> > > Machaut, Guillaume de: The Gentle Physician: The Orlando Consort
Sonntag, 16. Juni 2019

Machaut, Guillaume de: The Gentle Physician - The Orlando Consort

Goldstandard


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Orlando Consort steht seit einigen Jahren für den Goldstandard bei Guillaume de Machaut. Und die Vokalisten setzen das im sechsten Teil ihrer Reihe ohne Mühe fort.

Von keinem mittelalterlichen Komponisten und Dichter gibt es eine so umfassende, geradezu systematische Überlieferung wie von Guillaume de Machaut (ca. 1300–1377). Teilweise von ihm selbst beaufsichtigt und gesteuert sind sechs Manuskripte erhalten geblieben, die der ganzen Vielfalt seiner Texte und Kompositionen Raum geben. Natürlich ist da Geistliches enthalten – die 'Messe de Nostre Dame' ist vielleicht Machauts in der Gegenwart bekanntestes Werk. Aber dazu auch eine enorme Bandbreite jener hochkomplexen, heiklen Kunst, die sich der höfischen Liebe in all ihren heute kaum ganz zu entwirrenden Nuancen widmet. Diesem Pfad folgt das englische Orlando Consort seit einigen Jahren sehr systematisch, mit tiefer Einfühlung und mit stupenden interpretatorischen Ergebnissen. Was da bei Hyperion in der jetzt schon sechsten Folge als Ballade, Virelai, Rondeau oder Lai zu hören ist, kann in seiner Vielschichtigkeit von heutigen Augen und Ohren nur bestaunt werden.

Zum Beispiel das Rondeau 'Quant ma dame', ein Spätwerk, in dem Machaut mit verrätselten Reimen experimentiert, in dem komplizierte, schwer fassliche Rhythmen auch deshalb zustandekommen, weil die drei Stimmen übereinander und parallel im Sechsachtel-, Dreiviertel- und Zweivierteltakt geführt sind – und dabei so entspannt und selbstverständlich wirken, als sei dergleichen volksliedhaft leicht. Gesteigert wird die Komplexität im Hauptstück des aktuellen Programms, im über 23 Minuten andauernden Lai 'S‘onques dolereusement (Le lay de confort)'. Dieser konstruktive und künstlerische Höhepunkt umfasst zwölf Doppelstrophen, die in zwölf dreistimmigen Kanons abgebildet werden. Es entfaltet sich in diesem auf den ersten Blick strengen Gerüst die gewaltige Variationskunst des Guillaume de Machaut, lyrisch eigen, rhythmisch über die Maßen vertrackt, gespickt mit schmerzenden Dissonanzen – aber eben auch einer überaus lebendigen, offenkundig inspirierten Verbindung von Texten und Tönen.

Herausragende Könner mit Einfühlung

Diese angesichts der Distanz von beinahe siebenhundert Jahren ästhetisch wie zeitlich so entfernte Kunst in der Gegenwart frisch und dringlich erscheinen zu lassen, ist das vielleicht größte Verdienst des Orlando Consorts. Übrigens seit Beginn der Reihe: Seit dem ersten Teil ihres Machaut-Projekts begeistern die vier Herren uneingeschränkt. Der Countertenor Matthew Venner, die Tenöre Mark Dobell und Angus Smith, dazu der Bariton Donald Greig profilieren sich mit individuellen Klangvorstellungen, klar zeichnend und unverkennbar grundierend. Und sie finden gleichzeitig zu einer großartigen Gemeinsamkeit, getragen von einer ansteckenden Leidenschaft für diese ferne Kunst. Machauts Musik und Verse wirken so tatsächlich und gegenwärtig, dass eher denen Rechtfertigung abverlangt scheint, die diese Qualitäten gerade nicht zu erkennen vermögen.

Die vier Vokalisten sind großartige Sänger – das kommt beim Blick auf alte und älteste Musik oft zu kurz: Zu hören ist immer wieder entschiedene stimmliche Attacke; die gelegentlich ausgreifenden solistischen Leistungen beeindrucken durch Konzentration und Intensität. Stimmtechnisch sind das alles andere als inferiore Leistungen. Im Gegenteil: Was hier an Risiko, Kraft oder Explosivität investiert wird, gereichte vielen Stimmen zur Ehre, die im klassischen Repertoire reüssieren. Die Intonation ist fabelhaft, im Spiel mit besonderen Reizen auch explorativ und mutig. Rhythmisiert wird entschieden, aber auch die Fülle der Details souverän zu großen Kontexten verbunden. Die Tempi fließen, werden gedrängt und gedehnt – keinesfalls lässt sich etwas Anämisches hören. Zarte Klänge sind ebenso zu erleben wie ungemein entschiedene, kraftvolle Gesten. Man hat unausgesetzt das Gefühl: Den vier Sängern des Orlando Consorts ist die Kunst Guillaume de Machauts auf geradezu verblüffende Weise vertraut. Unterstrichen wird das von einem klaren, charmanten, ungemein plastischen Klangbild, das die Musik im Moment ihres Entstehens lebendig aus der Luft zu greifen scheint.

Das Orlando Consort steht seit einigen Jahren für den Goldstandard bei Guillaume de Machaut. Und die Vokalisten setzen das im sechsten Teil ihrer Reihe ohne Mühe fort. Am Ende des Projekts wird allen Interessierten ein gewaltiger klingender Schatz zur Verfügung stehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Machaut, Guillaume de: The Gentle Physician: The Orlando Consort

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
1
EAN:

034571282060


Cover vergössern

Machaut, Guillaume de


Cover vergössern

Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Hyperion:

  • Zur Kritik... Symphonien gegen den Zeitgeist: Beethoven hin – Strawinsky her. Michael Tippetts dritte und vierte Symphonien sind, trotz mancherlei Rückblicks auf die Tradition, beeindruckende Werke der Gegenwart, zumal in dieser erstklassigen Interpretation. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Britische Chorbrillanz: Vaughan Williams in einer Interpretation, die fast rundum überzeugt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Immer noch Entdeckungen!: Thierry Fischer und Symphonieorchester aus Utah präsentieren auf ihrer spannenden Saint-Saens-CD das Vorzeige-Repertoire wie auch weniger Bekanntes mit durchaus eigenen Akzenten. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Hyperion...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Brahms-Überblick: Gediegener Chor-Brahms mit dem Rundfunkchor Berlin. Eine schöne Platte: Für Brahms, für den Chor und für dessen frisch vertragsverlängerten Dirigenten Gijs Leenaars. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Eine ganz besondere Nachtmusik: Ebenso elegant wie energisch: Eine Themenplatte, gut gedacht und doch nicht verkopft, dazu von Dorothee Oberlinger und den Sonatori de la Gioiosa Marca mit Können und Leidenschaft gespielt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Debüt mit Duruflés Chorwerk: Eine schöne Gesamtschau der Chorwerke Maurice Duruflés, und dazu ein gelungenes Porträt des Houston Chamber Choir bei Signum Classics. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Für eigene Zwecke: Christian Euler und sein Begleiter Paul Rivinius präsentieren Hindemiths frühe Violasonaten in einer hochkarätigen Darbietung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Europäischer Sinfoniker: Der polnische Komponist Feliks Nowowiejski erweist sich auf diesem Tonträger als ein echter Geheimtipp. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Schwerfällige Maskenspiele: Diese 'Nacht in Venedig' schließt keine diskografische Lücke und glänzt auch nicht durch besonderen Charme. Das hätte es nicht zwingend auf CD gebraucht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich