> > > Walter Gieseking solo recordings: Werke von Wolfgang Amadeus Mozart
Sonntag, 21. Juli 2019

Walter Gieseking solo recordings - Werke von Wolfgang Amadeus Mozart

Leichteste schwierigste Musik


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Mozart-Interpretation von Walter Gieseking ist auch nach über 60 Jahren eine ideale Referenz.

Die Bedeutung der Mozartschen Klaviersonaten wird in der Musikwelt nach wie vor eher geringer geschätzt, daran konnten auch zahlreiche Gesamteinspielungen im Laufe der Schallplattengeschichte nichts ändern. Besonders im Vergleich zu den Klaviersonaten Beethovens hatten die Mozart-Sonaten angesichts fehlender spieltechnischer und ausdrucksstarker Exaltationen historisch gesehen einen schweren Stand. Dennoch haben Pianisten schnell erkannt, dass die Durchsichtigkeit der Anlage und die Aufgabe, eine musikalische Balance zwischen expressiver Emphase und kindlich-zärtlichem Spiel zu finden, eine besondere Hürde in der Praxis markieren. Glenn Goulds Versuch, Mozarts Musik in einer spartanisch-zerhackenden Weise als bedeutungsirrelevante Gattungsbeiträge zu sezieren, ist am Ende genauso gescheitert wie Claudio Arraus Intention, die Sonaten in ein allzu seriös-weihevolles Gewand zu zwängen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Walter Gieseking, der in den 1950er Jahren den Startschuss der Gesamteinspielungen gesetzt hat, in seiner Autobiographie über Mozarts Klaviermusik konstatiert: ‚Es ist die leichteste und zugleich schwierigste Musik, wenn man sie richtig spielen will.‘ Das Label Profil Edition eröffnet mit einer Wiederauflage dieser Premieren-Gesamteinspielung nun einen aktuellen Blick auf die Anfänge der Mozartschen Klavierinterpretation in ihrer Aufnahmehistorie.

Geburt einer neuen Sachlichkeit

Der hohe Stellenwert von Walter Gieseking liegt nicht nur in der Tatsache, dass er sich als erster an eine Gesamteinspielung gewagt hat, in einer Zeit, in der der schüchterne Gestus der Sonaten mit dem Geniekult Mozarts nicht wirklich in Einklang zu bringen war, sondern vor allem darin, dass er ein überzeugend sachliches Gleichgewicht in seiner Mozart-Interpretation vorlegen konnte. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Edwin Fischer oder Artur Schnabel wirkt sein Spiel fast schon revolutionär in seiner Idee, die Musik von jeglichem Pathos zu entstauben. Sein Pedaleinsatz ist minimalistisch und erlaubt so eine transparente Durchdringung der Faktur. Sein Anschlag – zusammen mit seinem Lehrer Karl Leimer nach dem Prinzip der Relaxation in langer Arbeit perfektioniert – berührt wiederum durch eine perlig-weiche Klangproduktion. Wer glaubt, in historischen Aufnahmen allein veraltete Traditionen und übertriebene Romantisierungen zu hören, wird hier eines Besseren belehrt: Das Spiel von Gieseking ist heute fast noch so aktuell wie damals.

Reliquien vergangener Interpretationen

Dennoch ist selbstverständlich auch der Geist einer vergangenen Interpretationsepoche nicht gänzlich abzusprechen. Die damals als perfekte Technik geadelte Spielweise von Gieseking büßt in schnellen Passagen des Öfteren an Sauberkeit ein und nicht zuletzt im letzten Satz von Mozarts D-Dur Sonate KV 311 wirken die Sechzehnteltremoli etwas schlampig. Der mit einem fotographischen Gedächtnis gesegnete und deswegen bisweilen etwas überheblich übefaule Gieseking war trotz seiner Affinität für das Studio sicher kein akribischer Aufnahmeperfektionist – Makel, die in heutigen Produktionen unvorstellbar wären, haben es entsprechend in die Einspielungen geschafft.

Auch der Hang von Gieseking, das Tempo hin und wieder zu beschleunigen, mündet zwar nicht in die extrem schwankende Agogik eines Artur Schnabel, widerstrebt aber dennoch den heutigen Befürchtungen, Mozarts Struktur durch eine noch so kleine Inkonsistenz im Tempo zu gefährden. Speziell die dramatische a-Moll-Sonate KV 310, die in den 1950er Jahren in ihrer Auslegung als Vorreiterrolle für Beethoven noch eine übergeordnete Stellung innerhalb der Mozart-Sonaten innehatte, überrascht in der Exposition zunächst durch eine verblüffende Nüchternheit im Ausdruck. In der Durchführung beginnt dann jedoch das eigentliche Drama, das von Gieseking mittels einer leicht ansteigenden Tempowahl perfekt inszeniert wird und bis zum Schluss des Satzes fesselt.

Giesekings Mozart-Testament

Am Ende war sich Walter Gieseking nicht zu schade, auch das restliche Solo-Klavier-Œuvre Mozarts im Studio zu verewigen, wobei er sein Mozart-Bild auch in unbekannteren Variationssätzen unterstreicht. Die jedem Klavierschüler obligatorisch vorgesetzte Fantasie in d-Moll KV 397 oder etwa das unterschätzte Rondo in a-Moll KV 511 öffnen derweil erneut die Sphären zur spirituellen Erfahrung, ohne von übertriebener Sentimentalität erdrückt zu werden.

Der Verdienst von Profil Edition, die Solo-Klaviereinspielungen von Mozart-Werken auf einem kompakten wie preisgünstigen 8-CD-Set zu veröffentlichen, ist angesichts dessen, dass diese Aufnahmen auf dem Plattenmarkt in den letzten Jahren nicht einfach zu erhalten waren, hoch einzuschätzen. Eine liebevollere Aufmachung hätte man sich wie bereits bei früheren Boxen des Labels dennoch gewünscht. Ein kurzer und wenig informativer Text wie auch eine Trackliste voller editorischer Ungereimtheiten enttäuschen hier, zumal die geschichtlichen Hintergründe dieser spannenden Aufnahmen durchaus Potenzial für größere Erläuterungen gehabt hätten. Die Interpretationskunst wird darüber hinwegtrösten; Giesekings Mozart-Testament ist am Ende der Inbegriff einer Referenzeinspielung, da sie ausgewogen in der Mitte zwischen den Extremen einer Mozart-Deutung weilt und ihre Aktualität auch nach über 60 Jahren nicht verloren hat.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Walter Gieseking solo recordings: Werke von Wolfgang Amadeus Mozart

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
8
18.05.2018
Medium:
EAN:

CD
881488180268


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Profil - Edition Günter Hänssler

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EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
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Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
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Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
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