> > > Zador, Eugene: Biblical Triptych
Sonntag, 21. April 2019

Zador, Eugene - Biblical Triptych

Fürs Lichtspielhaus


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eugene Zádors Orchesterwerke erinnern mitunter stark an filmmusikalische Prägungen. Daher funktionieren sie als absolute Musik nur bedingt. Einige sehr ausdrucksstarke Momente gibt es jedoch.

Der Ungar Jenő Zádor (1894–1977), der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in die USA emigrierte, profilierte sich nicht zuletzt als Filmkomponist in Hollywood (hier orchestrierte er mehr als 120 Filmpartituren). Seine Ausbildung hatte in Wien bei Richard Heuberger, in Leipzig bei Max Reger und in Münster bei Fritz Volbach stattgefunden, und seine Beherrschung des Orchesterapparats wird gerne zu Reger und Strauss in Bezug gesetzt. Die hier vorliegenden vier Kompositionen entstanden von 1930 bis 1961 und haben zumeist, auch wenn sie in den Vereinigten Staaten entstanden, eine enge Beziehung zu Europa.

Die früheste Komposition auf der CD ist die Rhapsodie für großes Orchester aus dem Jahr 1930, als Zádor am städtischen Konservatorium in Wien unterrichtete. Zádors Klangsprache ist von einem harmonisch stark modal geprägten Reichtum. Seine Instrumentationskunst ist bewundernswert, doch es muss überraschen, wie stark seine Musik auch für den Konzertsaal bereits kinematografisch empfunden ist. Viele der von ihm verwendeten Harmonien und Instrumentenverbindungen findet man in Hunderten von Hollywoodpartituren, und dass Zádor – wie Korngold – aus Wien in die USA ging, mag der Musik der Traumfabrik eine zusätzliche bislang nicht genügend beachtete Komponente verleihen. Die Rhapsodie hat gleichwohl auch ganz ‚unfilmische‘ Aspekte, die aber dennoch nicht wirklich mit Musik für den ‚seriösen‘ Konzertsaal vereinbar scheinen. Interessanterweise erfahren auch ganz besonders ‚filmtraditionelle‘ Kadenzen (Schlussformeln) besondere Behandlung und werden so verfremdet und in neuen Kontext gestellt (wobei interessanterweise Saxophonmelodien und Anklänge an Puccinis 'Turandot' mehr oder minder gleichberechtigt nebeneinanderstehen). Dass die Musik dennoch den Zuhörer nicht voll packt, mag auch an der fehlenden visuellen Komponente liegen.

1961 entstand die Weihnachtsouvertüre ('Christmas Overture'), eine charmante Unterhaltungskomposition, die ohne den Rückgriff auf traditionelles Liedgut die Weihnachtsstimmung zu evozieren sucht. Auch hier gibt es Echos an Korngold (wenn auch nur ganz kurze), doch insgesamt haben wir hier vor allem eine Art sinfonische Szene zu einem nicht gedrehten Film – der deskriptiv-pittoreske Aspekt (mit Weihnachtsglocken) ist stark ausgeprägt und lässt dennoch Zádors ganz eigenen stark tonal erweiterten bis bitonalen Kompositionsstil zu seinem Recht kommen. Weitgehend gelingt es Zádor so Süßlichkeit zu vermeiden, eher in Richtung Hindemith, Janácek und Miklós Rózsa denn in Richtung Vaughan Williams zu rudern, doch bleibt die musikalische Individualität nicht stark genug, um den Hörer vollends mitzureißen.

Die 'Fugue Fantasia' von 1958, die ihre Uraufführung 1959 in Australien erlebte, mag das musikalische Handwerk spiegeln, das Zádor bei Reger erlernt hatte – auch wenn die Fugendurchführungen eher frei gehandhabt werden. Zunächst scheint es möglich, dass wir es mit einer kaum weniger beeindruckenden Komposition wie Gustav Holsts 'Fugal Overture' zu tun haben, doch schon bald entwickelt sich das Stück in Richtung eines postbarocken Episoden-Effektstücks, mit nicht voll ausgeprägter logischer Binnenstruktur. Wenig scheint dies in der vorliegenden durchaus inspirierten und adäquaten Interpretation durch das Budapest Symphony Orchestra MÁV unter Mariusz Smolij begründet zu sein als vielmehr in Zádors kleingliedrigem Denken, dem nur schwer ein großer Bogen abzugewinnen ist. Das thematische Material jagt sich sozusagen gegenseitig, so dass man das Stück statt Fugenfantasie auch Fugatorhapsodie hätte nennen können. Insgesamt erreicht die Komposition weder das Herz noch den Kopf, trotz vieler interessanter Momente.

Die umfangreichste Partitur, das 'Biblical Triptych', entstand 1943 und ist Thomas Mann gewidmet; die drei Sätze tragen als Titel die Namen 'Joseph', 'David' und 'Paul[us] '. Dem (sehr informativen) Booklet (leider nur auf Englisch und ohne Foto des Komponisten) ist zu entnehmen, dass Mann die Komposition sehr schätzte, weil sie so viele Farben in sich zu vereinen bemühte. Im Grunde folgt Zádor dem seit Liszt und Respighi bewährten Konzept, mittels Klangfarben und rhythmischen Eigenheiten starke musikalische Stimmungen heraufzubeschwören. Hier gelingt ihm auch eine gewisse Abkehr von möglichen Hollywood-Evokationen. Stattdessen gibt es im ersten Satz Momente, in denen Brittens zeitgleich entstandener 'Peter Grimes' gar nicht weit weg zu sein scheint. Hier überzeugen auch Zádors harmonische Eigenheiten vielleicht mit am stärksten – etwa zu Beginn des zweiten Satzes. Enttäuschend dann aber leider der weitere Verlauf dieses zweiten Satzes, der Respighis 'Pini di Roma' (1924) allzu deutlich imitiert. Auch der filmmusikalische Aspekt nimmt wieder zu und hinterlässt den Hörer mit dem Gefühl, um die dazugehörigen Filme betrogen zu sein.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Zador, Eugene: Biblical Triptych

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
12.08.2016
EAN:

747313352975


Cover vergössern

Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Naxos:

  • Zur Kritik... Große Erzählung: Ralf Otto macht diese Produktion zu einem echten Erlebnis, zwischen theologischem Diskurs und Trauerspiel. Eine unbedingt hörenswerte, in ihrer textverständlichen Natürlichkeit eindrückliche Matthäus-Passion. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Höchste Prägnanz: Mit drei höchst spannenden Orchesterwerken von Henri Dutilleux demonstriert Jean-Claude Casadesus noch einmal die Kompetenzen seines 'alten' Orchesters aus Lille gerade für dieses Repertoire. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Blutarme Rarität: Nun kann man preiswert Johann Simon Mayrs 'I Cherusci' hören und die hauseigene Mayr-Bibliothek erweitern. Lust auf eine Wiederholung oder gar szenische Wiederbelebung dieser Opernrarität macht die Einspielung aber nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Naxos...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... Pianistik vom Allerfeinsten: Das Klavierduo Martin Jones und Adrian Farmer widmet sich überraschend herzerwärmenden Kompositionen von Camille Saint-Saens. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Klingende Resterampe: Eine weitere 'Ramschverwertung' aus dem Hause Brilliant mit Chorwerken der Renaissance. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Neues aus Preußen: Leider nutzt das Ensemble Tempesta di Mare nicht das ganze Spektrum der gebotenen Möglichkeiten bei seiner Auseinandersetzung mit der Musik Johann Gottlieb Janitschs. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Verdienstvoll: Dieser dritte Teil der interessanten Reihe mit Passionskantaten von Christoph Graupner erfreut: Dessen kompositorische Stimme immer weiter zu stärken, so wie Florian Heyerick das mit seinem Ensemble Ex Tempore tut, ist höchst verdienstvoll. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Wenig Emotion, Glanz und editorische Sorgfalt: Die um 1700 erstmals publizierte, in ihrem Umfang übersichtliche Cembalo-Musik dieser beiden Organisten, die am Hofe des Sonnenkönigs Louis XIV tätig waren, ist bereits in exzellenten Aufnahmen präsent, mit denen Yago Mahugo kaum konkurrieren kann. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Große Erzählung: Ralf Otto macht diese Produktion zu einem echten Erlebnis, zwischen theologischem Diskurs und Trauerspiel. Eine unbedingt hörenswerte, in ihrer textverständlichen Natürlichkeit eindrückliche Matthäus-Passion. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2019) herunterladen (1559 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich