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Donnerstag, 4. Juni 2020

Händel, Georg Friedrich - Saul

Händels 'Saul' mit Shakespeares Tiefe


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Intensive Personenführung und ein großartiges Sängerensemble machen diese Aufnahme zu einer Referenz für Georg Friedrich Händels 'Saul'.

Dritter Akt, erste Szene. Es ist der dramatische Höhepunkt des Oratoriums 'Saul' von Georg Friedrich Händel. Saul hat sich von seinem Gott abgewandt und sucht Zuflucht bei der Hexe von Endor. Sie soll den Propheten Samuel aus der Unterwelt erscheinen lassen. Aber auch dieser verheißt ihm keinen Trost, sondern Untergang: Er wird, so prophezeit Samuel dem König, den morgigen Tag nicht überleben.

In Glyndebourne hat man sich entschlossen, das Oratorium 2015 als Oper aufzuführen. Der Regisseur der Inszenierung, Barrie Kosky, findet für diese nächtliche Begegnungen eindrückliche Bilder: Die Bühne ist schwarz, der leicht ansteigende Boden mit Kunsterde tief bedeckt. Saul, nur mit einem Lendenschurz notdürftig bekleidet, läuft taumelnd und besinnungslos in immer größeren Kreisen - wie ein angeschossenes, verwundetes Tier. Bis er völlig erschöpft zu Boden sinkt. Breitbeinig sitzt er da, starrt vor sich hin, als plötzlich unter ihm aus dem Bühnenboden, wie aus seinen eigenen Hüften, ein uraltes Mann-Weib mit verhutzelten, riesigen Brüsten hervorkriecht. Das Weib ist die Hexe von Endor und Samuel zugleich. Während der grausamen Prophezeiung saugt Saul sabbernd die zähflüssige Milch aus ihren alten Brüsten - bevor er ganz dem Wahnsinn verfällt.

Kosky rückt in seiner Inszenierung die biblische Erzählung von Saul nahe an Shakespeares großes Drama ‚König Lear‘ heran. Er zeigt den systematischen Verfall von Saul, dem nicht nur die Macht, sondern vor allem die Liebe entzogen wird, da nicht mehr er, sondern dem junge David die Zuneigung der bei Kosky bunten, grellen, grundgelangweilten, nur an Abwechslung interessierten Hofgesellschaft zufällt. Es ist großartig, wie Christopher Purves nicht nur stimmlich mit seinem flexiblen, tiefen Bass, sondern auch darstellerisch die Rolle bewältigt. Von zunächst nur leichtem Misstrauen über offene Gewalt bis hin zum völligen Verfall der Persönlichkeit zeigt Purves die Degeneration eines Menschen. Iestyn Davies singt mit seiner auch in den Höhen warmen, samtenen, aber sehr kraftvollen Stimme einen anrührenden David, der bei Kosky ein Außenseiter der Gesellschaft ist und bleibt. Von ihm gehen keine Aktionen aus, er bleibt ganz passiv. Die Dinge geschehen um ihn herum. Auch wenn andere Countertenöre mehr Werbung und Wirbel um sich machen als Davies: Einen so feinen, sensiblen, klaren und hochmusikalischen Altus hört man nicht oft.

Sophie Bevans Sopran hat für die Rolle der Michal, bei Kosky ein verliebtes Girlie, vielleicht etwas zu viel Vibrato, Lucy Crown, deren Stimme sich nur wenig von Bevan unterscheidet, gibt Merab einen starken, kraftvollen Ausdruck. Paul Appleby als Jonathan hat einen etwas schweren Tenor, der aber für seine Rolle als Jonathan gut geeignet ist. Die Rollen des Hohepriesters, Abner, des Amalekiters und Doeg sind bei Kosky zusammengenommen in einer Joker-Figur, der gezielt Sauls Eifersucht schürt und das Unheil in Gang setzt. Benjamin Hulett singt ihn mit heller, schlanker Stimme.

Ivor Bolton, einer der erfahrensten Händel-Spezialisten, dirigiert das Orchestra of the Age of Enlightenment kraftvoll, mit Verve und treibt auch musikalisch die Handlung spannungsvoll voran. Das Booklet und die Features der DVD sind informativ, die Inszenierung ist exzellent gefilmt. Was will man mehr?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Saul

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
08.07.2016

EAN:


809478072058


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Händel, Georg Friedrich


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