> > > Beethoven, Ludiwg van: Sinfonien Nr.1 und 7
Sonntag, 16. Juni 2019

Beethoven, Ludiwg van - Sinfonien Nr.1 und 7

Der Jahrhundertdirigent


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Mitschnitt von Beethoven Symphonien Nr. 1 und 7 mit Nikolaus Harnoncourt und den Wiener Philharmonikern ist ein wichtiges Dokument der Beethoven-Interpretation.

Das Bild auf dem Cover vorliegender neuer CD des Labels Orfeo in Kooperation mit den Salzburger Festspielen (Serie ‚Orfeo d‘Or‘) mit Beethovens Symphonien Nr. 1 und 7 ist betont in schwarz-weißem Trauerflor gehalten, leicht unscharf, so wie es bei Nachrufen oftmals der Fall ist. Auf den Tag genau am 5. März vor einem Jahr ging die Nachricht vom Tod des 1929 in Berlin geborenen Jahrhundertdirigenten Nikolaus Harnoncourt um die Welt: Die Platte erinnert wehmütig an den verstorbenen Ausnahmemusiker.

Schon früh – nämlich 1953 - hatte der Cellist Nikolaus Harnoncourt sein Ensemble für Alte Musik, den Concentus musicus Wien, gegründet. Mit ihm begann er sozusagen den Musikbetrieb aus neuer historischer Sicht von hinten aufzurollen. Harnoncourts damals heiß diskutierte Anstöße erreichten auch den Kritiker dieser CD über seinen damaligen Musiklehrer.

Harnoncourts Mozart-Einspielungen liefen damals im Musikunterricht und wurden als sensationell gehandelt. Aber das war dann schon in den 1980er Jahren, als der Dirigent Harnoncourt mit dem Amsterdamer Concertgebouw alle Mozart-Symphonien – damals noch für das legendäre Label Teldec – einspielte. Legt man diese Platten jetzt wieder auf – zum Beispiel die 1984er Einspielung von Mozarts Symphonie Nr. 29 A-Dur KV 201 – kann der Rezipient sich überzeugen, dass Harnoncourts Interpretation völlig auf der Höhe der heutigen Zeit rangiert. In puncto Sensibilität, Verve, Klangbrillanz, Tempogefühl und last but not least Stilempfinden ist er noch immer ein Vorbild für alle ihm nachfolgenden Dirigenten. Die über 30 Jahre alte Mozart-Aufnahme erscheint aktueller denn je.

Nun gibt es mit dieser neuen Beethoven-Platte für alle Harnoncourt-Fans noch einmal einen Leckerbissen: einen LMitschnitt des fünften Orchesterkonzertes vom 29. August 2003 in der Felsenreitschule zu Salzburg aus dem Archiv der Salzburger Festspiele. Die Festspiele sind auch Herausgeber der ORF-Aufnahme. Das Booklet enthält einen wehmütig gesinnten, sehr lesenswerten Nachruf auf Harnoncourt aus der Feder der Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, sowie einen Überblick über die Aufführungen Beethovenscher Symphonien bei den Salzburger Festspielen. Da erfährt der Leser, dass im Jahr 1937 mit fünf Aufführungen von Symphonien Beethovens der bisherige Saison-Rekord erreicht wurde. Die meistgespielte seiner Symphonien dort ist übrigens die ‚Eroica‘, die in 95 Festspieljahren immerhin 36 mal erklang. Die Namen der Dirigenten lesen sich wie das Who is Who der Zunft: Von Karl Muck über Clemens Krauss, Bruno Walter, Hans Knappertsbusch, Arturo Toscanini, Wilhelm Furtwängler bis hin zu Herbert von Karajan huldigten sie alle Beethoven. Karajan mochte übrigens Harnoncourt zu seinen Lebzeiten nicht bei den Salzburger Festspielen sehen, wie Rabl-Stadler zu berichten weiß, weshalb sich dessen Debüt dort bis 1992 hinauszögerte. Da war Harnoncourt bereits 62 Jahre alt.

Ein Dirigent in seinen besten Jahren, möchte man meinen, wenn man die vorliegende Einspielung hört: Schon die Erste Symphonie von Beethoven C-Dur op. 21 mit den Wiener Philharmonikern gelingt Harnoncourt vorzüglich. Er musiziert das Erstlingswerk mit wienerischem Charme und einer Portion Grandezza. Die langsame Einleitung atmet eine Spur Pathetik, dann aber geht es los! Aber nicht unüberlegt, ungestüm, sondern mit Nachdenklichkeit und Klugheit. Schließlich ist Harnoncourt zum Zeitpunkt der Aufnahme schon 73. Im langsamen Satz 'Andante cantabile con moto' wählt Harnoncourt ein deutlich rascheres, frischeres Tempo als es beispielsweise noch Otto Klemperer anschlug.

Mit diesem Ansatz entstaubte er auch die Musikrezeption aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Trotz rascherem Tempo verliert die Musik nicht ihren Stolz und auch nicht ihre Grazie. Das ist ein großer Fortschritt der Interpretationsgeschichte des 20. Jahrhunderts, den wir dem großen Kenner der Alten Musik verdanken. In seinen berühmten Operneinspielungen – ob nun von Monteverdi oder Mozart – suchte Harnoncourt immer die Lücke des Fortschritts, ohne die Wahrheit zu verleugnen. Es war Modernität auf eine gemäßigte, seriöse Art, nicht verrückt, nicht abgehoben, sondern immer auf den festen Grundlagen des eigenen musikwissenschaftlichen Fragens basierend, was ihn von heutigen ‚Zauberern‘ unterscheidet, die fest die Selbstinszenierung im Blick haben. In seinen Büchern ‚Musik als Klangrede‘ und ‚Der musikalische Dialog‘ hatte Harnoncourt einst sein Credo unverblümt zur Sprache gebracht. Danach handelte, sprich dirigierte er auch: eben ohne museale Attitüde und mit Impulsen, die die heutigen Hörgewohnheiten auf neue Fundamente stellten.

Seine Deutung der A-Dur-Symphonie Ludwig van Beethovens ist ein treffendes Beispiel: Ganz getragen ist die langsame Einleitung 'Poco sostenuto'. Da spürt das Herz die abwartende Haltung, Vorfreude auf das, was da kommen mag, aufstrebende Linien verkünden Heiterkeit, die schließlich in den mysteriösen Unisonoklang münden, bevor das 'Vivace' losstürmt. Den punktierten Rhythmus nimmt Harnoncourt besonders markig. Und wenn es dann in den zweiten Satz geht, ist Pianissimo angesagt. Das heißt bei diesem Dirigenten auch wirklich: alles zurück. Der Anfang des 'Allegretto' ist tatsächlich fast unhörbar.

Leider ist das Klangbild durchweg nicht immer hundertprozentig klar. Das kann an den Aufnahmebedingungen des Konzertabends liegen; manchmal dringt dann doch ein Huster durch. Doch alle Holzbläsereinsätze sowie die Hörner klingen gut – alles kommt zur rechten Zeit am rechten Platz. Die Sinfonie wird mit Rassigkeit und unerhörtem Nerv musiziert.

Übrigens war Harnoncourt der erste Dirigent in Salzburg, der im Festspielsommer 1994 mit dem Chamber Orchestra of Europe alle Beethoven-Symphonien als Zyklus aufgeführt hat. Bahnbrechende Ideen hatte er schon immer gehabt. Diese CD ergänzt den Plattenschrank um ein wichtiges Dokument der Beethoven-Interpretation.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludiwg van: Sinfonien Nr.1 und 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
1
09.09.2016
EAN:

4011790924120


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Beethoven, Ludwig van


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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