfonie 1904 den Beinamen ‚Ironische’ bekommen.

Zeitmusik

„Die vorliegende Symphonie“, so Reznicek selbst erklärend, „ist als absolute Musik gedacht, die ohne Programm, lediglich unter der Signatur ‚tragisch’ das Verständnis für die psychologisch-dramatische Entwicklung eines durch das erste Thema symbolisierten Charakters auslösen soll.“ Wir befinden uns, kurz nach 1900, mitten in einer Zeit der Ergründung von Psyche und Charakter, der Bestimmung von Wesensmerkmalen, ihren Bedingungen und Veränderungen, der Ergründung des Pathologischen. Nietzsche, Lombroso, Freud, all das schwingt mit bei diesen Worten, die scheinbar paradox das Nicht-Programmatische zum Programm erklären. Rezniceks Erste Sinfonie ist in vielem ein Kind ihrer Zeit, kann – und will? – sie doch nicht die vielfältigen Einflüsse verbergen, die am Vorabend des dräuenden Endes der Gattung Sinfonie herrschen.

Mit 55 Minuten ist die Spieldauer der vier Sätze der Ersten Sinfonie (‚Mäßig, mit Majestät’ – ‚Leicht und so schnell als möglich’ – ‚Ziemlich Langsam’ – ‚Ziemlich Gehalten’) von Mahlerschen Ausmaßen, vor allem der ausladende Kopfsatz erinnert in seiner Architektur an den von Reznicek verehrten Zeitgenossen. Der große romantische Orchesterapparat wird mit kraftvollen Gesten genutzt, spätromantisch grübelnde Expositionen stehen heftig aufbrausenden Ausbrüchen in Brahmsscher Manier gegenüber. Mahlersche Bläsereinwürfe und Trompetensignale durchziehen die gesamte Sinfonie. Das Scherzo erinnert an Bruckner, das Finale ist ein Variationssatz, der wiederum an Berlioz denken lässt. Reznicek selbst notiert dazu, die wirr-philosophierenden Modeworte: „Pathologisches Symbol (d-moll, ostafrikanische Originalmelodie).Variiert in der Art einer fixen Idee, einer Zwangsvorstellung, die in 1000 Gestalten immer wiederkehrt. Lichtblick (weiblich) Cis-Dur, Irrsinn, Zusammenbruch, Katastrophe (Tam-Tam-Schlag). Das Ende.“ Die Orchesterfarben und -effekte dafür scheinen bei den Tondichtungen Richard Strauss’ abgeschaut zu sein.

Ein chaotisches Sammelsurium an Zeitstilen und Modefragen also? Das Urteil würde zu kurz greifen. Und das macht Frank Beermann mit dem ausgezeichnet disponierten Brandenburgischen Staatsorchester deutlich. Indem er keinen dieser Einflüsse zu verstecken sucht, nichts glättet oder in den Hintergrund drängt, sondern von den verklärenden Harmonien des Eröffnungssatzes mit dem opernhaften Orgelpunkt als Schluss, über die Tschaikowsky-Dramatik des zweiten Satzes, über die ausladende Streicherromantik und Wagnerschen Hornsignalen des dritten Satzes bis hin zu den grellen Akkorden des Finalsatzes das stilistische Spektrum ausspielen lässt, gelingt ihm eine Interpretation, die den Pluralismus der Wege und Stile nach 1900 in nuce bündelt. Die Nähe Rezniceks zum Zitat, zur Imitation und Parodie, die auch vor der Kuckucksterz keinen Halt macht, wird so deutlich erlebbar. Rezniceks Erste Sinfonie kann als Bestandsaufnahme der Gattung ‚Sinfonie’ um 1900 verstanden werden. Und genau dieser Befund ist die ironische Brechung des ‚Tragischen’: das Konstatieren am Ende einer sinfonischen Entwicklung zu stehen, deren weit aufgefächerten Mittel Reznicek hier in einer Zusammenschau präsentiert.

Die CD wird abgerundet durch Rezniceks ‚Vier Bet- und Bußgesänge nach Worten der heiligen Schrift’ (1915). Vier ernste Gesänge sozusagen, erdenschwer und durchdringend gesungen von Marina Prudenskaja. Auch hier ist die Mahler’sche Tonsprache unverkennbar, unweigerlich denkt man an die Vokalteile von dessen zweiter und dritter Sinfonie, aber auch an das Brahm’sche Requiem. Die schwebende Atmosphäre des reduzierten Streicherapparates mit Harfe, Holzbläsern und Hörnern, fängt Frank Beermann mit großer Dichte der Atmosphäre ein. Gemeinsam mit Marina Prudenskaja entsteht der Eindruck eines unendlichen Fließens von Güte und Innigkeit, von Unendlichkeit, großer Klarheit und Zeitlosigkeit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Frank Fechter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reznicek, Emil Nikolaus von: Sinfonie Nr. 1 d-Moll ´Tragische´

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.11.2008
EAN:

761203722327


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Reznicek, Emil Nikolaus von
 - Sinfonie Nr. 1 d-Moll ´Tragische´ - Mäßig, mit Majestät
 - Sinfonie Nr. 1 d-Moll ´Tragische´ - Leicht und so schnell als möglich
 - Sinfonie Nr. 1 d-Moll ´Tragische´ - Ziemlich langsam
 - Sinfonie Nr. 1 d-Moll ´Tragische´ - Ziemlich gehalten
 - Vier Bet- und Bußgesänge nach Worten der heiligen Schrift - O wie ist die Barmherzigkeit des Herrn so groß
 - Vier Bet- und Bußgesänge nach Worten der heiligen Schrift - Willst du deines Gottes Diener sein
 - Vier Bet- und Bußgesänge nach Worten der heiligen Schrift - Alles, was aus der Erde stammt
 - Vier Bet- und Bußgesänge nach Worten der heiligen Schrift - Tod, wie bitter bist du


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Dirigent(en):Beermann, Frank
Orchester/Ensemble:Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt
Interpret(en):Prudenskaja, Marina


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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