> > > Keilberth, Joseph: The romantic aspect in german and austrian classics: Berliner Philharmoniker, Orchester der Bayreuther Festspiele, Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester
Sonntag, 21. April 2019

Keilberth, Joseph: The romantic aspect in german and austrian classics - Berliner Philharmoniker, Orchester der Bayreuther Festspiele, Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester

Zu kurz gesprungen


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine erratische Auswahl von teilweise leicht greifbaren, teilweise extremen Schellack-Raritäten in minderer Überspielqualität dient dem Gedenken Joseph Keilberths nur bedingt.

Zum fünfzigsten Todestag von Joseph Keilberth versammelt Profil Hänssler Orchesteraufnahmen unter dem Titel ‚The Romantic Aspect in German & Austrian Classics‘; ob weitere Veröffentlichungen folgen sollen, kann man der Edition nicht ansehen. Das Booklet kommt spartanisch daher – die genauen Aufnahmedaten (spätestens nach Thomas Keilberths gründlicher Biografie von 2007 allgemein bekannt) werden ebenso verschwiegen wie die Kriterien für die Auswahl der Werke. Die CDs sind in verklebten (!) Papierhüllen verpackt – billiger geht es nicht. Denn Keilberths Diskografie auch im symphonischen Bereich war umfangreicher als aus der vorliegenden Veröffentlichung zu vermuten (und auch Edeltraut Schneiders umfängliche Phonographie in Thomas Keilberths Buch ist nicht ganz vollständig). So liegt zunächst die Frage nahe, warum man nicht vor allem auf die sonst eher unbekannten Bestände der Rundfunkarchive rekurriert und stattdessen zum mittlerweile dritten Mal in kürzester Zeit etwa die Telefunken-Aufnahmen von Regers 'Hiller-' und 'Mozart-Variationen' sowie die Ballett-Suite aus dem Jahr 1955 wiederveröffentlicht hat (mit falschen Aufnahmedaten), wo doch die Digitalisierung von den Originalbändern jüngst von Warner in der Reger Centenary Box und in der Keilberth-Edition in der Reihe ICON vorgelegt wurde. Außerdem enthalten, aber stetig greifbar ist die 'Freischütz'-Ouvertüre aus der Electrola-Gesamtaufnahme, Beethovens 'Pastorale' und die 'Coriolan'- und 'Fidelio'-Ouvertüren, Schuberts 'Unvollendete' (mit falschem Aufnahmedatum), Brahms‘ Zweite Sinfonie, 'Tragische Ouvertüre' und 'Akademische Festouvertüre' sowie drei 'Ungarische Tänze', außerdem Vorspiele aus 'Lohengrin' und 'Die Meistersinger von Nürnberg', die jüngst (von den Originalbändern überspielt) in der ICON-Box erschienen. Im direkten Vergleich wirken die Profil-Aufnahmen sehr gut remastered, im Fortissimo vielleicht einen Hauch weniger ‚reich‘ an Klang. Wer also die Warner-Box nicht hat, kann gut mit der Profil-Edition leben.

Veritable Schätze

Zumal diese Edition auch veritable Schätze birgt. Die Warner-Edition umfasst die Telefunken-Jahre 1953–1963 – d.h. Electrola-Aufnahmen sind ebenso wenig enthalten wie Aufnahmen aus den 1940er-Jahren; gerade während des Krieges profilierte sich Keilberth in Prag als Dirigent des Deutschen Philharmonischen Orchesters Prag, faktisch der Vorgängerkörperschaft der Bamberger Symphoniker. Die Bamberger Symphoniker sind sich dieses Faktums auch bewusst, doch leider gelang es zum Orchesterjubiläum 2016 nicht, eine entsprechende Klangdokumentation vorzulegen. Zu den Einspielungen dieser Zeit gehören in der vorliegenden Edition Regers 'Böcklin-Suite' op. 128, die Vorspiele zu Pfitzners Oper 'Palestrina' und Hugo Wolfs 'Italienische Serenade' (fälschlich als Arrangement Max Regers bezeichnet, wo Reger das Werk doch ‚nur‘ aus Wolfs Nachlass herausgegeben hat; das Schallplattenetikett war in der damaligen Zeit aber nicht nur bei dieser Einspielung irreführend). Leider wurden Regers 'Mozart-Variationen' mit dem gleichen Orchester (1944) nicht zur Veröffentlichung herangezogen, dabei ist Keilberths früher Reger – trotz aufnahmetechnischer Imperfektionen – emotional noch stärker als die Einspielungen aus Hamburg oder Bamberg. Die 'Italienische Serenade' sprüht vor Frische und zeigt, was für ein Orchesterkomponist Wolf hätte noch werden können (die sogenannte Serenade ist nur der einzige erhaltene Satz eines geplanten mehrsätzigen Werkes). Die Pfitzner-Aufnahmen zeigen die große Nähe zwischen Komponist und Dirigent. Aufnahmetechnisch betrüben diese frühen Überspielungen von Schellacks leider – zu viele Artefakte sind stehen geblieben, zu wenig rund klingt das Endergebnis (die Tiefe ist schrecklich dumpf, was bei geringeren Eingriffen überhaupt nicht der Fall ist). So bedauert man weniger, dass viele andere Programmpunkte der damaligen Telefunken-Aufnahmen (darunter die Ouvertüre zu Werner Egks 'Die Zaubergeige') hier fehlen (eine kleine Auswahl, darunter Mozarts 'Prager' Sinfonie und Schumanns Erste, findet sich in der DG-Edition ‚Bamberger Symphoniker: The First 70 Years‘). Aus derselben Zeit stammt auch eine Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern – Bruchs berühmtes Erstes Violinkonzert g-Moll op. 28, mit dem Solisten Georg Kulenkampff (24. 6. 1941). Telefunken hatten die Einspielung 1993 veröffentlicht, daneben gab es diverse weitere Veröffentlichungen; die vorliegende zählt nicht zu den klanglich überzeugendsten.

Keilberths Qualitäten

Wie gesagt, sind die Transfers der Telefunken/Electrola-Aufnahmen zumeist überzeugend, naturgemäß mal mehr, mal weniger. Schuberts 'Unvollendete' etwa, mit den Bamberger Symphonikern (Stereo-Aufnahme von 1960) gerät klanglich überzeugender als die 'Coriolan'-Ouvertüre von vorgeblich derselben Aufnahmesitzung; einen Monat später wurde die 'Pastorale' eingespielt, aufnahmetechnisch wieder in entsprechend überzeugender Darbietung. Die 'Pastorale' nähert Keilberth in seiner Lesart Webers 'Freischütz' (1958) hörbar an. Brahms‘ Zweite mit den Berliner Philharmonikern (1962) ist unter den Telefunken-Aufnahmen der späteste substanzielle Beitrag, mit einem eher gemäßigten Puls, mit flexibler Tempogestaltung und großem Steigerungsplatz. Die besonderen Qualitäten Keilberths (der alle vier Sinfonien für Telefunken einspielte – in der ICON-Box enthalten) – Durchdringung in die Tiefe, organischer Gestaltungswille und stetes Bewusstsein um das große Ganze – kommen gerade hier besonders schön zur Geltung.

Ähnliches lässt sich von diversen der hier zusammengetragenen Live-Aufnahmen Keilberths sagen – Bruckners Neunte mit den Berliner Philharmonikern mag nicht nur in den Hörnern im Detail nicht immer ganz erfreulich sein, doch ist der Mitschnitt von den Salzburger Mitschnitten vom 17. August 1960 von bezwingender Dichte (der Mitschnitt ist nicht ohne Grund auch auf Orfeo d’Or und Testament erhältlich, dort in besserer Überspielqualität; besonders die Bläser klingen nicht ganz so schrill). Keilberth erweist sich immer wieder als ‚robuster‘, d.h. nicht das Klangschöne, sondern die Frische betonender Dirigent; da kann es schon einmal haken, unpräzise sein, nicht ganz rund laufen – aber unbeteiligt sind seine Lesarten nie. Keilberth bietet, ob mit den Berlinern oder Bambergern, unmittelbar bezwingende, emotional stark aufgeladene Aufnahmen, die dem ‚feingebügelten‘ ‚Digital-Ideal‘ denkbar fern stehen, dafür aber durch Dichte und Tiefe überzeugen. ‚‘

Lassen wir die Städte mit B hinter uns und wenden uns nach Köln, wo Keilberth mit dem Kölner Rundfunksinfonieorchester zahlreiche Werke einspielte – hier vor allem Pfitzners Klavierkonzert Es-Dur op. 31 mit Rosl Schmid (1951), Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54 mit Annie Fischer (1958) und Vierte Sinfonie d-Moll op. 120 (1952). Leider ist der Aufnahmeklang beim Pfitzner-Konzert an manchen Stellen gelinde gesagt problematisch, doch erfreut, dass, ebenso wie die Schumann-Sinfonie, hier regelrechte Repertoireergänzungen in Keilberths Diskografie vorgelegt werden, mit der schon angesprochenen interpretatorischen Dichte; das Schumann-Konzert kann nicht ganz hierzu gezählt werden, wurden doch die Rundfunkbänder mittlerweile auf ica noch unmittelbarer zugänglich gemacht. An die Solisten werden ganz unterschiedliche Anforderungen gestellt – Fischer kann sich als brillante Lyristin präsentieren, während Schmid dem zergrübelten Solopart im Pfitzner Tiefe, Dichte und Kohärenz zu verleihen weiß.

Vor allem Ouvertüren und andere Auszüge aus Opern komplettieren die Edition – wo möglich aus Gesamtaufnahmen (Goetz‘ 'Der Widerspenstigen Zähmung' vom Bayerischen Rundfunk, 'Ariadne auf Naxos', 'Oberon“ und Cornelius‘ 'Der Barbier von Bagdad' vom (N)WDR, 'Der fliegende Holländer' und der 'Ring' aus Bayreuth). Immer mit vollem Engagement und hörbarer Hingabe: der sprechende Gegenbeweis zu jenen Interpreten, die meinen, ‚leichtere‘ Muse wie Cornelius oder Goetz sei oberflächlich. Nicht immer kommen Keilberths Tugenden hier rundum zur Geltung – die teilweise doch recht problematische Überspielungsqualität beeinträchtigt manchen Schatz; und wer Keilberths Testament-Stereo-'Ring' oder -'Holländer' 1955 aus Bayreuth gehört hat, kann abschätzen, wie viel durch die Heranziehung der Monoaufnahmen zweiter oder dritter Generation (oder gar von Labels wie Melodram), hier vom 'Ring' 1953, verloren geht.

Dass man sich als interessierter Hörer die Aufnahmedaten aus Thomas Keilberths Buch zusammensuchen muss – und auch dort eigentlich jene Würdigung des Dirigenten Joseph Keilberth findet, zu der die vorliegende Box gedacht war –, soll die Bedeutung mancher der hier gehobenen Schätze nicht mindern. Doch eine Zusammenarbeit mit den Rundfunkarchiven wenigstens Deutschlands hätte ein noch weitaus wertigeres Ergebnis ermöglicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Keilberth, Joseph: The romantic aspect in german and austrian classics: Berliner Philharmoniker, Orchester der Bayreuther Festspiele, Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester

Label:
Anzahl Medien:
Profil - Edition Günter Hänssler
10
EAN:

881488180190


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Beethoven, Ludwig van
Brahms, Johannes
Bruch, Max
Bruckner, Anton
Cornelius, Peter
Mozart, Wolfgang Amadeus
Pfitzner, Hans
Reger, Max
Schubert, Franz
Schumann, Robert
Strauss, Richard
Wagner, Richard
Weber, Carl Maria von
Wolf, Hugo


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


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