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Montag, 22. April 2019

Brahms, Johannes - Sämtliche Klavierwerke Vol. 4

Brahms als Wundertüte


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jonathan Plowrights Brahms-Reihe fasziniert hier durch eine besonders interessante Programmgestaltung und ungewöhnliche Auffassungen jenseits eigentlich zu gewohnter Darstellungstraditionen.

Schon die Idee, dass die beiden Hefte von Johannes Brahms‘ ziemlich virtuosen 'Paganini-Variationen' ein eher elegisch-abgründiges Zentrum mit den vier Balladen, den beiden Rhapsodien op. 79 und den vier ‚letzten‘ Klavierstücken op. 119 rahmen dürfen, ist außergewöhnlich. Der erste Paganini-Block schwingt sich schnell zu einer spieltechnisch wirklich fabelhaften, überragenden Repetitionsstudie (Variation 3) auf, bevor der Pianist Jonathan Plowright in den folgenden ruhigeren Variationen fast in Lethargie versinkt: So widerstrebend wie hier haben die ruhigere sechste und vor allem der eher gezügelt, defensiv wirkende Ausbruch der folgenden Variationen nirgends sonst geklungen. Dabei wirkt das alles höchst reflektiert, kontrolliert, auf Farbe statt auf Dynamik gespielt – eben ungewöhnlich, ja überraschend für diesen Zyklus.

Und das setzt sich fort in den Balladen mit ihrer Aufgabe an den Interpreten, wirklich sprechend, erzählerisch zu agieren. Selbstredend liegt Plowright der ‚nordische‘ Ton der ersten, der 'Edward'-Ballade, die Abstufung der Akkordklänge ist perfekt, die Steigerung bei der Reprise des Liedthemas verhalten, aber anrührend. Impressionistische Dichte koloriert die zweite Ballade neu, knackig-souveräne virtuose Prägnanz die Figuren der dritten als 'Intermezzo' (hier grüßt vielleicht schon wieder Paganini). Beherrscht-kontrolliert, klanggewaltig, aber nicht exzessiv wie andere, mit Sinn für die Ruhezonen spielt Plowright die Rhapsodien. Etwas zu langsam und trocken, buchstabiert er die anfänglichen Auflösungstendenzen im ersten Intermezzo von Opus 119, die später tröstende gegenüber der eingangs trostlosen Geste stellt sich nicht so richtig ein. Interessant beim zweiten Hören die tatsächliche Qualität dieser Entdeckung der Langsamkeit (mit mehr Farbe als bei Afanassiev). Trotzig der Triumph der auch in Opus 119 finalen Rhapsodie. Ein wunderbarer Brahms für Liebhaber, die diese Stücke neu, wenn auch nicht immer widerspruchsfrei entdecken wollen. Und die letzten Paganini-Variationen des zweiten Hefts, die erst ganz nah am ‚fallenden‘ Intermezzo (Var. 13) und dann fast schon französisch-elegant (Var. 14) die Platte beschließen, stellen ja schon für Brahms selbst einen Widerspruch dar. Dieses überlegte Programm ist ein Gedicht und eine Wunderwelt.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Sämtliche Klavierwerke Vol. 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
11.01.2017
EAN:

7318599921372


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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