> > > Berio, Luciano: Naturale
Montag, 27. Mai 2019

Berio, Luciano - Naturale

Viola – Mitte der Welt


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wem ist diese CD gewidmet? Den Komponisten Luciano Berio und Morton Feldman? Ihrer Musik? Dem Bratscher Christophe Desjardins? Der Voix d'alto, der Viola? Alldem, aber die Viola ist die Mitte, alle Linien gehen von ihr aus. (Und natürlich dem, auf das die Musik verweist. Dahinter treten Komponist, Interpret und Instrument zurück. Sie sind nur Medium.)

Viola – wenig geliebt

Für die Viola existiert – im Vergleich zur Vielzahl an Konzerten und Solostücken für Geige oder Cello - nur wenig Literatur. Ende des 18. Jahrhunderts erlebte sie einen Aufschwung, doch im 19. und 20. Jahrhundert nahm das Interesse wieder ab. Ihr Klang ist herb und geschlossen, die a1-Saite kreischt allzu leicht. Die Komponisten schrieben lieber für die Violine mit ihrem strahlenden Klang oder für das Cello, dessen vier Saiten jeweils eine andere Farbe haben, vom brummenden Bass bis zur expressiven a-Saite. Hier sind die Proportionen idealer, der Klang intensiver. Auch die Zeitgenossen haben die Literatur nur um wenige Stücke bereichert.

Luciano Berio schrieb eine Reihe von Stücken für Soloinstrumente, die ,Sequenza'. Mit diesen Stücken untersuchte er jeweils die spieltechnischen Grenzen der Instrumente und verschob sie, wenn möglich, ohne das Instrument zu verändern oder es gegen seine Natur zu nutzen. ,Sequenza VI' schuf Berio für Viola. Später folgte ,Chemins II', eine Erweiterung zu ,Sequenza VI' um neun Instrumente. In diesem Stück fordert die Viola nach Christophe Desjardins ,die Macht des Feuers heraus'. ,Naturale' verbindet er mit dem ,Duft der Erde', ,Rothko Chapel' mit einem ,flüssigen Spiegel', und ,The Viola in My Life II' mit ,luftigen Dunst'. Damit weist Desjardins mittels der vier Elemente des Aristoteles in die Welt hinaus, in deren Mitte, aus seiner Perspektive, die Viola steht.

Viola – Mitte der Welt

Dieses Hinausweisen hört man in seinem Spiel. Ob er den kleinsten Nuancen in ,Naturale' folgt, jeder Farbe, jeder kleinsten Änderung des Ausdrucks nachgeht (so unmerklich, so sehr verschwindet die Technik hinter der Kunst, dass man die Farben hört, aber nie den Ort und die Art der Änderung), oder zu Beginn von ,Chemins II' an der Grenze des physisch spielbaren agiert, nie ist sein Ton etwas festes, endgültiges, immer weist er hinaus auf Dimensionen, die wir zu klein sind, zu verstehen.
Die Anordnung der Stücke, ,Rothko Chapel' zwischen ,Naturale' und ,The Viola in My Life II', öffnet neue Hörwinkel. So hört man ,Rothko Chapel' plötzlich von der Viola her, als Weiterentwicklung der ,Viola in My Life'.

Diese CD ist rundum gelungen. Wunderbare Stücke in ausgezeichneten Interpretationen, dazu ein ästhetisch und inhaltlich gelungenes Booklet, das einmal nicht die Künstler über gewonnene Preise definiert. Die CD ist nebenbei auch ein Tipp für alle, die ihre Vorurteile gegen ,Neue Musik' abbauen wollen. Meine Empfehlung des Jahres.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Berio, Luciano: Naturale

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
aeon
1
01.03.2009
65:14
2004
EAN:
BestellNr.:

3760058364253
AECD 0425


Cover vergössern

Berio, Luciano
Feldman, Morton


Cover vergössern

Interpret(en):Desjardins, Christophe


Cover vergössern

aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag aeon:

  • Zur Kritik... Interpretation der Spitzenklasse: Der französische Pianist Cédric Pescia überzeugt mit einer faszinierend nuancierten Zugang zu Cages 'Sonaten und Interludien für präpariertes Klavier'. Weiter...
    (Tanja Geschwind, )
  • Zur Kritik... Kulturelle Anverwandlung: Thierry Pécous Werke erweisen sich als spannende anarchische Weltenmusik, die Grenzen mühelos übergeht. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Schlackenloser Vokalklang: In einer starken CD-Produktion fokussiert das Ensemble Exaudi mit Kompositionen Wolfgang Rihms und Luigi Nonos auf unterschiedliche Facetten zeitgenössischer Vokalkunst. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von aeon...

Weitere CD-Besprechungen von Patrick Beck:

  • Zur Kritik... Quartett trifft Human Beatboxing: Zweite CD des polnischen Quartetts Kwartludium. Kwartludium spielt die hier vorgestellten Kompositionen genau, sorgfältig, mit viel Liebe, atmosphärisch und vor allem überaus lebendig. Weiter...
    (Patrick Beck, )
  • Zur Kritik... Unsuk Chin wieder aufgelegt: Das Ensemble Intercontemporain spielt Werke von Unsuk Chin - auch in Wiederauflage eine tolle Aufnahme. Weiter...
    (Patrick Beck, )
  • Zur Kritik... Edgar Varèse in Salzburg: Ein kostbares Dokument der Salzburger Festspiele 2009 mit Kompositionen Edgar Varèses. Weiter...
    (Patrick Beck, )
blättern

Alle Kritiken von Patrick Beck...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Immer noch Entdeckungen!: Thierry Fischer und Symphonieorchester aus Utah präsentieren auf ihrer spannenden Saint-Saens-CD das Vorzeige-Repertoire wie auch weniger Bekanntes mit durchaus eigenen Akzenten. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Marianisches: The Sixteen im 40. Jahr seit der Gründung: Es wird vermutlich nicht die einzige Produktion bleiben. Und auch die anderen werden ähnlich überzeugend sein, das lässt die bislang hochklassige Diskografie vermuten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Nordische Entdeckungslust: Mit einer vokalen und einer instrumentalen Komposition von Lars Karlsson (*1953) widmet sich das Lapland Chamber Orchestra neuen, nordischen Raritäten und lässt vor allem durch bemerkenswerte solistische Beiträge aufhorchen. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2019) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich