> > > Cantata: Werke von Händel, J.S. Bach, Vivaldi und J.C. Bach
Freitag, 23. August 2019

Cantata - Werke von Händel, J.S. Bach, Vivaldi und J.C. Bach

Humanistische Spiritualität


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Anthologie von weltlichen und geistlichen Kantaten aus dem 18. Jahrhundert, die von Bejun Mehta mit einem unglaublichen Gespür für Feinheiten im Ausdruck hochmusikalisch vorgetragen werden.

Bejun Mehta, dessen letzte CD-Produktion schon einige Zeit zurückliegt, hat ein neues, ausgesprochen anspruchsvolles Album herausgebracht. ‚Cantata‘ nennt es sich und ist eine Zusammenstellung von Kantaten unterschiedlicher Komponisten aus dem späten 17 und frühen 18. Jahrhundert. Auch wenn der Begriff der Kantate durch das Werk Johannes Sebastian Bachs heute eher mit geistlicher Musik assoziiert wird, bedeutete es in der Barockzeit einfach nur eine Komposition mit Gesang. Auf vorliegender CD finden sich entsprechend geistliche und weltliche Kantaten. Was ihnen aber gemeinsam ist: Die Nähe zur dramatischen Gattung der Oper, zur Expressivität und hohen Emotionalität.

Bejun Mehta geht die verschiedenen Kantaten mit einem großen Gespür für stilistische Unterschiede, Feinheiten im Ausdruck und höchster interpretatorischer Kunst an. Sein Zugang ist durch und durch überlegt, es geht im nie um Schönklang oder vordergründige Emotionen. Nicht der Effekt, sondern das innere Drama des Sängers steht bei seiner Deutung im Vordergrund. ‚Humanistische Spiritualität‘ ist  Mehtas inspirierender Begriff für die große Klammer, die die verschiedenen Stücke zusammenhält, und es überrascht dann auch nicht, dass er im Booklet davon schreibt, es sei sein bisher persönlichstes Album geworden.

Der Bogen ist weit gespannt: Bachs Kantate 'Ich habe genug' und Vivaldis 'Pianti, sospiri e dimandar mercede' bilden die Antipole: Der Sehnsucht nach Tod, nach Stille und Verlöschen steht das humorvolle, von Mehta mit einem hörbaren Augenzwinkern vorgetragene kleine Liebesdrama eines jungen Mannes gegenüber, der sich auf das weite Meer der Liebe deutlich zu weit vorgewagt hat und den nun die Stürme heftig ins Schwanken bringen. Von der Sehnsucht nach Verlöschen legt auch das erschütternde Lamento 'Ach, dass ich Wassers g’nug hätt' von Johann Christoph Bach und Melchior Hoffmanns Trauermusik 'Schlage doch, gewünschte Stunde' Zeugnis ab. Auf der Seite der Freude am Leben und den Schmerzen der Liebe stehen Werke mehrere Werke von Händel, so die Kantate 'Mi palpitar il cor' oder die Arie 'Yet can I hear', die der Produktion auch den Untertitel gegeben hat.

Mehta gelingt stimmlich alles, was er ausdrücken möchte. Unfassbar klar und leicht kommen die extrem schwierigen Koloraturen in der Schlussarie der Vivaldikantate, dicht und lastend gelingt ihm das Lamento Bachs und die kaum merklichen Stimmungsänderungen in der großen Bachkantate, so die Freude des Simion, den Heiland noch vor seinem Tod gesehen zu haben zu Beginn und der Wunsch des Betenden, sein eigener Tod möge bald kommen. Seine Textausdeutung treibt er dabei manchmal bis ins Extrem, so dass der Fluss der Musik etwas zu stocken beginnt und beim ersten Hören manche Phrase, vor allem in der Bachkantate, in die Gefahr gerät, beinahe manieristisch zu werden, indem Mehta beispielsweise die einzelnen Töne abrupt dynamisch verändert oder an- und abschwellen lässt. Wer die Stücke mehrfach hört, merkt aber schnell, dass es hier nie stilistische Eigentümlichkeiten des Interpreten sind, sondern der Versuch, stimmlich bis zur Grenze des Möglichen den Zusammenhang von Text und Musik auszudeuten. Das ist wirklich grandios! Die Akademie für Alte Musik unterstützt ihn dabei brillant, für meinen Geschmack ist die Stimme Mehtas manchmal zu sehr in den Hintergrund gerückt (wobei Mehta selbst bei dem Edieren und der Mischung beteiligt war) und, das muss man leider auch sagen: Der Text gerät, vor allem in der Bachkantate, nicht immer klar verständlich.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cantata: Werke von Händel, J.S. Bach, Vivaldi und J.C. Bach

Label:
Anzahl Medien:
Pentatone Classics
1
Medium:
EAN:

SACD
827949066962


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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