> > > Gaveaux, Pierre: Léonore: Opera Lafayette Orchestra & Chorus, Ryan Brown
Donnerstag, 27. Juni 2019

Gaveaux, Pierre: Léonore - Opera Lafayette Orchestra & Chorus, Ryan Brown

Ein treues Weib mal anders


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein wichtiges, äußerst erhellendes Werk der Musikgeschichte in leider allzu minderwertiger Wiedergabe.

Das Sujet ist bekannt – vom ‚deutschen Remake‘ 'Leonore/Fidelio' von Beethoven. Pierre Gaveaux‘ (1761–1825) 'Léonore, ou l‘amour conjugal', mit dem Originallibretto von Jean-Nicolas Bouilly, stammt bereits aus dem Jahr 1798, prädatiert mithin auch Ferdinando Paërs 'Leonora' um sechs Jahre. Wir haben hier eine Komposition, die etwa der klassizistischen Originalfassung von Cherubinis 'Médée' vergleichbar ist. Gaveaux ist eindeutig ein Vorläufer etwa François-Esprit Aubers, der harmonisch und instrumentatorisch in seiner Nachfolge zu verorten ist. Die Opéra comique 'Léonore' war quasi die natürliche Konsequenz einer anderen Oper Gaveaux‘, dem 1792 aus der Taufe gehobenen Einakter 'L‘amour filial', einem in ganz Europa erfolgreichen Werk.

Die Ambition von Gaveaux‘ Oper zeigt sich schon in der Ouvertüre, die Beethoven gekannt zu haben scheint, selbst wenn Gaveaux‘ Musik einer ganz anderen Sphäre angehört. Dialoge und Gesangstexte lassen sich leicht fast durchgängig auch in Beethovens Textvorlage wiedererkennen – selbst der zweiaktige Aufbau (mit der großen Szene Florestans zu Beginn des zweiten Aktes 'Dieu! quelle obscurité! – Faut-il au printemps de mon âge languir') ist in Beethovens letzter Fassung restituiert. Musikalisch ist Gaveaux weniger ‚revolutionär‘ als Beethoven – wenn auch musikalisch ganz am Puls seiner Zeit, wie er sie damals in Paris erleben konnte (Méhul, Cherubini usw.).

Mittelmaß

So wichtig die Komposition musikhistorisch war, so bedauerlich ist die mediokre Umsetzung. Das Orchester der Opera Lafayette New York ist diesmal deutlich weniger gut aufgelegt als etwa in Grétrys 'L‘épreuve villageoise' (es spielt häufig unpräzise und unsauber), und auch die Solisten – die man ungewollt durch die Brille Beethoven hört – sind nur in wenigen Partien vokal rundum überzeugend. Tomislav Lavoies Roc (Rocco bei Beethoven) mangelt es an Stimmcharakter und -schönheit, seine Goldarie wirkt eine Karikatur Beethovens, auch darstellerisch wirkt er in der kargen Ausstattung eher wie ein Laiendarsteller denn ein professioneller Opernsänger. Pascale Beaudin ist eine sympathische Marceline, die vokal für ihren Part fast schon zu reif klingt. Keven Geddes Jacquino mangelt es an vokalem Charme und Intonationsgenauigkeit.

Interessant ist Bouillys/Gaveaux‘ Konzeption des Pizare: eine große Rachearie fehlt, d.h. ('böse Menschen haben keine Lieder') der Gouverneur (Dominique Côté) wird als prosaischer ‚Mann der Tat‘ charakterisiert, dem im ganzen Werk nur vergleichsweise wenige Sprechzeilen gegönnt werden. An Stelle genau von Pizarros großer Szene bei Beethoven placieren Bouilly/Gaveaux ein 'Liebesduett' zwischen Marceline und ‚Fidélio‘ – dramaturgisch äußerst geschickt, auch als Steigerung, bevor ‚Fidélio‘ und Roc ihren Auftrag erhalten und Léonore in ihrer großen Szene Luft machen kann: Kimy Mc Larens Französisch ist etwas verquollen, ihre Stimme aber gut fokussiert und den musikalischen und dramatischen Anforderungen rundum gewachsen. Ihre große Szene (mit umfangreichem, offenbar ziemlich schwierigen Hornsolo) macht begreiflich, was andere Komponisten an Gaveaux‘ Oper gereizt und zur Kopie bzw. zur Überhöhung gedrängt hat. Gleiches gilt für Florestans Szene – leider ist der Tenor Jean-Michel Richer nicht imstande, auch nur einen Ton sauber zu treffen: Trotz der großen Bedeutung der Szene ist man als Hörer versucht, wegen dieses Sängers den Schnellvorlauf zu betätigen. Überdies erhält Richer nach dem missglückten Attentatversuch auch weiter reichlich Gelegenheit, das Ohr des Hörers zu quälen; leider kann Mc Laren seine Defizite nicht kompensieren. Ganz zum Schluss entledigt sich Alexandre Sylvestre als Dom Fernand akzeptabel, aber nicht herausragend seiner überschaubaren Pflichten.

Störgeräusche

Der Gefangenenchor (mit Beethoven teilweise vergleichbaren Harmonien und vergleichbarer Gesamtkonzeption!) ist überzeugend überschaubar besetzt und wirkt durch die Individualisierung der Gefangenen umso stärker (ein besonders positiver Aspekt von Oriol Tomas‘ ansonsten teilweise recht einfallsloser Inszenierung); leider sind die Chorsoli vokal unterbesetzt. Ein großes Finale gibt es bei Gaveaux nicht (auch keinen gemischten Schlusschor); der Schlusschor hat starke Anklänge an Revolutionschöre der Zeit.

Die Veröffentlichung der Produktion auf DVD (ohne deutsche Untertitel) schmeichelt der Aufführung vom 23. Februar 2017 nicht, auch waren keine Korrekturen möglich. Das beeinträchtigt den Wert der Veröffentlichung nicht zuletzt auch deshalb, weil über weite Teile eine Klimaanlage (?) den Hörgenuss durch deutlich hörbare Störgeräusche beeinträchtigt. So bleibt uns nichts anderes, als auf eine musikalisch überzeugendere Einspielung der wichtigen Partitur zu hoffen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gaveaux, Pierre: Léonore: Opera Lafayette Orchestra & Chorus, Ryan Brown

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

DVD
747313559152


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Naxos

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