> > > Nono, Luigi: La lontananza nostalgica utopica futura
Montag, 27. Mai 2019

Nono, Luigi - La lontananza nostalgica utopica futura

Ein Blatt im Wind


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit ,La lontananza nostalgica utopica futura’ begibt sich Luigi Nono wieder in mindestens drei für die Konzertsituation problematische Gebiete: Raumklang, elektronische Musik und große Freiheit für die Interpreten. In der zeitgenössischen Musik ist es beliebt, den Raum ausdrücklich in eine Komposition einzubeziehen. Zwingende Konzepte sind jedoch selten. Eine noch weniger überzeugende Spielart ist die Bewegung der Musiker im Raum. Das Ergebnis ist meist verheerend: das Tapsen der Schritte, das Knirschen des Parketts mischt sich unter die Noten; und das Publikum verdreht neugierig den Hals, ohne noch allzu konzentriert auf die Musik zu achten. Selbst das Theater stellt die Guckkastenbühne nicht in Frage.

Bewegung im Raum

Für eine Aufführung von ,La lontananza…’ müssen sechs Notenständer auf der Bühne und im Zuschauerraum verteilt werden, hinter denen der Geiger innerhalb eines Abschnitts bleiben muss. Entsprechend haben die sechs Abschnitte den Titel ,leggio’ – Notenständer. Die Bewegung verlegt Nono sehr klug zwischen die Abschnitte. Der Geiger muss nach Vortrag eines Teils möglichst umständlich zum nächsten Pult wandern und darf sich dabei auch von zusätzlich aufgestellten, leeren Notenständern irritieren lassen. Hier verweist Nono auf ein sein Denken bestimmendes Zitat: ,Wanderer, es gibt keine Wege, es gibt nur das Gehen’. Naturgemäß sieht man das alles auf der CD nicht, kann es sich aber, angeregt von den sehr guten Booklettexten, gut vorstellen. Zu hören ist es allerdings kaum – die akustischen Verschiebungen im Hörraum sind nur minimal.

Elektronik

Elektronische Musik im Konzertsaal ist meist ein wenig erbauendes Erlebnis. Hier fehlt ganz einfach der Musiker, der gleich einem Priester das Unsagbare zelebriert. Der Herr am Mischpult, der fast immer hinter dem Publikum sitzt, ist da bloß Techniker. Insofern ist eine CD hier nicht im Nachteil. Nono hat für ,La lontananza…’ auf acht Tonbandspuren allerhand Klangbruchstücke aufgezeichnet und mehr oder weniger verfremdet, Geigentöne, Alltagsgeräusche, Stimmen. Der Interpret am Mischpult hat die Aufgabe, angemessen auf das Spiel des Geigers zu reagieren und die ihm passend erscheinenden Tonbandspuren einzuspielen. Bei einer solchen Freiheit ist nicht vorhersehbar, was am Ende heraus kommt. Der Komponist geht ein großes Risiko ein. Andererseits besteht so trotz eines vorgefertigten Tonbands immerhin die Möglichkeit zur Interpretation, was auch eine besondere Herausforderung dieses Werkes ausmacht.

Interpretation

Die Herausforderung am Mischpult nimmt der italienische Komponist Salvatore Sciarrino an. Er nimmt die Spuren mit den Geigenklängen stark zurück, hebt stattdessen die Spuren mit den Alltagsgeräuschen und Stimmen hervor. Zusammen mit der Geigerin Melise Mellinger schafft er eine intensive, gespenstisch beklemmende Atmosphäre als Rahmen für filigrane Geigentöne. Hier wird der in der Welt wandernde Nono gezeigt. (Sciarrino versteht die Alltagsgeräusche als Nonos Tagebuch.) Für den Zuhörer ist es eine Umkehrung, eine Art Rätsel.
Gleich den letzten Geigentönen sind wir Blätter im Wind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nono, Luigi: La lontananza nostalgica utopica futura

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Kairos
1
18.05.2005
61:40
2001
EAN:
BestellNr.:

78212412102
0012102KAI


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Nono, Luigi
 - La lontananza nostalgica utopica futura -


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Interpret(en):Mellinger, Melise
Sciarrino, Salvatore


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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