> > > Gal, Hans: Das Lied der Nacht op.23: Theater Osnabrück, Andreas Hotz
Montag, 20. Mai 2019

Gal, Hans: Das Lied der Nacht op.23 - Theater Osnabrück, Andreas Hotz

Lianora und das Lied der Nacht


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hans Gáls Oper 'Das Lied der Nacht' ist die wirklich lohnende Entdeckung einer spannenden Facette der Musik der 1920er Jahre und in der Ersteinspielung durch das Osnabrücker Theater rundum gelungen.

Vier Opern schrieb Hans Gál zwischen 1917 und 1933, doch keine davon wurde bisher jemals auf Tonträgern aufgenommen. Dabei war der erst 1987 verstorbene und doch längst gründlich vergessene Komponist offenbar einst durchaus erfolgreich, doch dann kamen die Nazis und sorgten dafür, dass die Musik des jüdischen Tonsetzers abgesetzt wurde und er selbst nach Großbritannien fliehen musste. Zwar arbeitete er später als Musikwissenschaftler, zählt offenbar zu den Gründern des berühmten Edinburgh-Festivals und komponierte auch bis zu seinem Tod weiter, doch wie so viele seiner Kollegen konnte er mit seinen Werken nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch Aufmerksamkeit erlangen.

Die allererste Aufnahme einer Oper Hans Gáls hat nun also das Label cpo vorgelegt, interpretiert vom Ensemble des Osnabrücker Stadttheaters. Im Zentrum der Handlung steht Lianora, Prinzessin von Sizilien, die gedrängt wird, sich einen Gemahl und dem Volk somit einen König zu erwählen. Den allgemein favorisierten Bewerber Tancred lehnt sie ab und entscheidet sich stattdessen für einen Sänger, den sie des Nachts gehört, aber noch nie gesehen hat. Die Partie wird gesungen von Lina Liu, deren Sopran lyrisch sanft, leicht und betörend schön klingt und einen der größten Vorzüge der Aufnahme darstellt. Man kann sich ihre Prinzessin Lianora gut als ein noch recht junges und launenhaftes Mädchen vorstellen. Ausgesprochen einfühlsam und anrührend gestaltet Lina Liu Melodiebögen. Ihre Stärke ist die subtile Schattierung zarter Stimmungen, doch selbst dramatischere Passagen meistert sie scheinbar mühelos und ohne Schärfe.

Eine vollkommen andere Stimmfarbe, nämlich deutlich metallischer und kräftiger, bringt Susann Vent-Wunderlich ein, ebenfalls Sopran, die als ‚Folgedame‘ und eigentlich auch Freundin Lianoras die Prinzessin jedoch permanent missversteht. Sie klingt sehr frisch, doch auch ihr gelingen sanfte und lyrische Passagen ganz wunderbar. Die Riege der Frauen wird vervollständigt durch die Mezzosopranistin Gritt Gnauck, die der alten ‚steinernen Äbtissin‘ Würde verleiht, allerdings nur eine größere Szene am Anfang und einen Mini-Auftritt ganz am Schluss hat.

Solistenensemble ohne Schwachstelle

Als Sänger des 'Liedes der Nacht' ist Ralph Ertel mit klarem Tenor zu hören, zugleich unaufgeregt und doch geprägt von einer gewissen Intensität. Der Bariton Rhys Jenkins singt kraftvoll den machthungrigen Vetter Tancred und Oliver Weidinger (Bass) ist in der kleineren Partie des amtsmüden Kanzlers von Sizilien zu hören. Somit hört man hier den eher seltenen Fall eines Solistenensembles ohne wirkliche Schwachstelle. Eine relativ große Rolle spielen auch die Chöre. Sie bringen zusammen mit dem Osnabrücker Symphonieorchester unter der Leitung seines Chefs Andreas Hotz die üppig gesetzte und in immer neuen Klangfarben schillernde Partitur beeindruckend zum Klingen, überall treten schön gestaltete Soli der Bläser oder des Konzertmeisters hervor.

Technisch ist die Aufnahme zwar nicht absolut brillant, aber angenehm und meistens gut ausgewogen, vor allem die Textverständlichkeit ist sehr gut. Das Beiheft ist wie bei cpo üblich sehr gelungen mit informativer Einführung, Künstlerbiographien sowie dem kompletten Libretto auf Deutsch und Englisch.

Wie nun ist Hans Gáls Oper insgesamt einzuordnen? Das Werk entstand Mitte der 1920er Jahre und scheint uns heute für diese Zeit konservativ, was allein daran liegt, dass es weder atonal noch besonders dissonant ist. Zeitgenössische Reaktionen hingegen legen nahe, dass die damalige Wahrnehmung anders war und das Werk als stilistisch aktuell bewertete. Das mag damit zu tun haben, dass die Uraufführung in Breslau stattfand, vielleicht nicht unbedingt ein Zentrum der Avantgarde, doch immerhin wurde die Oper innerhalb weniger Jahre auch an drei weiteren Bühnen gespielt. Entstanden sind in dieser Zeit eben nicht nur die Werke Richard Strauss’, sondern auch die Hans Pfitzners, nicht nur Alban Bergs 'Wozzeck', Paul Hindemiths 'Cardillac', Kurt Weills 'Dreigroschenoper' oder Ernst Kreneks 'Jonny spielt auf', sondern auch Giacomo Puccinis 'Turandot', Jaromir Weinbergers 'Schwanda, der Dudelsackpfeifer' oder gar ein Werk wie 'Friedemann Bach' des heute vergessenen Paul Graener. Auf dem Gebiet der Operette war es die Zeit Franz Lehárs, Walter Kollos, Robert Stolz’, Emmerich Kálmáns, Eduard Künnekes, Ralph Benatzkys, Paul Abrahams und vieler anderer.

In diesem vielfarbigen Umfeld behauptet Hans Gál einen durchaus eigenständigen Rang, und auf jeden Fall muss man ihm zugestehen, mit seinem 'Lied der Nacht' eine musikalisch ziemlich einfallsreiche Oper vorgelegt zu haben. Auch das Libretto von Karl Michael von Levetzow ist gar nicht schlecht, erzählt es die Geschichte doch schnörkellos und plausibel. Insgesamt stellt die neue Platte daher die wirklich lohnende Entdeckung einer spannenden Facette der Musik der 1920er Jahre dar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gal, Hans: Das Lied der Nacht op.23: Theater Osnabrück, Andreas Hotz

Label:
Anzahl Medien:
cpo
2
EAN:

761203518623


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Gal, Hans
 - Erstes Bild - Es ist unerhört!
 - Erstes Bild - Verehrte Damen, wisst Ihr Neues?
 - Erstes Bild - Tancred! Herr Tancred! Seid uns gegrüßt!
 - Erstes Bild - Herr Tancred!
 - Erstes Bild - Lianora, die Stunde drängt
 - Erstes Bild - Sie selbst, die steinerne Äbtissin
 - Erstes Bild - Jahrelang hielt ich das heilige Zepter
 - Erstes Bild - Was ist gewesen?
 - Erstes Bild - Nachen, mein Nachen gegen die Wellen!


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Dirigent(en):Hotz, Andreas
Orchester/Ensemble:Osnabrücker Sinfonieorchester


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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