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Donnerstag, 22. August 2019

Berio, Luciano - Naturale

Viola – Mitte der Welt


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wem ist diese CD gewidmet? Den Komponisten Luciano Berio und Morton Feldman? Ihrer Musik? Dem Bratscher Christophe Desjardins? Der Voix d'alto, der Viola? Alldem, aber die Viola ist die Mitte, alle Linien gehen von ihr aus. (Und natürlich dem, auf das die Musik verweist. Dahinter treten Komponist, Interpret und Instrument zurück. Sie sind nur Medium.)

Viola – wenig geliebt

Für die Viola existiert – im Vergleich zur Vielzahl an Konzerten und Solostücken für Geige oder Cello - nur wenig Literatur. Ende des 18. Jahrhunderts erlebte sie einen Aufschwung, doch im 19. und 20. Jahrhundert nahm das Interesse wieder ab. Ihr Klang ist herb und geschlossen, die a1-Saite kreischt allzu leicht. Die Komponisten schrieben lieber für die Violine mit ihrem strahlenden Klang oder für das Cello, dessen vier Saiten jeweils eine andere Farbe haben, vom brummenden Bass bis zur expressiven a-Saite. Hier sind die Proportionen idealer, der Klang intensiver. Auch die Zeitgenossen haben die Literatur nur um wenige Stücke bereichert.

Luciano Berio schrieb eine Reihe von Stücken für Soloinstrumente, die ,Sequenza'. Mit diesen Stücken untersuchte er jeweils die spieltechnischen Grenzen der Instrumente und verschob sie, wenn möglich, ohne das Instrument zu verändern oder es gegen seine Natur zu nutzen. ,Sequenza VI' schuf Berio für Viola. Später folgte ,Chemins II', eine Erweiterung zu ,Sequenza VI' um neun Instrumente. In diesem Stück fordert die Viola nach Christophe Desjardins ,die Macht des Feuers heraus'. ,Naturale' verbindet er mit dem ,Duft der Erde', ,Rothko Chapel' mit einem ,flüssigen Spiegel', und ,The Viola in My Life II' mit ,luftigen Dunst'. Damit weist Desjardins mittels der vier Elemente des Aristoteles in die Welt hinaus, in deren Mitte, aus seiner Perspektive, die Viola steht.

Viola – Mitte der Welt

Dieses Hinausweisen hört man in seinem Spiel. Ob er den kleinsten Nuancen in ,Naturale' folgt, jeder Farbe, jeder kleinsten Änderung des Ausdrucks nachgeht (so unmerklich, so sehr verschwindet die Technik hinter der Kunst, dass man die Farben hört, aber nie den Ort und die Art der Änderung), oder zu Beginn von ,Chemins II' an der Grenze des physisch spielbaren agiert, nie ist sein Ton etwas festes, endgültiges, immer weist er hinaus auf Dimensionen, die wir zu klein sind, zu verstehen.
Die Anordnung der Stücke, ,Rothko Chapel' zwischen ,Naturale' und ,The Viola in My Life II', öffnet neue Hörwinkel. So hört man ,Rothko Chapel' plötzlich von der Viola her, als Weiterentwicklung der ,Viola in My Life'.

Diese CD ist rundum gelungen. Wunderbare Stücke in ausgezeichneten Interpretationen, dazu ein ästhetisch und inhaltlich gelungenes Booklet, das einmal nicht die Künstler über gewonnene Preise definiert. Die CD ist nebenbei auch ein Tipp für alle, die ihre Vorurteile gegen ,Neue Musik' abbauen wollen. Meine Empfehlung des Jahres.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Berio, Luciano: Naturale

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
aeon
1
01.03.2009
65:14
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
3760058364253
AECD 0425


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Berio, Luciano
Feldman, Morton


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Interpret(en):Desjardins, Christophe


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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