> > > Martinu, Bohuslav: Violinkonzerte: Thomas Imberger, Janacek Philharmonie Ostrava, Heiko Mathias Förster
Sonntag, 21. April 2019

Martinu, Bohuslav: Violinkonzerte - Thomas Imberger, Janacek Philharmonie Ostrava, Heiko Mathias Förster

Zwei 'Schlachtrösser' für den Virtuosen


Label/Verlag: Gramola
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Thomas Albertus Irnberger gelingen hier erstklassige Interpretationen der beiden selten zu hörenden Violinkonzerte von Bohuslav Martinu.

Nach 1945 war Bohuslav Martinů (1890–1959) einer der meistgespielten Komponisten der damaligen zeitgenössischen Musik. Berühmte Dirigenten wie Paul Sacher, Ernest Ansermet und Rafael Kubelik setzten sich für das Werk des Tschechen ein. Nach Martinůs Tod im Jahr 1959 ebbte das Interesse allerdings rasch ab, vielen (jüngeren) Hörern seinerzeit mag sein Schaffen zu traditionell erschienen sein. Jahrzehntelang lag das gewaltige Œuvre des rastlos Komponierenden dann in einem Dornröschenschlaf, bevor etwa in den letzten zehn Jahren eine Art Renaissance einsetzte. Mittlerweile sind erstaunlich viele Werke auf Tonträgern greifbar, vor allem einige der Instrumentalkonzerte werden relativ häufig gespielt.

Neben fünf Klavierkonzerten und zwei Cellokonzerten schrieb Martinů auch zwei Konzerte für Violine und Orchester, die beide der traditionellen dreisätzigen Form verpflichtet sind. Das erste Konzert entstand im Jahr 1933 für Samuel Dushkin, der Martinů in violintechnischen Fragen beriet – entsprechend ist der Solopart mit technischen Hürden gespickt. Kaum weniger anspruchsvoll, von seiner Grundstimmung her jedoch etwas düsterer ist das zehn Jahre später komponierte zweite Konzert, das von Mischa Elman uraufgeführt wurde. Beide Werke hat auf der vorliegenden, bei Gramola erschienenen CD der Violinist Thomas Albertus Irnberger eingespielt. Er wird von der Janáček-Philharmonie Ostrava unter Heiko Mathias Förster begleitet.

Kongeniale Umsetzung

Obwohl das Orchester deutlich über eine reine Begleitrolle hinaus gefordert wird, steht und fällt der Eindruck in beiden Konzerten doch in erster Linie mit der geigerischen Leistung. Diesbezüglich bleiben in Irnbergers Interpretation keine Wünsche offen, von seinem Eintritt im Kopfsatz des ersten Konzertes an überzeugt er durchgehend mit einer blitzsauberen Technik, differenzierten Artikulation und einer fein abgestuften Dynamik, die auch einmal zurückstehen kann – etwa beim (kurzen) Violoncello-Solo. Klanglich steht der Solist deutlich im Vordergrund, für den Geschmack manchen Hörers vielleicht etwas zu deutlich. An einzelnen Stellen wirkt es so, als würde Förster das Orchester über Gebühr zurückhalten – was angesichts Martinůs extrem sorgfältiger Instrumentation kaum notwendig erscheint. Besonders gelungen sind in beiden Konzerten die langsamen Sätze, wo die hochinspirierten Melodien des Komponisten eine kongeniale Umsetzung erfahren. Irnberger singt hier gleichsam auf der Violine, Dirigent und Orchester lassen ihm den notwendigen Spielraum zur expressiven Gestaltung.

Ein Problem, dass Martinů nicht gelöst hat (und wohl auch nicht lösen wollte), ist der unüberhörbare Substanzverlust der Finalsätze, die sowohl im ersten als auch im zweiten Konzert jeweils den schwächsten Abschnitt darstellen. Nach dramatischem Kopfsatz und lyrischem Mittelsatz wirken die beiden Schlussabschnitte ('Allegretto' im ersten, 'Poco Allegro' im zweiten Konzert) gleichermaßen blass – bei aller zur Schau gestellten Virtuosität. Irnberger macht das Bestmögliche daraus und gibt den herauf- und herabstürzenden geigerischen Läufen den notwendigen Schwung mit, kann aber (wie die von Förster eher rasant gewählten Tempi) einen gewissen Leerlauf hier und da nicht völlig überdecken. Dennoch erfahren die beiden Konzerte hier unter dem Strich eine erstklassige Interpretation, klanglich vielleicht nicht optimal, aber auf jeden Fall mit dem notwendigen Mut zum Risiko, der bei Irnberger nie zu Lasten des voluminösen Tones geht. Da die Anzahl von Einspielungen der beiden Violinkonzerte überschaubar ist, kann ich diese CD nicht nur Freunden der Konzertliteratur, sondern auch jedem an Martinůs Schaffen interessiertem Musikfreund bedenkenlos ans Herz legen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Martinu, Bohuslav: Violinkonzerte: Thomas Imberger, Janacek Philharmonie Ostrava, Heiko Mathias Förster

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Gramola
1
05.10.2018
EAN:

9003643991781


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Martinu, Bohuslav


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Gramola

Gramola wurde im Jahr 1924 als Detailgeschäft und Vertrieb der beiden englischen Plattenlabels „Gramola“ und „His Master’s Voice“ gegründet. Durch den damaligen Vertrieb dieser Labels ist eines der ganz wenigen, weltweit noch existierenden Originalbilder des legendären, der Stimme seines Herrn lauschenden Hundes „Nipper“ noch heute im Geschäft zu besichtigen. Das Unternehmen ist heute das älteste Tonträgergeschäft Österreichs und arbeitet inzwischen als Familienbetrieb in der fünften Generation. In internationalen Rankings um das beste Klassikfachgeschäft der Welt nahm Gramola mehrmals Spitzenränge ein. Das denkmalgeschützte Geschäftslokal in Wien am Graben wurde nach einem Jugendstilentwurf von Dagobert Peche in den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erbaut.

Vor etwa 10 Jahren wurde bei Gramola die Produktion von Klassik-CDs wieder aufgenommen und konnte seither durch seine international vielfach ausgezeichneten Produktionen den allerhöchsten Qualitätsstandard österreichischer Musikschaffender nachdrücklich unter Beweis stellen. Gramola-CDs sind inzwischen in allen klassikinteressierten Ländern zwischen Tokyo und New York zu haben. Ergänzt wird das Gramola-Angebot durch ein Webshop, das rund um den Kalender bereitsteht, Kundenwünsche auch außerhalb regulärer Ladenöffnungszeiten zu erfüllen.


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