> > > Seelen-Music: Werke von Johann Theile, Gregor Zuber, Christian Flor
Dienstag, 28. Januar 2020

Seelen-Music - Werke von Johann Theile, Gregor Zuber, Christian Flor

Meisterlich


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein substanziell attraktives, ganz vorzüglich gesungenes und gespieltes Programm mit einem schönen Schwerpunkt auf den Werken Johann Theiles: Simone Eckerts Hamburger Ratsmusik und Dorothee Mields überzeugen rundum.

Auf ihrer aktuell bei cpo erschienenen CD widmen sich die Gambistin Simone Eckert und ihr Ensemble Hamburger Ratsmusik einigen Werken Johann Theiles (1646–1724). Der war ein sehr später Schütz-Schüler und wurde von seinem zeitgenössischen Umfeld für seine Stärken in der kontrapunktischen Kunst der Alten geachtet und gefeiert. Kein Geringerer als Christoph Bernhard, Schütz‘ Meisterschüler und Hamburger Musikdirektor, lobte ihn dafür überschwänglich. Und doch zeigte sich Theile zugleich als ganz und gar nach vorn gerichteter Künstler, mit schönen Ergebnissen bei Geistlichen Konzerten oder Sonaten. Auch sein Lebensweg bringt ihn mit weltzugewandter Kunst in enge Verbindung: Nach einer Station in Gottorf war er in Hamburg 1678 an der Gründung der Gänsemarkt-Oper beteiligt und lieferte einige heute verschollene Werke für diese Unternehmung. Nach weiteren Verpflichtungen in Wolfenbüttel und Merseburg wirkte er am Berliner Hof Friedrichs I., bevor er 1724 betagt in seiner Geburtsstadt Naumburg starb. Mit diesem Lebensweg und den sehr verschiedenen musikalischen Einflüssen, mit denen er in Kontakt kam, steht Theile sinnbildlich für Kontexte, für den Transfer von Techniken und Ästhetiken, für den lebendigen musikpraktischen Austausch jener Zeit: Er prägte und wurde geprägt. Allein der Blick auf seine Lebensspanne lässt erahnen, wie sich Stile und Novitäten verbreiteten, wie Vorbilder wirkmächtig wurden.

Theiles Geistliche Konzerte, von denen hier vier erklingen – sämtliche, die für Sopran und Instrumentalbegleitung erhalten sind –, zeigen ihn als einen Schöpfer ungemein beredter Musik, die kunstfertig ist, luzide und pointiert in ihrer Aussagekraft, dazu in ihrer Wirkung durchaus originell. Kontrastiert wird das mit einigen instrumentalen Suiten von Gregor Zuber (ca. 1610 – nach 1673) und zwei geistlichen Konzerten von Christian Flor (1626–1697), die den Blick auf eben jenes Umfeld lenken, in dem Theile sich bewegte. Übrigens: Auch die Werke dieser Komponisten, wie übrigens sehr weitgehend die Johann Theiles, sind in der großartigen Düben-Sammlung überliefert, der die Gegenwart ganz wesentlich Kenntnis über die Vielfalt der musikalischen Überlieferung zum 17. Jahrhundert verdankt.

Wunderbare Interpretation

 

Vokal ist die Sopranistin Dorothee Mields zu hören. Und ihre Stimme, verbunden mit der so unglaublich reichen stilistischen Erfahrung, ist wie gemacht für diese Musik: Reich an Substanz, alles andere als monochrom, technisch überlegen, gesegnet mit einer derart plastisch-natürlichen Sprachgestalt, dass gedruckte Texte überflüssig werden, balanciert sie traumwandlerisch sicher auf dem fast klassisch zu nennenden Grat so vieler Geistlicher Konzerte des 17. Jahrhunderts – zwischen schlichter Grundhaltung und elaborierter Kunst.

Simone Eckerts Hamburger Ratsmusik entfaltet ihr herausragendes Potenzial als Begleitensemble; auch diese Sphäre ist geprägt von der feinen Balance zwischen dezentem Spiel und struktureller Präsenz. Dazu nutzen die Instrumentalisten den Raum der Suiten und Sonaten, um sich als Instrumentalformation zu profilieren, die sich weit mehr als stilsicher zu bewegen weiß: Affektiv stark, technisch unangefochten. Die fünf Gamben mit der Theorbe sowie Orgel oder Cembalo intonieren hervorragend. Es ist viel schwebende Akkordik aus dem Consort zu hören; dazu gibt es eine sehr schöne Harmonie mit Dorothee Mields‘ klarem Stimmstrahl. Artikulatorisch verbinden sich Text und Musik aufs Engste – und das wirklich inspiriert, nicht nur pflichtschuldig abarbeitend. Dynamisch ist das Bild fein nuanciert; sicher ohne knallige Eruptionen, aber doch alles andere als indifferent. Die in der Kapelle von Schloss Gottorf entstandene Aufnahme – also auf Johann Theiles biografischen Spuren – bietet klanglich eine sehr schöne kammermusikalische Situation, konzentriert und intim, zugleich plastisch in der Wirkung und von der Intensität des Zusammenspiels geprägt. In der Summe ist das ein substanziell attraktives, ganz vorzüglich gesungenes und gespieltes Programm mit einem schönen Schwerpunkt auf den Werken Johann Theiles: Simone Eckerts Hamburger Ratsmusik und Dorothee Mields überzeugen rundum.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Seelen-Music: Werke von Johann Theile, Gregor Zuber, Christian Flor

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203513222


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Flor, Christian
Theile, Johann
 - Sonata à 5 -
 - Die Seele Christi heilige mich -
 - Sonata à 4 - Präludium
 - Sonata à 4 - Aria
 - Sonata à 4 - Courante
 - Sonata à 4 - Sarabande
 - Jesu mein Herr und Gott -
 - Sonata à 5 -
 - Gott hilf mir, denn das Wasser gehet mir bis an die Seele -
Zuber, Gregor


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Dirigent(en):Eckert, Simone
Interpret(en):Mields, Dorothee


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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