> > > Villa-Lobos, Heitor: Sinfonien Nr. 8, 9 & 11
Mittwoch, 26. Juni 2019

Villa-Lobos, Heitor - Sinfonien Nr. 8, 9 & 11

Eklektisches aus Brasilien


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Isaac Karabtchevsky setzt die Sinfonien-Reihe Heitor Villa-Lobos' fort. Das orchestrale Farbspektrum ist reich schattiert, doch fehlt die rhythmische Zündkraft früherer Interpreten.

Außer den 'Bachianas Brasileiras' und den 'Chôros' kennt man nur wenig Werke von Heitor Villa-Lobos (1887–1959), trotz eines unzweifelhaft profilierten und äußerst umfangreichen Gesamtschaffens. In São Paulo arbeitet Isaac Karabtchevsky derzeit für Naxos an einer Gesamteinspielung der elf Sinfonien des Komponisten, nachdem cpo 2009 seine Gesamtschau dieses Werkkomplexes abgeschlossen hatte. Das São Paulo Symphony Orchestra, dessen Einspielung der 'Bachianas Brasileiras' und der 'Chôros' auf BIS erschien, nähert sich bei den Sinfonien bereits langsam der Zielgeraden.

Die hier vorgelegten Sinfonien Nr. 8, 9 und 11 entstanden 1950, 1951-2 und 1955, allesamt also den Jahren, in denen seine internationale Reputation stetig wuchs, nicht zuletzt durch rege Reisetätigkeit nach Europa und in die USA. Alle drei Werke folgen der traditionellen Viersätzigkeit, mit dem Scherzo jeweils an dritter Stelle. Harmonisch und rhythmisch sind sie alle drei durchaus reizvoll, gleichzeitig offenkundig Kinder ihrer Zeit, mit deutlich hörbar eklektischem Gestus. Bei längerem Hören ermüden die Querbezüge auf andere Komponisten immer stärker, wirklich eigene Erfindungsgabe tritt zurück zugunsten von intensiven Traditionsbezügen (choralartige Themen, Fugati etc.); auch Anklänge an Filmmusik sind unüberhörbar. Interessant ist die Bezugnahme der drei Sinfonien aufeinander – ob bewusst oder unbewusst, ist schwer auszumachen.

Das São Paulo Symphony Orchestra, spätestens seit der Übernahme der musikalischen Leitung durch Marin Alsop von unzweifelhafter Reputation, transportiert nahezu unmittelbar den lebensvollen Puls der Werke, verbunden mit einem reichen Klangarsenal. Karabtchevsky lässt der Musik Raum zum Atmen – die orchestralen Klangfarben, die Professionalität und sorgsame Schattierung und Abstufung der Klänge kommen bestens zur Geltung. Die Instrumente sind bei aller Staffelung gut unterscheidbar, ergeben gleichzeitig ein harmonisches Ganzes. Dennoch bleibt vieles eher schöner Schein denn zwingende Notwendigkeit. Der unbändige Puls, die extreme Intensität, die ein junger Leopold Stokowski oder Eugene Ormandy (die Achte und Neunte Sinfonie erlebten ihre Uraufführungen durch das Philadelphia Orchestra, die Elfte durch das Boston Symphony Orchestra) der Musik hätten angedeihen lassen, fehlen zumeist. Dadurch kommen die Schwächen der Musik umso klarer zum Vorschein.

Vielleicht am überzeugendsten von den drei Werken, mit der avanciertesten Harmonik, ist die Elfte Sinfonie, die auch das umfangreichste der drei Werke ist. So scheint es empfehlenswert, die Musik Villa-Lobos in kleinen Dosen zu genießen und nicht alle drei Sinfonien hintereinander zu hören. Gerade bei der Neunten und der Elften Sinfonie erweist sich die cpo-Einspielung mit dem SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter Carl St. Clair um entscheidende Grade intensiver – was vor allem am Dirigat und an der Aufnahmetechnik liegt, weniger am Orchester.

Gerade die Nutzung revidierter Aufführungsmaterialien, mit denen die Produktion für sich wirbt. hätte auch beim Booklettext größere Sorgfalt erhoffen lassen – leider bleibt der Autor – ein Musiker, nicht Musikhistoriker – allzu stark an der Oberfläche.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Villa-Lobos, Heitor: Sinfonien Nr. 8, 9 & 11

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
09.06.2017
Medium:
EAN:

CD
747313377770


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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