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Sonntag, 21. Juli 2019

Calligraphy-Asia Piano Avantgarde-Japan Vol.2 - Asia Piano Avantgarde - Japan Vol.2

Kirschblütenlese


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bereits in dritter Folge widmet sich der Pianist Steffen Schleiermacher einem fernöstlichen Programm.

In zahlreichen Veröffentlichungen bei Musikproduktion Dabringhaus & Grimm (MDG) zeigt sich der Pianist Steffen Schleiermacher als kongenialer Interpret und Sachkundiger mit anthologischer Bedachtsamkeit. Dabei widmet sich der musikalische Weltreisende mit Vorliebe den Hauptwegen wie auch den Verästelungen der jüngsten Musikgeschichte und porträtiert bisher wenig beachtete Musiklandschaften. Nun legt er die dritte Einspielung seiner kleinen Reihe ‚Asia Piano Avantgarde‘ vor.

Mit perkussiven Schlägen und feinen Melodiefragmenten bildet das jüngste Klavierstück von dem gleich dreifach vertretenen Komponisten Toshio Hosokawa den Auftakt des gut 50 Jahre umfassenden Programms: eine Reminiszenz an eine Tanzform aus dem alten japanischen Nô-Theater, die in der Begleitung von zwei Trommeln und einer Flöte auf die Bühne gebracht wurde. 'Mai – Old Japanese Dance Music' (2012) trägt im Titel, was der Sammlung trotz ihrer großen Breite gemein ist: eine Art der Rückbesinnung auf japanische Kulturformen und Ideale, die über Aneignung und Re-Interpretation hinaus auch den Kontakt zur europäischen Avantgarde sucht. Traditionelle ästhetische Begriffe von Klang und Stille und symbolhafte Deutungen der Natur verschränken sich mit seriellen Techniken, rhythmischen Finessen und experimentellen Klangstudien – und erschließen dabei eine ganz eigene Welt zwischen Ost und West.

Musik ist der Ort, an dem sich Töne und Schweigen begegnen (Toshio Hosokawa)

Sinniger könnte der Keijiro Satohs 'Calligraphy for Piano' entlehnte CD-Titel nicht sein. Die japanische Königsdisziplin, Ausdrucksträger tiefer Sinngehalte, ‚Resonanz der Seele des Menschen auf die Natur‘ (Schreibkünstler Gu Gan), ist der Inbegriff zentraler Ästhetikkategorien. Nicht anders als die schwarz getuschten Piktogramme lebt die musikalische Sprache aus ihrer Symbolkraft; so formen sich filigrane, vielfach ausdifferenzierte Pinselstriche zu komplexeren Gebilden, stets im Bewusstsein für das umgebende Weiß des Blattes. In besonderer Weise und nicht ganz so felsartig wie Hosokawa entfaltet Toru Takemitsu das Kontrastprinzip in seiner Komposition 'For away' (1973): Der Nachklang ist hier essenzielles Ausdrucksmittel, Pedalwirkungen und Akkordhaltungen erzwingen ein stilles Innehalten an einem Ort des ‚Dazwischen‘.

Steffen Schleiermacher lässt den Tönen dabei die nötige Luft zum Atmen, um sie dann in ihren farblichen und dynamischen Schattierungen wieder aufleben zu lassen. Das akustische Resultat, das wie in Joji Yuasas Beitrag zur Fluxus-Bewegung und Seiichi Inagakis Landschaftsmalerei 'Enkeh' (1992) auch Geräuschhaftes und Gezupftes im Klavierinnern miteinschließt, hat an so mancher Stelle etwas überraschend Belebtes und Kantables an sich. Stets geht es um das Gewicht des einzelnen, ungetrübten Klangs und seiner Details, was sich nicht zuletzt auch im Selbstverständnis des audiophilen Labels MDG widerspiegelt. Dieses ‚Dazwischen‘, vielleicht der eigentümliche Protagonist der Einspielungen, vermag dabei weit mehr als einen von Gegensätzlichkeiten begrenzten Raum aufzuzeigen: Momente des Übergangs und Ineinanders, von Nachklang und Erwartung, Komposition und mitschöpfender Interpretation, von Fernost und Europa.

Jasemin Khaleli Kurzkritik von Jasemin Khaleli,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Calligraphy-Asia Piano Avantgarde-Japan Vol.2: Asia Piano Avantgarde - Japan Vol.2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
28.10.2016
Medium:
EAN:

CD
760623198026


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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