> > > Eller, Heino: Violin Concerto, Fantasy, Symphony No.2: Baiba Skride, Estonian National Symphony Orchestra, Olari Elts
Montag, 24. Juni 2019

Eller, Heino: Violin Concerto, Fantasy, Symphony No.2 - Baiba Skride, Estonian National Symphony Orchestra, Olari Elts

Pionier der estnischen Musik


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Heino Eller, einer der Gründerväter der estnischen Musik, wird hier mit vier Werken vorgestellt – vor allem das Violinkonzert kann in Baiba Skrides Interpretation vollauf überzeugen.

Erwähnt wird Heino Eller (1887–1970) heute fast nur noch als Lehrer des wohl berühmtesten aller estnischen Komponisten, Arvo Pärt. Ellers eigene Werke spielen in den Konzertsälen außerhalb Estlands kaum eine Rolle, auch auf Tonträgern sind nur wenige seiner Stücke greifbar – neuerdings hat der Pianist Sten Lassmann immerhin die Klavierwerke auf sechs CDs eingespielt. Zu entdecken ist hier ein Komponist, der tonsprachlich der Romantik näher steht als die meisten seiner Zeitgenossen, so auch im (einzigen) Violinkonzert, das er mehrmals überarbeitete. Baiba Skride hat das Konzert nun mit dem estnischen Nationalorchester unter Olari Elts aufgenommen, daneben stehen drei weitere Werke: Die 'Symphonische Legende' für Orchester, gattungstechnisch eine Art Mittelstück zwischen Tondichtung und Symphonie, die kurze Fantasie für Violine und Orchester und die (unvollendete) zweite Symphonie. Eller stellte von dieser Symphonie nur den Kopfsatz fertig, die weitere Komposition brach er im Zuge des sogenannten ‚Scherbengerichtes‘ 1948 ab. Uraufgeführt wurde das Fragment erst im Jahr 2012.

In seiner hier vorliegenden Fassung ist das Violinkonzert ein gut 23 Minuten dauerndes, weitgehend der (Spät-)Romantik verpflichtetes Werk, das aber auch streckenweise den Tonfall eines Hindemith oder Strawinsky aufgreift. Trotz eines gewichtigen Wortes, das die Orchestermusiker mitzureden haben, ist das Werk ganz auf den Solopart zugeschnitten – viel hängt hier also von der Leistung der Solistin ab. Diesbezüglich ist das Stück bei Skride in den besten Händen: Nach der kurzen Orchestereinleitung greift sie mit einem flexiblen, niemals aufdringlichen Spiel ins Geschehen ein und meistert die erheblichen technischen Herausforderungen ohne Mühe.

Exzellente Interpretation

 

Elts versteht es, der Solistin die notwendigen Freiräume zu geben, ohne die Orchestermusiker zu stark in den Hintergrund zu drängen. Ellers fantasievolle, abwechslungsreiche Musik erfährt so eine exzellente Interpretation, die auch klanglich keine Wünsche offenlässt. Skride steht leicht im Vordergrund, aber vor allem dann, wenn Themen und Motive beim Orchester liegen, ist auch dieses ausreichend präsent. So, wie es hier vorgetragen wird, steht das Violinkonzert in einer Reihe neben den herausragenden Werken seiner Zeit – es sind wohl vor allem die schwierigen (politischen) Umstände jener Jahre, die es in Vergessenheit geraten ließen.

Die 'Symphonische Legende' wirkt insgesamt etwas weniger inspiriert als das Violinkonzert, obwohl sich Eller hier wie dort als meisterhafter Instrumentator zeigt. Vorbild scheinen vor allem die Tondichtungen von Richard Strauss gewesen zu sein; deren Niveau wird jedoch nicht ganz erreicht. Elts und das estnische Nationalorchester holen mit flottem, engagiertem Spiel das Maximum aus der Partitur heraus, gewisse Längen bleiben allerdings hörbar. Als farbenreiches, mit schillernden Harmonien aufwartendes Werk hat die Legende dennoch Beachtung verdient, vor allem die Holzbläser des Orchesters können sich hier profilieren. Die knappe Fantasie für Violine und Orchester hinterlässt hingegen einen etwas blassen Eindruck – zwar spielt Skride auch hier makellos überzeugend, doch ein expressiver Spannungsbogen wie im Konzert oder in der Legende entsteht nicht. Das Stück plätschert ein wenig dahin – nett anzuhören zwar und melodisch sicherlich gelungen, aber kaum mehr.

Hohes Niveau

Beschlossen wird diese Eller-Werkschau von einem fragmentarischen Satz, der der Kopfsatz einer kompletten (zweiten) Symphonie hätte werden sollen. Hier – und nur hier – orientiert sich Eller ein wenig an dem berühmten Kollegen Schostakowitsch, vielleicht ein Grund, warum er (wie dieser) bei den Sowjet-Ideologen anno 1948 in Ungnade fiel. Das knapp vierzehnminütige Fragment zeigt ein ähnlich hohes Niveau wie das Violinkonzert und die 'Legende'. Elts leitet das Orchester mit Aufmerksamkeit und Präzision durch das Stück, das den Komponisten von seiner etwas herberen, schrofferen Seite zeigt. Die klangliche Balance ist auch hier (wie in den anderen drei Werken) gut bis sehr gut, das estnische Orchester wurde in dieser Produktion des Labels Ondine in allen Teilen präzise eingefangen.

Vor allem dank des erstklassigen Violinspiels von Baiba Skride ist dies eine empfehlenswerte CD. Auch die Fantasie profitiert davon, aber besonders das Violinkonzert. Das Engagement der lettischen Geigerin, die sich schon in der Vergangenheit für selten zu hörende Konzerte von unter anderem Arthur Honegger und Miklos Rosza eingesetzt hatte, dürfte auch Ellers Konzert zu etwas mehr Bekanntheit verhelfen. Heino Eller, diese Veröffentlichung ist der klingende Beweis, war eben nicht ‚nur‘ der Lehrer von Arvo Pärt, sondern ein erstrangiger Komponist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Eller, Heino: Violin Concerto, Fantasy, Symphony No.2: Baiba Skride, Estonian National Symphony Orchestra, Olari Elts

Label:
Anzahl Medien:
Ondine
1
Medium:
EAN:

CD
761195132128


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Eller, Heino


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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