> > > Schostakowitsch, Dimitri: Klavierkonzerte Nr. 1&2 / Streichquartett Nr.8
Sonntag, 21. April 2019

Schostakowitsch, Dimitri - Klavierkonzerte Nr. 1&2 / Streichquartett Nr.8

Konzertanter Übermut nebst konzentriertem Selbstgespräch


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter den ersten Naxos-Neuerscheinungen 2017 dürfte schon eine der Platten des Jahres sein: Was Vasily Petrenko und Boris Giltburg aus den beiden Klavierkonzerten von Dimitri Schostakowitsch machen, ist bezwingend.

Nahtlos setzen Vasily Petrenko und sein Royal Liverpool Philharmonic Orchestra die herausragenden Qualitäten ihres vielgerühmten Zyklus der Schostakowitsch-Symphonien nun auch in den konzertanten Werken um. Man höre nur die so keck und präzise geblasene Eröffnung des F-Dur-Konzerts op. 102 von 1957, in die sich dann auch Boris Giltburg mit spitzem Anschlag einfügt. Wie organisch er und das Orchester den anfänglichen Scherzo-Ton ins Heroische steigern, die Streicher dann fahler den lyrischen Durchgangsgedanken im Klavier einfärben und sich danach die gemeinsame, von Gilburg rücksichtslos vorangetriebene Attacke bis ins Bombastisch-Brutale steigert (auch eine Glanzleistung des Aufnahmeteams um Simon Eadon), das sticht die alten Referenzen völlig aus.

Elisabeth Leonskaja und Hugh Wolff (Teldec 1991) und sogar Marc-André Hamelin und Andrew Litton (Hyperion 2003) sind zwar ähnlich perfektionistisch-präzise und klangfarbenbewusst vorgegangen, ohne jedoch hinsichtlich hinreißend expressivem Elan Leonard Bernstein in Doppelfunktion (CBS, New York 1958) nahekommen zu können oder zu wollen. Giltburg und Petrenko wollen und können beides. Und was die schier unerreichbare emotionale Tiefe Bernsteins im Rachmaninow-Mimikry des zentralen 'Andante'-Satzes angeht, so inszeniert Petrenko die berückenden Liverpooler Streicher genauso voll wie fahl getönt ganz materialverzagt im anfänglich etwas widerhakenden Themengut, woraufhin Giltburgs wunderbar kantabler, wirklich leuchtender und ergreifender Einstieg und das folgende Paradieren durch seit Mozart und Chopin ewig Melancholisches zum höchst intensiv und versöhnlich ausgeleuchteten Herzensdialog mit dem Orchester gerät. Die Final-Groteske wird wie der Kopfsatz unglaublich dynamisch und farbig dargeboten: Die pianistischen Klingel-Parodien der rhythmisch und aufnahmetechnisch höchst perfekt abgestimmten Bläser- und Tutti-Mixturen, die sturzbachartigen Oktavläufe, der immer etwas grimmig kämpferische Untertöne ins Spiel bringende Einbruch von Episoden, das Überschwänglich-Abrupte des Schlusses. Alles das ist da, und dass im Schlussakkord sogar das allgemeine finale Absetzen im Orchester als kleines Rauschen hörbar bleibt, verleiht der Aufnahme außerordentliche Lebendigkeit.

Rhys Owens Trompeten-Soli stehen für die Qualität in Liverpool

Dass das erste Konzert, 1933 aus Plänen für ein Trompetenkonzert entstanden, eigentlich das berühmtere ist, verwundert, weist Petrenko doch in dieser fulminanten Lesart die homogenere idiomatische Verbindung des zweiten Konzerts nach. Das erste Konzert reiht sich in seiner Gedankenvielfalt vielmehr in die Welt der französischen Vorbilder eines kaleidoskopartigen Konzertierens ein – exemplarisch in Poulencs knapp früherem Konzert für zwei Klaviere (1932), davor dem 'Concert champêtre' mit Cembalo und der 'Aubade' (1929), aber auch die im Westen entstandenen Konzerte Strawinskys und Prokofjews. Die raschen Stimmungswechseln werden von Giltburg wie Petrenko idiomatisch treffend und mit packendem Schwung aneinandergereiht, wobei sich der zweite Solist, der seit Jahrzehnten orchesterzugehörige Trompeter Rhys Owens, besonders im Solo des zweiten Satzes auszeichnet, jener Charles Ives nahen Szenerie durch die gedimmten Walzerklänge hallender Solo-Kantilenen. Der Doppelkonzert-Charakter tritt ja oftmals hervor, wobei sich das Klavier homogener mit den Orchestergruppen verbindet als die oft exterritoriale, oft militärisch anfeuernde Trompetenstimme. Man hört dieses eingängigere Konzert zwar nicht so neu wie das großartig getroffene zweite, zweifellos aber auch auf einem vorher kaum überbotenen Niveau. Petrenkos Mannschaft ist ja schon länger – mindestens so angriffsfreudig und diszipliniert wie Jürgen Klopps popkultigere Stadtrivalen – britische Spitzenklasse, und Boris Giltburg fährt eine ungeheure Palette je nach verlangtem Idiom mehr oder minder kultivierter Anschlagsvarianten auf.

Als ‚Zugabe‘ das Achte Streichquartett auf dem Klavier!

Das kommt auch den wirklich gewichtigen Beigaben dieser CD zugute (und dadurch dem hohen Repertoirewert): Die Idee, aus dem berühmtesten Streichquartett Schostakowitschs – das Achte von 1960 mit der fast penetranten ‚autobiographischen‘ D-eS-C-H-Signatur – ein Klavierwerk zu machen, findet sich mit Boris Giltburgs technischen Mitteln und Einfühlungsvermögen in einer Fassung von 2015 hervorragend umgesetzt. Aus dem wechselseitigen Diskurs von vier Streicherstimmen führt die Klavierfassung gewissermaßen imaginär zurück in ein Selbstgespräch des Komponisten beim Komponieren am Klavier. Der quasi noch improvisatorische Charakter des 'Largo'-Beginns über eben jene vier Ton-Initialien tritt ganz deutlich hervor, unterstrichen durch durchgängig überzeugende Tempowahl und Agogik. Aus dem folgenden 'Allegro molto' sprechen ganz direkt die Motive der kämpferischen, aber zugleich auch ins Tänzerische gleitenden Bewegung. Die Aspekte der ‚jüdischen‘ Volksmusik als eine Art lautes Gebet im Feld perkussiver und schließlich im 'Allegretto' humoristisch verspielter Ausbruchsversuche aus dem Schicksalshaften werden ebenfalls ziemlich glaubhaft als subjektiver Ich-Ausdruck am Klavier präsentiert. Dem in sich homogenen, aber in Technik wie Ausdruck wandelbaren Streicherklang sind die Klavierfarben des russischstämmigen, doch in Tel Aviv aufgewachsenen Giltburg keineswegs unterlegen, die künstlerisch ganz authentisch wirkenden Übersetzungen erlauben eigene neue Wahrnehmungen auch in den rhetorisch sehr geschlossen wirkenden beiden 'Largo'-Schlusssätzen, in denen Giltburg die sehr präsenten dynamischen Spannweiten des Flügels intensiv ausnutzt und in den leisen Passagen des Übergangs zum polyphonen Gesang sehr berührt. Ein nachdenklicher Ausklang des CD-Programms.

Als zweite kleine, sicher im Kontext des öffentlichen Konzertgebrauchs höchst wirksame Zugabe findet sich zwischen den beiden Konzerten zudem noch der Walzer aus dem Zweiten Streichquartett op. 68 (1944): Hier wird in Giltburgs Übertragung (2016) und Interpretation die Übersteigerung der von Beginn an etwas unheimlichen Walzer-Idylle im ins Hektisch-Hysterische gesteigerten Mittelteil-Alptraum ebenfalls ganz eindringlich getroffen. Wegen der Unikate der Bearbeitungen – Giltsburg kommentiert sie in seinem nur englischsprachigen Booklettext eher knapp, die beiden Konzerte hingegen entstehungsgeschichtlich und analytisch hinreichend breit – und des überragenden zweiten Konzerts mehr als eine Empfehlung: Pflichtprogramm für 2017!



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schostakowitsch, Dimitri: Klavierkonzerte Nr. 1&2 / Streichquartett Nr.8

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
EAN:

747313366675


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Schostakowitsch, Dimitri


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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