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Donnerstag, 22. August 2019

Grieg, Edvard - Peer Gynt

Musikalisch imaginäre Reise


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser ?Peer Gynt? ist in seiner ausgefallenen, zweisprachigen Gestalt eine reizvolle Gelegenheit, die Welt des Sprechtheaters musikalisch zu entdecken.

Edvard Griegs Musik zu Ibsens ‘Peer Gynt’ ist mehr als die bekannten beiden Suiten, die der Komponist auf der Basis seiner Schauspielmusik für den Konzertsaal einrichtete. Dennoch ist es eben der Konzertsaal, der uns den Grieg’schen ‘Peer Gynt’ lebendig erhalten hat. Die vollständige Bühnenmusik, die 1876 im heutigen Oslo zum erstenmal in Verbindung mit Ibsens Erfolgsstück erklang, wird nur selten aufgeführt, noch seltener in ihrer eigentlichen Bestimmung als Schauspielmusik. Im Sprechtheater stellt ein großer Orchesterapparat einen auffälligen Fremdkörper dar, und Musikeinspielungen bleiben fragmentarisch. Wenn also die Musik nicht zum Schauspiel kommen kann, dann muss eben das Schauspiel in den Konzertsaal kommen.

So oder so ähnlich war wohl das Konzept der vorliegenden Einspielung, die zum Teil auf einem Livemitschnitt von 2000 aus Genf und den 2005 im Studio eingespielten Dialogpassagen beruht. Das Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Guillaume Tourniaire greift hier auf die vermutliche Fassung der Uraufführung zurück, die 26 Nummern enthält. Spätere Striche und Zusätze Griegs wurden aus der Partitur eliminiert, wobei diese Edition Instrumentations-Korrekturen des Komponisten berücksichtigt. Das Ergebnis ist eine musikalisch konzentrierte und bühnennahe Version, die die theatrale Komponente klar in den Vordergrund stellt.

Herbert Blomstedt und Neeme Järvi haben Ende der 80er Jahre ebenfalls Gesamteinspielungen des ‘Peer Gynt’ vorgelegt, beide legen ihr Hauptaugenmerk aber auf die musikalische Komponente. Die Neuerscheinung beim Label Aeon verhilft beiden Seiten zu ihrem Recht. Die deutschsprachigen Dialog- und Erzählpassagen – eine dramaturgisch schlüssige Kurzvariante der Ibsen-Vorlage – fügen sich inhaltlich und auch im Klangbild nahtlos in den musikalischen Fluss, bilden eine Synthese mit eigendynamischer Sogwirkung. Die Gesangsnummern werden übrigens ausnahmslos in norwegischer Sprache gesungen: Eine reizvolle Kontrastwirkung! Die reinen Instrumentalpassagen erklären sich sinnfällig aus dem Handlungsgeschehen, was auch dem perfekten Timing der Toningenieure zu verdanken ist, die Tänze und Stimmungsbilder an den Dialog anschließen oder sinnfällig überblenden. Es entsteht ein lebendiges Hörspiel, wenn nicht gar ein akustischer Film, eine Oper ohne Bild, in der Gesang eine Nebenrolle spielt.

Das Orchestre de la Suisse Romande findet einen erfrischend unsentimentalen Ton für Griegs Konzertschlager. Der schlanke Streicherklang, dessen Süffigkeit nur an wenigen Stellen (Morgenstimmung) als Effekt genutzt wird, und die rhythmische Präzision machen Griegs Partitur zum theatralen Qualitätsprädikat weitab von spätromantischem Klangideal und den Folgeerscheinungen des Wagner’schen Musikdramas. Die derbe Wucht der Hallen des Bergkönigs und die ätherischen Klänge von Ases Tod entführen den Hörer ohne Umwege in ein Theater der akustisch erweiterten Sinne.

Gesungen und gesprochen wird auf höchstem Niveau. Eine Überraschung ist der vor allem als Liedsänger bekannte Bariton Dietrich Henschel, der als Peer Gynt auf dieser Doppel-CD gerade mal eine Gesangsnummer zu absolvieren hat, aber vielmehr die größte Sprechpartie darstellt. Und er ist wohl merklich der einzige Solist, der seine Dialogpassagen selbst spricht und nicht von einem Schauspieler gedoubelt wird. Zu welcher sprachlichen Differenziertheit Henschel fähig ist, ist phänomenal. Bei solch dramatischer Präsenz und intensiver Gestaltung ertappt man sich fast schon als etwas enttäuscht, wenn er seine Serenade zu singen beginnt. Ohne Frage: Er singt tadellos, aber als Sprecher hat er sich bis zu diesem Moment bereits alle Herzen erobert, hat den Hörer so gefesselt, dass diese einmalige Ausdrucksweise im Gesang abfallen muss. Inger Dam-Jensen leiht den Liedern der Solveig ihren mädchenhaft hellen Sopran und besticht vor allen Dingen durch die folkloristische Schlichtheit ihres Vortrags. Als Anitra ist Sophie Koch eine Luxusbesetzung. Ihr glutvoller Mezzosopran kontrastiert wundervoll zur nordischen Kühle der Solveig. Die drei Sennerinnen sind mit Eun Yee You, Jana Iliev und Victoria Reiche fulminant besetzt.

Ein kleiner Störfaktor ist die Schauspielerin Susanne Lothar, deren pathetisch weinerliche Sprechweise so gar nicht ins lebendige Klangbild der Produktion passen will. Schade, dass sämtliche Frauengestalten von ihr interpretiert werden. Dafür entschädigt aber der herrlich überdreht schrullige Trollkönig von Thomas Anzenhofer, der auch für den Erzähler den richtigen Ton zwischen Märchenonkel und treibender Kraft findet.

Dieser ‘Peer Gynt’ ist in seiner ausgefallenen, zweisprachigen Gestalt eine reizvolle Gelegenheit, die Welt des Sprechtheaters musikalisch zu entdecken. Das liebevoll gestaltete Booklet mit Textbuch, kann man beim Hören getrost aus der Hand legen. Dieses Werk erklärt sich von selbst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Grieg, Edvard: Peer Gynt

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
2
01.03.2009
Medium:
EAN:

CD
3760058366417


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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