> > > Wagner, Richard: Die Walküre
Dienstag, 18. Juni 2019

Wagner, Richard - Die Walküre

'Ring'-Gala aus Fernost, Teil 2


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einer womöglich nominell derzeit kaum überbietbaren Besetzung wächst der Hong-Kong-'Ring' unter dem örtlichen Orchesterchef Jaap van Zweden in konzertanten Aufführungen heran - als neue Referenz?

Seit rund einem Vierteljahrhundert dominieren mehr oder minder direkte Übernahmen von Bühnenproduktionen in Video- und Audio-Mitschnitten den Wagner-Markt, teilweise zusammengeschnitten aus mehreren Aufführungen und/oder mit kleinen Studio-Retuschen. Die von Solti und Karajan bis Bernhard Haitink und Christoph von Dohnányi Mitte der 1990er Jahre nur knapp ein Drittel Jahrhundert währende Epoche der im Studio sorgfältig von Dirigent, Produzent und Tonmeister als ‚Werk‘ konzipierten Audio-Gesamteinspielungen des 'Rings' scheint vorbei (Dohnànyi kam gar über 'Die Walküre' nicht hinaus). Der Live-Zauber hat sicherlich einige Vorzüge hinsichtlich Dramatik, Lebendigkeit, einer ‚Aura‘ des Unwiederholbaren auch in der paradoxen Wiederholbarkeit des Aufgezeichneten; in einer konzertanten Aufführung fällt allerdings das unmittelbare Bühnenspiel als auratischer, lebendiger Faktor weg (wie andererseits auch Nebengeräusche). Um eine ähnliche illusorisch-illustrative Wirkung zu erzielen, benötigte man wohl als rein auditiven Spielleiter fast schon einen Furtwängler (RAI-Rundfunk-'Ring' 1953), um historisch überragende Ergebnisse zu erzielen.

Das von Naxos betriebene Projekt mit Jaap van Zweden und dem Hong Kong Philharmonic Orchestra zielt offenbar in eine ähnliche Richtung: Das wahrscheinlich ‚beste Orchester auf dem asiatischen Kontinent‘ und sein inzwischen zu Recht international hochgeschätzter, demnächst in New York verpflichteter Leiter bereiten mit hörbar guten Proben-Resultaten in zwei Aufführungen im Januar 2016 den Rahmen für eine Versammlung aktueller Autoritäten des Wagner-Rollenspiels, wie sie einst auch Furtwängler – und ein Jahrzehnt später Solti im Gegensatz zu Karajan, später Haitink im Gegensatz zu Barenboim – zur Verfügung standen. Das macht die nicht nur für den südostasiatischen Markt produzierten Audio-Produkte des Naxos-Labels – neben der klassischen Stereo-CD auch eine Version auf Pure Audio Blue Ray – international interessant.

Konzertante Konzentration kulinarischen Kunstgesangs

Zudem haben der erste Aufzug der 'Walküre' (und bedingt auch der dritte) geradezu eine Tradition konzertanter Wiedergaben wie auch konzentrierter Studio-Produktionen: Die legendäre erste Einspielung dieses geschlossenen Kammerspiels mit Lauritz Melchior und Lotte Lehmann unter dem die Wiener Philharmoniker 1935 leitenden Bruno Walter kann als ewige Referenz herhalten, fünfzig Jahre später von Zubin Mehta in New York mit Peter Hofmann, Eva Marton und Martti Talvela (CBS 1985) schon recht deutlich nicht erreicht. Und wenn man jetzt diesen ersten Aufzug aus der Konzerthalle des Kulturcenters in Hong Kong hört, fällt es von Take zu Take noch schwerer, nicht umgehend wieder nach der Walter-Melchior-Scheibe zu greifen.

Zwar präsentiert sich das im Streicherklang anfangs sofort für sich einnehmende Orchester – nach Berichten und Bildern vor allem in den markanten Blechbläsern massiv um europäische Gastspieler verstärkt – als ein unter beherrschter Leitung die Partitur sehr sauber umsetzender Klangkörper und Gesangsbühnenrahmen. Trotz aller Meriten enttäuscht aber das erste Figuren-Trio: Stuart Skelton als Siegmund sucht möglichst oft kraftvoll Stimme zu zeigen, sinnhafte Wort-Ausdeutungen durch technische Nuancierungen oder emotionale Überzeugungskraft finden sich hingegen kaum, das oft flache, stimmlich flackernde Ansingen in mittlerer Lautstärke und gelegentliche Abreißen am Phrasenende stört zunehmend und zeigt – wie auch einige Intonationstrübungen – eine gewisse Abnutzung des vielbeschäftigten australischen Spätstarters in den letzten Jahren. Aus dem altbekannten Pool hoffnungsvoller amerikanischer Wagner-Sängerinnen stammt Heidi Melton, die als recht stimmschwere, in nicht allzu guter Tagesform rau ihre R’s rollende Sieglinde der Flagstad- und Nilsson-Nachfolge, in die sie laut Booklet eingeordnet wird, eher selten gerecht wird – perspektivisch schon jetzt eher eine Fricka. So bleibt es Falk Struckmanns Wagner-Routine überlassen, die Vorstellung eines Bühnenspiels durch die sprachlich pointierteste Gesangsführung zu wahren, auch wenn die Stimme nicht mehr makellos funktioniert. Ohne diesen recht süffisanten Hunding im finalen langen Liebes-Dialog, dessen sich eigentlich von selbst inszenierender dramaturgischer Bogen in den meisten Konkurrenzaufnahmen deutlich mehr mitreißt, wirken dann Skelton und Melton, aber auch das immer noch gepflegt und jetzt fast zu gepflegt spielende Orchester in der Ausdrucksvermittlung, dem musikalischen Ausleben des dramatischen Geschehens zu neutral, da immer etwas distanziert auf den eigenen schönen Klang als Selbstwert reduziert. Nicht nur Karajan, dem man das ja sonst unterstellt, wirkte hier live wie in der DGG-Studioproduktion als auditiver Spielleiter um Längen einfühlsamer und intensiver.

Eher Schönklang-Ästhetik als expressives Musik-Drama

Jaap van Zweden legt offenbar größten Wert auf eine genaue, in eher gemächlichen Tempi gut durchhörbare Umsetzung des Notentextes, die zwar die Qualitäten des Orchesters zeigt, aber auch Grenzen einer emotionalen Identifikation, eines unmittelbaren Ausdruckswillens. Bestes Beispiel der Walkürenritt, welcher durchweg zu stark gezügelt wirkt, was den gut ausgesuchten, homogen besetzten Walküren preußisch-präzise Einsätze, punktgenaue Rufe erlaubt, ihnen aber jede kriegerisch-wilde Regung austreibt. Nirgendwo springt ein Funke auf die Musiker und Sänger über, es fehlt an sprichwörtlicher Begeisterung. Das mag der klinischen Aufführungssituation im Konzertsaal geschuldet sein, in der eher die ruhigen, liedhaft-deklamatorischen Passagen zur Geltung kommen. Und da ist die zweite Figuren-Trias durchaus recht am Ort – und der zweite Akt wohl am rechtesten: Matthias Goerne liegt als Wotan besonders das lyrische Kammerspiel in den Unterhaltungen mit Fricka – Michelle DeYoung glaubhaft selbstbewusst, rollengemäß etwas eindimensional und manchmal fast kreischend dominant – und Brünnhilde. Goerne versteht es, in seiner Stimme die Gefühle der Gedanken und jeden Stimmungswandel wahrnehmbar anklingen zu lassen. Und Petra Lang als Brünnhilde fungiert als den Göttervater hinreichend inspirierender Gegenpart, als überzeugtes und überzeugendes Gewissen, stimmlich sowohl den kämpferischen Rufen als auch dem nachdenklichen Deklamieren – 'So sah ich Siegvater nie' – unter allen Hauptrollen am besten gewachsen. Denn mit ihrem Entschlafen am Ende geht leider auch Goerne etwas die Kraft aus: Sein Abschied zeigt sich als eine eher sanft strömende Lamentatio eines profunden Lied-Sängers: fast in eine Ausdrucksstarre geratend und darin vielleicht noch resignativer als Fischer-Dieskau, der seine Betroffenheit viel eindringlicher deklamiert.

Es ist ein allzu milder Ausklang vor dem finalen Feuerzauber im Orchester, der jedoch ebenfalls kaum mehr zu zünden vermag als ein Kamin-Video auf einem Lexus-Display und am Ende gar in einer Art Zeitlupe zu erstarren scheint. Es springen – auch ob des peniblen, aber übervorsichtigen Dirigats – wie gesagt kaum Funken über, und das gilt für die gesamte Produktion (auch das sparsame dünne Booklet nur mit Tracklisting und Synopsis sowie eigentlich recht uninformativen, agenturgemäßen Kurzporträts der Künstler). Dann lieber wieder ins Opernhaus oder zurück zu van Zwedens Landsmann Haitink und seinem im Ganzen vielleicht immer noch vorbildlichsten 'Ring'.


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    Wagner, Richard: Die Walküre

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
4
EAN:

730099039475


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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