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Donnerstag, 27. Juni 2019

A la memoire d'un grand artiste - Piano Trios - Werke von Tschaikowsky, Rachmaninoff und Goldenweiser

Kompositorische Verneigungen


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Doppel-CD des Labels Genuin erkundet eine Reihe aufeinander bezogener Widmungskompositionen russischer Komponisten und steckt dabei einen historischen Rahmen von sieben Jahrzehnten ab.

An guten Aufnahmen von Peter Tschaikowskys Klaviertrio a-Moll op. 50 (1882) – einem der ganz großen Werke klavierbegleiteter Kammermusikliteratur – herrscht wahrlich kein Mangel. Jede Neueinspielung steht daher vor dem Problem einer Rechtfertigung: Warum soll der Zuhörer sich ausgerechnet dieser und nicht etwa einer anderen, längst für gut befundenen Produktion zuwenden? Im Falle der vorliegenden Veröffentlichung aus dem Hause Genuin ist die Antwort so einleuchtend, dass man sich wundert, wieso bislang noch kein anderes Ensemble darauf verfallen ist: Unter dem Titel ‚À la mémoire d’un grand artiste‘ fassen Michael Schäfer (Klavier), Ilona Then-Bergh (Violine) und Wen-Sinn Yang (Violoncello) drei Werke zusammen, aus denen sich durch gegenseitige Bezugnahmen und Dedikationen eine Tradition künstlerischer Wertschätzungen ergibt. Mit diesem Konzept knüpfen Schäfer und Bergh, diesmal – wie im Fall ihrer Einspielung mit den Klaviertrios von Leonid Sabaneev (2012) – um einen dritten Interpreten ergänzt, an die vielen entdeckungsfreudigen CDs aus der Reihe ‚UN!ERHÖRT‘ an, mit denen sie in den vergangenen Jahren in regelmäßigen Abständen als Duo überzeugen konnten.

Widmungen und Wertschätzungen

Die Reihe von kompositorischen Verneigungen beginnt mit Tschaikowskys Komposition, deren Widmung ‚À la mémoire d’un grand artiste‘ auf den frühen Tod des 1881 verstorbenen Freundes und Kollegen Nikolaj Rubinstein zielte. 1893 versah Sergej Rachmaninow (1873–1943) sein 'Trio élégiaque' d-Moll op. 9 mit derselben Widmung, um damit dem jüngst verstorbenen Tschaikowsky ein musikalisches Denkmal zu setzen. Das letzte Glied der Kette bildet schließlich der als Pianist und Rachmaninow-Herausgeber bekannte Alexander Goldenweiser (1875–1961), der 1950 das Klaviertrio e-Moll op. 31 veröffentlichte und es dem Andenken seines Freundes Rachmaninow widmete. Mit diesen drei Werken wird nicht nur ein Bogen über eine sieben Jahrzehnte umfassende, tief in der Spätromantik wurzelnde Tradition russischer Klaviermusik gespannt, sondern es wird auch auf musikalische Zusammenhänge und kompositorische Bezugnahmen aufmerksam gemacht, die sich gerade aus dem Vergleich der Kompositionen erschließen.

Bereits aufgrund ihrer überlegten Konzeption ist die Doppel-CD empfehlenswert, und auch die künstlerische Realisierung braucht sich nicht zu verstecken. Der monumentalen, auf 50 Minuten ausgebreiteten Architektur von Tschaikowskys op. 50 – bestehend aus einem großräumig angelegten 'Pezzo elegiaco' und einem zweigeteilten 'Tema con Variazioni', dessen ausgedehnte letzte Variation an Stelle eines dritten Satzes das formale Gegengewicht zum ersten Satz bildet und am Ende zu dessen elegischem Eingangsthema zurückkehrt – begegnen die drei Musiker beispielsweise mit einer intelligenten Darstellung, die einerseits die kompositorischen Zusammenhänge zwischen den Werkteilen in den Blick nimmt, andererseits aber auch die vielen Feinheiten der musikalischen Faktur beleuchtet. Die detailreich formulierte Präsentation des elegischen Kopfsatzthemas – etwa die klangfarbliche Abstufung oder die im weiteren Verlauf auftretenden Verzahnungen der Streicherstimmen – nehmen hier ebenso ein wie das schrittweise Hineinsteigern in den emphatischen Tonfall der nachfolgenden Dur-Abschnitte, das erste Ausbrechen aus der Periodik des Variationsthemas im überschwänglichen Walzer von Variation VI oder der dramaturgisch geschickt inszenierte Wiedereintritt des Klagethemas am Ende der Finalvariation.

Neudeutung eines Modells

In kompositorischer Hinsicht knüpft Rachmaninows d-Moll-Trio gleich mehrfach an das große Vorbild an: Der Kopfsatz hebt mit einem das gesamte Werk beherrschenden Klagegestus voller Trauermarschelemente an und rekapituliert die bei Tschaikowsky vorgeprägte Abfolge von Ausdruckskontrasten, an zweiter Stelle folgt ein mit 'Quasi variazione' betitelter Werkteil, dessen Thema die leicht veränderte Tonfolge des Themas aus Tschaikowskys Variationen zugrunde liegt, und auch in diesem Fall führt der Prozess des Variierens auf einen erregten – als dritter Satz ausgewiesenen – Werkteil hin, an dessen Ende die Rückkehr zum initialen Thema steht. Bewundernswert ist der dramaturgische Bogen, den die Interpreten über die ganze Komposition legen und dem typisch musikalischen Schweifen dadurch Zielgerichtetheit verleihen. Trotz des mitunter schwergewichtigen Klaviersatzes bleibt die Balance zwischen den Instrumenten dabei – auch Dank der Aufnahmetechnik – sehr ausgeglichen, wirkt an einigen, als Kontraste zu den eher dramatischen Zuspitzungen gesetzten Abschnitten des Werkes gar filigran.

Als absoluter Mehrwert für Rachmaninow-Enthusiasten erweist sich die Entscheidung der Interpreten für die vielleicht erste Einspielung der 1894 unter Mitwirkung des Komponisten aufgeführten Urfassung des Werkes. Diese ist nicht nur – was insbesondere beim Kopfsatz ins Gewicht fällt – wesentlich ausgedehnter ist als die 1907 durch Goldenweiser uraufgeführte und stellenweise stark modifizierte Zweitfassung, sondern sie wartet zudem mit einer ganz besonderen Eigenart auf: Denn Rachmaninow hat zu Beginn langsamen Satzes bei der erstmaligen, choralartig angelegten Präsentation des Variationsthemas sowie bei dessen Rekapitulation in der Coda (in der überarbeiteten Fassung durch vierstimmige Einwürfe der solistischen Streicher ersetzt) den Einsatz eines Harmoniums vorgeschrieben (hier von Kang-Un Kim gespielt), dessen orgelähnlicher Klang den Verweis auf die Aura von Begräbnismusik verstärkt und dadurch die im Werktitel benannte elegische Atmosphäre akzentuiert.

Klare Empfehlung

Goldenweisers e-Moll-Trio schließlich, trotz der Entstehungszeit hemmungslos der spätromantischen Tonsprache seiner Vorgänger huldigend und dem von Tschaikowsky initiierten zweiteiligen Bauplan folgend, ist eine echte Entdeckung: Bereits die eröffnende 'Elegie', von ihrer Faktur her aufgrund ständig wechselnder Dialoge zwischen den Beteiligten wesentlich feiner gearbeitet als Rachmaninows Kopfsatz, kosten die drei Musiker in klanglicher Hinsicht voll aus (man achte insbesondere auf die sphärischen, choralähnlichen Einwürfe in hohen Streicherregistern, die der Komponist in den Mittelteil einschiebt). Im Variationssatz betten Schäfer, Then-Bergh und Yang ihre ausgesprochen farbenreiche Wiedergabe des schlichten Themas und seiner Veränderungen in einen großen Spannungsbogen, als dessen Ziel sich die Coda mit dem Wiedereintritt zweier Themen aus der 'Elegie' erweist. Dort, wo Goldenweiser dann durch zusätzliche Hinzufügung eines Themas von Rachmaninow die gedankliche Präsenz des verstorbenen Freundes unmittelbar heraufbeschwört, erreicht die Musik ihren Höhepunkt, bevor sie sie mit einer erstaunlich zarten und versöhnlichen Geste ausklingt.

Schon das von den Interpreten im Rahmen dieser Produktion aufgespannte historische Panorama ist eine Empfehlung wert, denn die Abfolge der drei Kompositionen erweist sich, unterstützt durch einen ausführlichen Booklettext von Dominik Rahmer, als sehr lehrreiche Angelegenheit. Die Konzeption der Veröffentlichung verdeutlicht nicht nur, dass Tschaikowskis außergewöhnliches Klaviertrio eine intensive künstlerische Rezeption erfahren hat, sondern zeigt auch, mit welchen personalstilistischen Elementen die Idee der klingenden ‚mémoire‘ jeweils angereichert wurde. Darüber hinaus aber lohnt die Doppel-CD auch aufgrund ihrer überzeugenden, musikalisch stringenten Darstellung der drei Kompositionen. Hier gibt es, selbst in einem bekannten Werk wie Tschaikowskys a-Moll-Trio, sehr viel zu entdecken, und nicht zuletzt erweist sich die Einspielung von Goldenweisers Komposition als erfreuliche Bereicherung des Kammermusikrepertoires.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    A la memoire d'un grand artiste - Piano Trios: Werke von Tschaikowsky, Rachmaninoff und Goldenweiser

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
2
02.09.2016
Medium:
EAN:

CD
4260036254372


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Rachmaninoff, Sergej
Tschaikowsky, Peter


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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