> > > Glass, Philip : Einstein on the Beach
Dienstag, 23. Juli 2019

Glass, Philip - Einstein on the Beach

Außergewöhnliche Musiktheaterproduktion


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Oper 'Einstein on the Beach' von Philip Glass und Robert Wilson war über Jahrzehnte hinweg nur in klanglichem Gewand greifbar, ist nun aber endlich auch in einer vorbildlichen Edition auf Blu-Ray oder DVD erhältlich.

Rund 30 Opern finden sich mittlerweile im Werkverzeichnis von Philip Glass. Während der vergangenen Jahrzehnte hat der geschäftstüchtige Komponist, der zur ersten Generation von Vertretern der sogenannten ‚minimal music‘ gehört und in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert, eine ganze Reihe wenig überzeugender Werke auf die Bühne gebracht, die sich durch generelle Austauschbarkeit musikalischer Texturen und Libretti auszeichnen. Zu Beginn seiner Karriere war dies allerdings anders: Nicht ohne Grund umweht sein erstes Bühnenwerk, die in Kollaboration mit dem Regisseur Robert Wilson entstandene ‚opera in four acts‘ mit dem Titel 'Einstein on the Beach' (1975–76) bis heute ein Nimbus des Experimentellen, den man jedoch bislang nur aus zweiter Hand anhand von Berichten, Interviews, Fotografien und wissenschaftlichen Publikationen beurteilen konnte. Tatsächlich dokumentiert war allein die musikalische Seite – bei einem Werk, das im Verantwortungsbereich zweier Künstler liegt und sowohl visuelle Ebene wie auch Choreographie gleichrangig zur Musik behandelt, ein völlig unzureichender Ausgangspunkt – , greifbar in einer LP-Produktion mit dem Uraufführungsensemble (CBS, 1979), die dann später eine Wiederveröffentlichung auf CD erfuhr und auch heute noch als interpretationsgeschichtliches Dokument ersten Ranges in Handel erhältlich ist.

Allerdings lässt sich anhand dieser Aufnahme die Wirkung der Musik nur annähernd beurteilen, weil die Notwendigkeit zur Anpassung an das begrenzte LP-Format seinerzeit erhebliche Kürzungen der Glass’schen Arbeit mit Wiederholungsschleifen erforderte, wodurch die Spielzeit des Werkes auf 165 Minuten eingedampft wurde – ein Manko, dem eine CD-Neuproduktion (Sony, 1994) durch eine auf 190 Minuten verlängerte, aber immer noch nicht das Total enthaltende Version zumindest ein wenig entgegensteuern konnte. Als man nun im Jahr 2012 die ursprüngliche Produktion von 'Einstein on the Beach' unter neuen Vorzeichen wiederbelebte und, nach ihrer Erstaufführung in Montpellier am 16. März 2012, als inzwischen historisch gewordenes Theaterspektakel um die Welt schickte, setzte man logischerweise alles daran, dieses Ereignis in Bild und Ton zu dokumentieren. Das Ergebnis dieser von Regisseur Don Kent umgesetzten Produktion – alternativ im Blu-Ray- oder DVD-Format bei Opus Arte erschienen – lässt nun endlich Einblicke in die auch heute noch provozierende Konzeption dieser Musiktheaterarbeit zu.

Eigenwillige Musiktheaterkonzeption

Obgleich Glass und Wilson 'Einstein on the Beach', uraufgeführt im Rahmen des Avignon Festivals am 25. Juli 1976, von Anfang an als Oper bezeichneten, sprengt das Werk die traditionellen musikalischen und szenischen Kategorien der Gattung, zumal Komponist und Regisseur alle Kennzeichen eines wirklichen Plots vermieden. Denn der in Musik und Bühnengestaltung eingeflossene Bezug auf Albert Einstein als einer Art kulturgeschichtlicher Ikone des 20. Jahrhunderts – die mantraartigen Repetitionen von Zahlenfolgen und Solmisationssilben durch einen Chor als einzige gesungene Aktionen dienen als Referenz an Einsteins mathematischen und physikalischen Theorien, während das Bühnendesign voller Anspielungen auf biografische Momente steckt, ohne diese indes logisch miteinander zu verknüpfen – zielt auf einer Reflexion der historischen Figur und ihrer bis in die Populärkultur hineinreichenden Wirkung unter Verzicht auf eine durchgehend erzählte Geschichte.

Die Entscheidung für dieses weitgehend auf Assoziationen gründende Verfahren wirkt sich tiefgreifend auf alle Ebenen von 'Einstein on the Beach' aus: Die Strukturierung des beinahe viereinhalbstündigen Werkverlaufs durch sich wiederholende Sequenzen unterschiedlicher theatraler Räume, jeweils gekennzeichnet durch Objekte und Bewegungen sowie musikalisch voneinander abgesetzt durch interpolierende Abschnitte (‚Knee Plays‘), geht einerseits mit einer Aufwertung des Bewegungsaspekts einher – Lucinda Childs schuf hierfür in Analogie zur Musik eine aus ständigen Wiederholungen und deren allmählicher Veränderung bestehende Choreographie –, zeichnet sich aber andererseits auch in einer unabhängig zum Geschehen hinzutretenden Schicht aus gesprochenen poetischen Texten (von Christopher Knowles, Samuel M. Johnson und Lucinda Childs) ab. Dass auch die Reduzierung der Instrumentalbesetzung auf fünf (elektronisch verstärkte und daher auch durch Momente wie Hall beeinflussbare) Akteure mit Keyboards, Saxophonen, Flöte und Violine die Zuordnung zur Gattung Oper erschwert und die Musik in klanglicher Hinsicht eher Kennzeichen populärer Musik aus der Frühzeit der elektronischer Tanzmusik aufweist (man denke hier etwa an die zeitgleichen Produktionen von Kraftwerk sowie an die Arbeit mit Loops aus den Anfängen der Hiphop- und DJ-Kultur), ist ein weiterer Aspekt, der 'Einstein on the Beach' aus dem Gros zeitgenössischer Arbeiten für die Bühne hervorhebt und das Stück auch im Hinblick auf kulturgeschichtliche Zusammenhänge interessant macht.

Details zur Produktion

All diese Elemente kommen nun in der vorliegenden Produktion, aufgezeichnet am 6. und 7. Januar 2014 im Pariser Théâtre du Châtelet, zu ihrem Recht. In musikalischer Hinsicht liefern die Interpreten der ersten Stunde – das Philip Glass Ensemble, das hier wie auch schon in der historischen LP-Aufnahme unter Leitung von Michael Riesman musiziert – eine scharf konturierte Wiedergabe, die vom zwölfstimmigen Chor mit präzise gesetztem Silbenvortrag unterstützt und zudem von dem Geiger Antoine Silverman als stumme, violinspielende Bühnenfigur Einstein (mit teils irrwitzig verwinkelten, auswendig vorzutragenden Parts) geadelt wird. Sowohl die von Wilson realisierten szenischen Feinheiten und Bewegungen von Bühnenbestandteilen (wie etwa die extrem langsam von rechts nach links gleitende Lokomotive in der ersten Szene des ersten Akts) als auch die komplexe Kinetik der Tänzerinnen und Tänzer – allesamt der Lucinda Childs Dance Company angehörend – geraten aufgrund von Don Kents intelligenter Videoregie in den Vordergrund, ohne dass jedoch die Gesamtwirkung der Szene vernachlässigt wird, da die Ansichten, mit viel Überlegung an die Musik angepasst und dabei gleichfalls Wiederholungsstrukturen in ihren Verlauf integrierend, immer zwischen Totale und unterschiedlichen Nachansichten wechseln.

In klanglicher Hinsicht zeichnen sich sowohl Blu-Ray- (in DTS-HD 5.1 und Stereo) als auch DVD-Version (in DTS 5.1 und Stereo) durch ein extrem tiefenscharfes und räumliches Klangbild aus, was insbesondere all jenen Stelle zugutekommt, an denen die poetischen Textcollagen zur Musik hinzutreten und dadurch eine die Wahrnehmung verwirrende Mehrschichtigkeit beziehungslos nebeneinander herlaufender Elemente ausgeprägt wird. Gleichfalls außerordentlich ist die Bildqualität, deren reiche Farb- und Lichtpalette naturgemäß in der HD-Version auf Blu-Ray stärker zur Geltung kommt. Schließlich hat man sich auch bei der äußerlichen Präsentation der Medien jede erdenkliche Mühe gegeben: Die beiden Blu-Rays/DVDs sind – ohne jegliche Gefahr der Kratzanfälligkeit – in die Vorder- und Rückseite eines luxuriösen, gebundenen Buches mit stabilen Umschlagdeckeln eingelassen, das auf 56 Seiten zahlreiche Farbfotografien und Skizzen, aber auch erhellende Textbeiträge zu 'Einstein on the Beach' erhält. Eine solch hochwertige, in allen Belangen vorbildliche Edition würde ich mir auch in anderen Fällen wünschen, denn hier stimmt einfach jedes Detail.



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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Regie
    Ich war auch froh über diese Aufnahme, die in weitesten Teilen auch gelungen ist. Ich habe die 2012er Produktion in Amsterdam und in Berlin live erleben dürfen. Ein Manko der Aufnahme ist meiner Meinung nach aber die Schnittfolge der beiden Tänze von Lucinda Child. Die hypnotische Wirkung der beiden Tänze ist durch die rasche Folge der Schnitte leider völlig verloren gegangen. Die restlichen Szenen sind da (wahrscheinlich durch die Langsamkeit der Szene) aber völlig gelungen. Bei den Tänzen wäre da eine fast durchgängige Totale wohl besser gewesen.

    Nutzer_RHAHJSC, 12.03.2017, 11:49 Uhr
    Registriert seit: 12.03.2017

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Glass, Philip : Einstein on the Beach

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
28.10.2016

EAN:


809478071730


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Glass, Philip


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Opus Arte

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