> > > Poulenc, Francis: Les Biches - Suite: RTE National Symphony Orchestra, Jean-Luc Tingaud
Freitag, 19. April 2019

Poulenc, Francis: Les Biches - Suite - RTE National Symphony Orchestra, Jean-Luc Tingaud

Tanzende Bläser


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Freche Jazz-Anklänge in den 1920ern, tierische Dramatik und vorgebliche Verkleinerungen großer symphonischer Gestik in den 1940ern: Francis Poulencs doch eher wenig bekannte Orchestermusik hält hier gut gespielte Überraschungen bereit.

Um ‚Hirschkühe‘ (oder ‚Hindinnen‘) – eine Metapher, die wohl etwas anzüglich durchaus zum assozierbaren englischen Begriff mit zusätzlichem ‚t‘ hinüberdeutet – geht es in Poulencs Ballett, das bis 1923 für Sergei Diaghilevs Ballets russes entstand und diese Kompanie mit zwei Dutzend Frauen und drei Männern (‚Hirschen‘?) flirtend und interagierend auf eine Bühne mit Sofa stellte. Die fünf Sätze, die Poulenc 1939 für den Konzertsaal neu orchestrierte, paaren dabei Anspielungen an eigentlich historische Tanzformen – Rondeau und Mazurka tauchen sogar in den Szenen-Titeln auf – mit dem Ragtime-Jazz der 1920er Jahre und einer eher bläserdominierten Klangpalette mit hörbaren Ambitionen eben der mit Diaghilev ja eng verbundenen russischen Moderne um Strawinsky oder auch Prokofjew.

Agogisch knackig und prägnant, profiliert in der Phrasierung und dynamisch kontrastreich muss das musiziert werden: Ab dem ersten Liegeklang à la Strawinsky im Eingangs-Rondeau und dem Umbruch zum ‚hektischen‘ Hauptthema in der Trompete (Petruschka lässt grüßen) ist gewiß, dass die hervorragenden Bläsersolisten des nationalen irischen Rundfunkorchesters diesen Anforderungen blendend gewachsen sind. Dirigent Jean-Luc Tingaud hat zudem das Händchen für die Temporelationen und Kontraste, für Lebendigkeit in den unterhaltsamen Melodien und federnden Rhythmen. Die Hirschkühe springen fröhlich und ansprechend aus den Lautsprechern, und auch die Streicher verfehlen in idyllischen Passagen (Andantino) ihren Beitrag als Chor des Sentimentalen nicht.

Tingaud verlebendigt Poulencs Spiel der Idiome

Dass Poulenc gewissermaßen ein Arsenal-Musiker ist, der gerne klassizistisch auf die idiomatischen Klangsprachen, ja gängigen Stereotype der beiden für ihn keineswegs schon vergangenen Jahrhunderte zurückgreift, wird auch in der Musik zu einer Ballett-Adaption von Fabeln von Jean de La Fontaine deutlich, die in den Kriegsjahren 1940 bis 1942 entstand und im August 1942 in Paris auf die Bühne ging. Die Suite aus 'Les Animaux modèles' hat schon starken Filmmusik-Charakter: Das Orchester ist noch größer und bunter besetzt in Nähe zum Tierwelt-Karneval von Camille Saint-Saëns, das Orchester liefert hier auch symphonische Opulenz, etwa im Drama der pickenden beiden Hähne, deren Untergang fast wie in Prokofjews 'Romeo und Julia' inszeniert erscheint; auch der direkte Übergang in das fast apotheotische Finale zeigt weitere Anklänge (und tritt leider musikalisch ziemlich auf der Stelle, worunter hier auch die Darbietung der Iren etwas leidet). Mag man dieser Suite durchaus einige kompositorische Schwächen attestieren, so ist die das Programm rundende Sinfonietta von 1947 doch eindeutig Poulencs bedeutendster Beitrag zur Orchestermusik.

Poulencs ganz eigene Ausdrucksebene scheint auf

Das Grelle des klassizistischen Strawinsky findet sich im Werk wie in dessen Wiedergabe durch Tingaud und das RTÉ-Orchester ebenso wieder wie das besagte nachdenkliche Spielen mit historisch durchaus strapazierten Klang- und Gefühlswelten, aus denen tatsächlich schon im eingängigen Allegro con fuoco so etwas wie ein neuer, nun genuin zu Poulenc gehörender melancholischer Ausdruck entsteht: ein indirekter, aber echter Expressionismus des Klassizisten in der Reflexion. Interpretatorisch eine Nuance überlegen bleibt für mich zwar die Decca-Aufnahme von 1996 mit dem Orchestre National de France unter Charles Dutoit (darf man im Rahmen der Me-too-Debatte einen solchen Platzhirsch zumindest musikalisch noch gut finden?), aber Tingaud verschenkt keine Effekte, liefert im recht schnell durchlaufenen Andante cantabile die rechte Mixtur aus barocker Bewegung und fast britisch-pastoraler Farbigkeit und ein in der Klangbilderfolge überlegtes, eindrucksvolles Finale. Interpretatorisch und aufnahmetechnisch lohnt sich diese Budget-Produktion unbedingt, nur das farbige, aber dünne Beiheft (Englisch und Französisch grundsätzlich hinreichend informativ, aber ohne deutschsprachigen Beitrag) enttäuscht angesichts selbst für Naxos inzwischen besserer Verhältnisse doch ein wenig. Man lese also kurz und höre und tanze dann innerlich mit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Poulenc, Francis: Les Biches - Suite: RTE National Symphony Orchestra, Jean-Luc Tingaud

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
11.05.2018
EAN:

747313373970


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Poulenc, Francis


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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