> > > Nyman, Michael: The Man who mistook his Wife for a Hat
Sonntag, 21. April 2019

Nyman, Michael - The Man who mistook his Wife for a Hat

Minimaloper mit großer Wirkung


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer diese effektvolle Kammeroper kennenlernen will, macht mit dieser CD wenig falsch, und preiswert ist sie ohnehin.

Dass die Oper aus der Literatur oftmals ihre Themen bezieht, ist nichts Neues. Dass allerdings ein medizinisches Sachbuch den Anstoß für Musiktheater bildet, geschieht nicht alle Tage. So vertonte der Komponisten Michael Nyman 1986 eine neuropsychologische Fallstudie aus dem Buch ‚The Man Who Mistook His Wife For A Hat‘ von Oliver Sacks und kreierte damit eine gleichnamige Kammeroper, die bis heute immer wieder auf den Spielplänen – vor allem kleinerer Häuser – zu finden ist. Der personelle Aufwand des knapp einstündigen Werks ist überschaubar: Neben den drei Gesangspartien erfordert Nymans Oper gerade mal ein Kammerorchester – das war’s.

Dafür ist der Effekt des Werkes umso größer, denn Nyman gelingt es, den Zuhörer in die Psyche des an Agnosie erkrankten Dr. P mitzunehmen. Die kunstvoll eingesetzten Schumann-Zitate, besonders prägnant das 'Ich grolle nicht' aus der 'Dichterliebe', leiten den Zuhörer durch Nymans Partitur, ebenso wie sie Dr. P durch seinen Alltag führen. Der Neurologe und Mrs. P sind die ständigen Beobachter des rätselhaften Krankheitsbildes, dessen Diagnose und der Umgang mit derselben ungewöhnliche Mittel erfordern.

Die enorme Sogkraft von Michael Nymans Musik stellt sich in der bei Naxos erschienenen Neueinspielung vom Mai 2014 vom ersten Augenblick an ein. Das Nashville Opera Orchestra unter der Leitung von Dean Williamson ist der große Pluspunkt dieser Neuerscheinung. Das Klangbild ist differenziert, alle kammermusikalischen Aktivitäten des kleinen Orchesterapparates sind transparent festgehalten. Oftmals stellt sich der Effekt ein, man säße inmitten der Musiker und gerate gemeinsam mit ihnen in einen meditativen Strudel, aus dem es kein Entrinnen gibt. Williamson nimmt Nymans Musik allerdings in allen Belangen sehr ernst, und so tritt der humoristische Aspekt der Oper spürbar in den Hintergrund. Das tut der Gesamtwirkung der Einspielung keinen wirklichen Abbruch, beraubt das Werk aber einer nicht unwichtigen Dimension.

Die drei Gesangssolisten sind mit vollem stimmlichen wie emotionalen Einsatz bei der Sache. Vor allem die beiden Herren lassen an vielen Stellen aufhorchen. Ryan MacPhersons kultiviert geführter Tenor verleiht dem Neurologen eine rational analytische Note und zum Teil eine gewisse Kühle, die aber nicht leidenschaftslos wirkt. Dieser Neurologe brennt für seine Forschung, bleibt in seiner Handlungsfähigkeit aber distanzierter Beobachter. In den Sprechpassagen klingt MacPhersons Stimme hell und tenoral, im Gesang dringen dunklere Farben an die Oberfläche. Das macht es teilweise schwierig, seinen Gesang von dem des jungen Bassisten Matthew Trevino als Dr. P zu unterscheiden. Trevino verfügt über eine solide Höhe und überraschend wenig Schwärze in der Tiefe. Das kommt seiner Figurenzeichnung des Dr. P entgegen, weil Trevinos Gesang in dieser Mischung über eine enorme Natürlichkeit verfügt, die Empathie beim Zuhörer auslöst.

Der Schwachpunkt der Aufnahme ist dagegen Rebecca Sjöwall als Mrs. P. Ihr scharfer Sopran ist mit der geforderten Flexibilität und dem fließenden Konversationston hörbar überfordert. Ihr dramatisches Potenzial muss Sjöwall beständig im Zaum halten, was ihre Stimme am Aufblühen hindert. Ein rauer und ältlicher Klang ist das unbefriedigende Ergebnis.

Diese Naxos-Neueinspielung von Nymans 'The Man Who Mistook His Wife For A Hat' hat aber einen kaum zu übertreffenden Vorteil: Sie ist derzeit die einzige Aufnahme der Oper, die im Handel problemlos erhältlich ist, denn die brillante Erstaufnahme von 1986 wartet noch immer auf eine Neuauflage. Wer also diese effektvolle Kammeroper kennenlernen will, macht mit dieser CD wenig falsch, und preiswert ist sie ohnehin.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Nyman, Michael: The Man who mistook his Wife for a Hat

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
09.09.2016
EAN:

730099039871


Cover vergössern

Nyman, Michael


Cover vergössern

Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Naxos:

  • Zur Kritik... Große Erzählung: Ralf Otto macht diese Produktion zu einem echten Erlebnis, zwischen theologischem Diskurs und Trauerspiel. Eine unbedingt hörenswerte, in ihrer textverständlichen Natürlichkeit eindrückliche Matthäus-Passion. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Höchste Prägnanz: Mit drei höchst spannenden Orchesterwerken von Henri Dutilleux demonstriert Jean-Claude Casadesus noch einmal die Kompetenzen seines 'alten' Orchesters aus Lille gerade für dieses Repertoire. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Blutarme Rarität: Nun kann man preiswert Johann Simon Mayrs 'I Cherusci' hören und die hauseigene Mayr-Bibliothek erweitern. Lust auf eine Wiederholung oder gar szenische Wiederbelebung dieser Opernrarität macht die Einspielung aber nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Naxos...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Blutarme Rarität: Nun kann man preiswert Johann Simon Mayrs 'I Cherusci' hören und die hauseigene Mayr-Bibliothek erweitern. Lust auf eine Wiederholung oder gar szenische Wiederbelebung dieser Opernrarität macht die Einspielung aber nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Sensationelle posthume Uraufführung: Jörg Halubek, Il Gusto Barocco und ein blendend aufgelegtes Ensemble lassen ihrer Begeisterung für Heinichens vergessene Oper 'Flavio Crispo' freien Lauf und stecken den Hörer mit ihrer Spielfreude und ihrem Können an. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Begrenzte Ausdrucksmittel: Olga Peretyatko ist bei Sony mit einem neuen Soloalbum zurück, dessen Programm sich spannender liest, als die Arien am Ende klingen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Verdienstvoll: Dieser dritte Teil der interessanten Reihe mit Passionskantaten von Christoph Graupner erfreut: Dessen kompositorische Stimme immer weiter zu stärken, so wie Florian Heyerick das mit seinem Ensemble Ex Tempore tut, ist höchst verdienstvoll. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Wenig Emotion, Glanz und editorische Sorgfalt: Die um 1700 erstmals publizierte, in ihrem Umfang übersichtliche Cembalo-Musik dieser beiden Organisten, die am Hofe des Sonnenkönigs Louis XIV tätig waren, ist bereits in exzellenten Aufnahmen präsent, mit denen Yago Mahugo kaum konkurrieren kann. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Große Erzählung: Ralf Otto macht diese Produktion zu einem echten Erlebnis, zwischen theologischem Diskurs und Trauerspiel. Eine unbedingt hörenswerte, in ihrer textverständlichen Natürlichkeit eindrückliche Matthäus-Passion. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2019) herunterladen (1559 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Karl Weigl: Cello Concerto - Allegro moderato

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich