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Montag, 24. Juni 2019

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Cellowerke

Mendelssohn in historischem Gewand


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auf historischen Instrumenten gewinnen Christian Poltéra und Ronald Brautigam Mendelssohns Werken für Violoncello und Klavier neue Farben ab.

Die Kammermusik von Felix Mendelssohn Bartholdy ist auf Tonträgern in sehr unterschiedlicher Weise präsent. Ganz oben auf der Beliebtheits-Skala (bei den Musikern wie beim Publikum) steht das Oktett für Streicher op. 20, entsprechend viele Einspielungen liegen von diesem Geniestreich des jungen Komponisten vor. Ähnlich populär sind die beiden Klaviertrios op. 49 und 66, die auch den angenehmen Nebeneffekt haben, ideal auf eine CD zu passen. Relativ häufig trifft man dann noch die Streichquartette an, während die anderen Werke seltener gespielt werden – darunter die beiden Streichquintette, die Klavierquartette und auch die beiden hier zu hörenden Sonaten für Violoncello und Klavier. Allerdings bedeutet ‚seltener gespielt‘ bei einem fest im Repertoire etablierten Tondichter wie Mendelssohn immer noch, dass eine beachtliche Reihe von Einspielungen vorliegt.

Dies gilt vor allem für die zweite Sonate op. 58, die unter anderem Janos Starker, Maria Kliegel und Natalie Gutman aufgenommen haben. Die erste Sonate op. 45 ist weniger beliebt, vielleicht weil ihr die dramatischen Kontraste des Schwesterwerkes fehlen. Der Cellist Christian Poltéra und der Pianist Ronald Brautigam nähern sich den Werken nun mit historischen Instrumenten: Poltéra musiziert auf einem Stradivari-Cello von 1711, Brautigam spielt auf einem Hammerklavier, das nach einem Pleyel-Instrument von 1830 konstruiert wurde. Drei kürzere Werke ergänzen die zwei Sonaten: zu Beginn die konzertanten Variationen op. 17, in denen das Thema zunächst etwas schablonenhaft variiert wird, bevor die siebte Variation 'Presto ed agitato' doch noch ein wenig Feuer ins Spiel bringt. Die beiden Musiker sind bemüht, das Maximum aus dem 1829 entstandenen Werk herauszuholen, doch der Funke will hier angesichts der etwas hölzernen Abfolge der Variationen noch nicht so recht überspringen. Der größte Pluspunkt ist (wie schon in den späteren Werken) das höchst transparente und klare Klangbild, so dass kein Zudecken des Cellos durch das Klavier erfolgt. Das liegt teilweise an der Akustik und am Klang des Hammerklaviers, aber ebenso an Brautigams angenehm diskreten Klavierspiel.

Die lyrische Seite Mendelssohns präsentieren Poltéra und Brautigam mit dem Lied ohne Worte op. 109 und dem Albumblatt 'Assai tranquillo' aus dem Jahr 1835, zwei kurzen und angenehm klingenden Werken, die aber doch gegenüber den beiden Sonaten etwas abfallen. Die erste Sonate bietet mit der traditionellen Dreisätzigkeit keine formalen Überraschungen, kann aber durch ihre Melodik und Harmonik punkten – zwei Aspekte, die von den Interpreten hervorragend herausgearbeitet werden. Insbesondere Brautigam versteht es, sich bei aller notwendigen Zurückhaltung immer wieder exzellent zu profilieren, ohne jemals den Cello-Klang zu überdecken. Hiervon profitiert Poltéra, der niemals forcieren muss und so seine technische Brillianz ebenso zur Geltung bringen kann wie eine sehr fein ausgehörte Dynamik.

Diese beiden Punkte sind auch in der Interpretation der zweiten Sonate hervorzuheben, deren Adagio-Satz mit einem choralartigen Arpeggio im Klavier ungewöhnliche Klangfarben hervorbringt – fast scheint es, als hätte sich César Franck hiervon für sein berühmtes Klavierwerk 'Prélude, Choral e Fugue' inspirieren lassen. Mit zwei feurigen Ecksätzen, dem erwähnten Adagio und einem raffinierten Scherzo ist dies klar das beste Werk auf dieser CD und lässt weder interpretatorisch noch klanglich Wünsche offen. Dem einen oder anderen Hörer mögen die von den beiden Musikern gewählten Tempi zu rasant sein, doch die Freude am virtuosen Spiel geht niemals zu Lasten der Musikalität. Alles ist bei Poltéra und Brautigam am rechten Platz.

So kann man mit diesen Aufnahmen die Vorzüge der historischen Aufführungspraxis genießen, ohne die Möglichkeiten moderner Instrumente verdammen zu müssen – idealerweise ergänzt die CD schon vorhandene Einspielungen der Sonaten mit ‚gewöhnlichem‘ Instrumentarium und zeigt damit Mendelssohn von zwei Seiten. Nur wer mit dem Klang eines Hammerklavieres gar nichts anfangen kann, wird der Veröffentlichung wohl skeptisch begegnen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Cellowerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
30.08.2017
Medium:
EAN:

SACD
7318599921877


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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