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Sonntag, 16. Juni 2019

Halvorsen & Nielsen - Violinkonzerte

Wiederentdeckter Schatz


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Geiger Henning Kraggerud widmet sich dem wiederentdeckten Violinkonzert von Johan Halvorsen und kombiniert es mit dem ambitionierten Gegenstück von Carl Nielsen.

Als man 2015 das verloren geglaubte Violinkonzert op. 28 (1907–08) des norwegischen Geigers und Komponisten Johan Halvorsen (1864–1935) im Nachlass der kanadischen Geigerin und Musikpädagogin Kathleen Parlow wiederentdeckte – sie hatte das Werk 1909 im Alter von 18 Jahren aus der Taufe gehoben und mehrmals unter Halvorsens Leitung gespielt –, war dies eine kleine Sensation. Nicht nur angesichts des Umstands, dass Halvorsens Violinkunst bislang fast ausschließlich durch Miniaturen für Violine und Klavier oder durch die zwar häufig gespielte, für seine eigene Tonsprache allerdings kaum charakteristische Passacaglia über ein Thema für Georg Friedrich Händel für Violine und Viola dokumentiert war, erweist sich dieser Fund als bedeutsam; er ist darüber hinaus auch aufschlussreich, weil er dem bisherigen Bild von den individuellen Ausprägungen der Gattung Violinkonzert in Skandinavien in der Zeit nach 1900 ein bedeutsames Mosaiksteinchen hinzufügt. Der norwegische Geiger Henning Kraggerud, bekannt durch seine Interpretationen des skandinavischen Violinrepertoires, hat sich dem Werk nun gemeinsam mit dem Malmö Symphony Orchestra unter Leitung von Bjarte Engeset in der bei Naxos erschienenen ‚World Première Commercial Recording‘ angenommen, nachdem bereits die gleichfalls von ihm gespielte Erstaufführung des wiederentdeckten Konzerts 2016 vom Norwegischen Rundfunk NRK aufgezeichnet und im Fernsehen ausgestrahlt worden war.

In Kraggeruds Wiedergabe offenbart sich die Komposition als echte Perle, die – unverkennbar als Virtuosenkonzert konzipiert – die Fähigkeiten des Interpreten in den Vordergrund rücken soll, zugleich aber auch wesentliche Qualitäten von Halversons Arbeit beleuchtet: Der Anfang beispielsweise, ein ausschweifendes, nur von wenigen Akkorden gestütztes kadenzartiges Präludieren, verweist wie zahlreiche andere Details darauf, dass sich der Komponist intensiv mit den Volksmusiktraditionen seiner norwegischen Heimat, insbesondere mit dem Spiel der Hardangerfiedel, befasst hat. Ein weiteres hervorstechendes Merkmal sind die weit geschwungenen, vom melancholischen bis zum schwärmerischen Tonfall reichenden melodischen Gesänge, die Kraggerud – unterstützt von einem sehr geschlossen agierenden Orchester – mit facettenreicher und warmer Tongebung zu formen versteht. Der Gesamteindruck unterstreicht, dass hier ein großes spätromantisches Konzert wiederentdeckt wurde, das mit Blick auf entsprechende Werke wie jene des Norwegers Christian Sinding (1898 und 1901) oder des Schweden Tor Aulin (1891, 1894 und 1896) als enorm wichtige Bereicherung des skandinavischen Repertoires dieser Zeit angesehen werden kann, auch wenn es – trotz gewisser formaler Eigenarten des Kopfsatzes – nicht die künstlerische Qualität der nahezu zeitgleich entstandenen Violinkonzerte des Finnen Jean Sibelius (1903–05) und des Dänen Carl Nielsen (1911) erreicht.

Auf diesen Umstand macht auch die Produktion selbst aufmerksam, indem sie Halvorsens Werk mit Nielsens ambitioniertem Violinkonzert op. 33 konfrontiert: Zwar stellt auch Nielsen exorbitante Anforderungen an den Interpreten, doch passt er zugleich – formale Experimente mit der Konzertform und zahlreiche harmonische, die Intonation herausfordernde Besonderheiten inklusive – den Solopart auf ganz andere Weise in den musikalischen Diskurs ein, indem er ihn immer wieder zugunsten orchestraler Entwicklungen zurücknimmt oder beide Ebenen zu dialogisch agierenden Partnern formt. Hier überzeugt Kraggerud nicht nur mit seinen geigerischen Fähigkeiten – insbesondere die beiden großformatigen, detailreich ausgeloteten Kadenzen offenbaren das reiche Spektrum seines Spiels –, sondern zeigt zudem, dass er auch den gänzlich anderen musikalischen Anforderung des Werkes gewachsen ist, was sich beispielsweise in den variantenreich abschattierten, auf die farbenreiche Instrumentation reagierenden Klanggebungen im 'Poco adagio'-Teil zu Beginn des zweiten Satzes äußert. Demgegenüber gibt die als drittes Stück der CD erklingende Romanze G-Dur (1881) des Norwegers Johan Sevendsen dem Geiger noch einmal Gelegenheit dazu, seine Kunst des wohlgeformten Gesangs zu demonstrieren, was in vielen Passagen wieder an den Zugang zu Halvorsens Kantilenen erinnert.

Auch wenn das Orchester an manchen Stellen für meinen Geschmack klanglich ein wenig zu stark zurückgenommen wurde, hinterlässt die Produktion aufgrund der eingefangenen musikalischen Leistungen einen sehr positiven Eindruck. Zu diesem trägt auch der (leider nicht in deutscher Sprache abgedruckte) Bookletbeitrag von Øyvin Dybsand bei, der einige Einblicke in die Geschichte des skandinavischen Violinkonzerts zulässt und dem Hörer dabei helfen kann, die hier getroffene Werkauswahl zu kontextualisieren.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Halvorsen & Nielsen: Violinkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
10.02.2017
EAN:

747313373871


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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