> > > Medtner, Nikolai: Complete works for violin and piano: Nikita Boriso-Glebsky (violin), Ekaterina Derzhavina (piano)
Freitag, 19. April 2019

Medtner, Nikolai: Complete works for violin and piano - Nikita Boriso-Glebsky (violin), Ekaterina Derzhavina (piano)

Höchste Ausdruckskunst eine Spätromantikers


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Erstklassige Interpretationen einer bedauerlich unbekannten Musik bieten Nikita Boriso-Glebsky und Ekaterina Derzhavina mit den Violinsonaten und Miniaturen von Nikolai Medtner.

Schon vielen seiner Zeitgenossen galt Nikolai Medtner (1880–1951) als hoffnungsloser Romantiker, gleichsam ein Komponist aus der Welt von gestern. Erst recht nach 1945 wirkte sein Werk nicht mehr zeitgemäß und geriet schnell in Vergessenheit; so blieb es ungefähr ein halbes Jahrhundert. Doch dies war noch nicht das letzte Wort in Sachen Medtner-Rezeption: Ab den 1990er Jahren und noch vermehrt in der unmittelbaren Gegenwart erlebte die Musik des Russen mit deutschen Vorfahren eine erstaunliche Renaissance. Die Liste der Musiker – und im Falle Medtner, der fast ausschließlich für (oder mit) Klavier komponierte, heißt dies – der Pianisten, die sich für sein Œu­v­re einsetzen, ist voll von klangvollen Namen: Marc-André Hamelin, Steven Osborne, Yevgeny Sudbin und Hamish Milne stehen hier beispielhaft für viele. Vor allem die Klaviersonaten des Tondichters erfreuen sich einer gewissen Beliebtheit, weniger bekannt sind die drei groß angelegten Sonaten für Violine und Klavier. Sie sind hier auf einer Doppel-CD versammelt, die beim Label Hänssler Profil erschienen ist. Protagonist der Veröffentlichung ist der russische Geiger Nikita Boriso-Glebsky, an seiner Seite musiziert die Pianistin Ekaterina Derzhavina. Neben den drei Sonaten befinden sich noch zwei kürzere Stücke auf den beiden Silberscheiben, die 'Zwei Canzonen mit Tänzen' op. 43 und die 'Drei Nachtgesänge' op. 16. Im Vergleich zur Ausdehnung vor allem der zweiten und dritten Sonate wirken diese Kompositionen fast schon miniaturhaft, zeigen in ihrem nostalgischen Charme eine gewissen Nähe zu den Stücken Fritz Kreislers.

Dies kann man von den Sonaten nicht behaupten, auch wenn die erste Sonate op. 21 mit rund 20 Minuten Dauer noch nicht das übliche Maß überschreitet. In den eigenwilligen Vortragsbezeichnungen (so z. B. im ersten Satz 'Canterellando, con fluidezza') ist Medtners Personalstil schon ausgeprägt – er wird später immer wieder derartige Bezeichnungen verwenden, so soll das Finale des dritten Klavierkonzertes sogar 'Svegliando, eroico' gespielt werden. Im Stil klingen hingegen noch Beethoven, Schumann und Brahms an, im scherzosen Mittelabschnitt auch ein wenig Mendelssohn. Boriso-Glebsky präsentiert diese erste Sonate mit einem kraftvollen und gleichzeitig flexiblen Ton als melodieseliges, leicht melancholisches Stück, die geigerischen Herausforderungen meistert er tadellos. Mit Derzhavina hat er eine besonnene, aufmerksame Begleiterin an seiner Seite, die den rhythmisch teils höchst vertrackten Klavierpart mühelos bewältigt und für einen geistreichen Dialog aufgeschlossen ist. So entsteht diese Sonate in hervorragendem Zusammenspiel als abwechslungsreiches und – im Vergleich zu ihren beiden Schwesterwerken – auch noch hier und da fröhlich wirkendes Stück, dessen Interpretation auch akustisch exzellent eingefangen wurde.

Mit der zweiten Sonate op. 44 weitete Medtner die Dimensionen erheblich, alleine der Kopfsatz dauert siebzehneinhalb Minuten. Die große, symphonische Anlage mit einer 'Introduzione', in der die Instrumente sich gleichsam erst finden müssen, rollt sozusagen den ‚musikalischen Teppich‘ für ein höchst anspruchsvolles Werk aus, das von den Musikern und vom Hörer viel fordert. Ein kleines Wunder an Variationskunst schließt sich im Mittelsatz an, bevor das abschließende Rondo substanziell doch ein wenig abfällt. Boriso-Glebsky und Derzhavina sind dieser bei aller Vielfalt doch insgesamt deutlich melancholisch gestimmten Musik vollauf gewachsen, agieren mit höchster Präzision im Zusammenspiel und finden auch noch genügend Raum für eine fein ausdifferenzierte dynamische Gestaltung. Medtner nostalgische Melodien und eigenwillig-trübe Harmonien können sich so auf die beste denkbare Art entfalten.

Als Medtners kammermusikalisches Meisterstück gilt allgemein die dritte Sonate op. 57, der Titel 'Epica' verweist schon auf die nochmals gestiegene Spieldauer und den (nun in vier Sätzen gestalteten) kompositorisch-musikalischen Anspruch. Ist die erste Sonate möglicherweise noch für begabte Hobbymusiker greifbar, so erfordert die 'Epica' sowohl an der Violine als auch am Klavier virtuose Profis, die auch über das entsprechende Durchhaltevermögen verfügen. Beide Musiker stemmen die Herausforderung mit einer sehr gelungenen Mischung aus technischer Exzellenz und musikalischer Sensibilität, so dass der Hörer trotz der Länge keinen Augenblick gelangweilt wird. Ein besonders gelungener Abschnitt ist das 'Allegro molto e leggiero' zu spielende Scherzo, in dem Medtners Kompositionskunst einen unbestrittenen Höhepunkt erreichte.

Insgesamt ist diese Doppel-CD sowohl für Freunde Medtners als auch für alle jene Hörer, die nach Abwechslung im Violinsonaten-Repertoire suchen, ein Gewinn. Die eine oder andere Länge in der zweiten oder dritten Sonate gibt es unbestritten – es handelt sich nicht um perfekt geschliffene Meisterwerke. Doch als Ausdruckskunst eines höchst inspirierten (Spät-)Romantikers sind alle drei Sonaten mehr als nur hörenswert, zumal in dieser exzellenten Interpretation von Nikita Boriso-Glebsky und Ekaterina Derzhavina. Dies gilt übrigens auch für die insgesamt sieben Miniaturen op. 43 und 16, die als Zugaben nach der anspruchsvollen Sonaten-Kost fast ein wenig wie ein delikater Nachtisch nach einem schweren, mehrgängigen Menü wirken.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Medtner, Nikolai: Complete works for violin and piano: Nikita Boriso-Glebsky (violin), Ekaterina Derzhavina (piano)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
2
16.03.2018
EAN:

881488170870


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Medtner, Nikolai


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
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Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
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