> > > Herbert, Victor: Cellokonzerte Nr.1 & 2
Montag, 22. April 2019

Herbert, Victor - Cellokonzerte Nr.1 & 2

Irische Wanderschaften


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der Einspielung 'Irish Rhapsody' mit dem Solocellisten Mark Kosower macht sich das Ulster Orchestra zum 50-jährigen Jubiläum selbst ein feinfühlig inszeniertes Geschenk und erschließt die melodische Sensibilität hochromantischer Musik.

Aus der amerikanischen Emigration zurückgekehrt, begann der 15- Jährige Halbwaise Victor Herbert (1859-1924) seine Celloausbildung beim bekannten Virtuosen Bernhard Cossmann und studierte Harmonielehre und Instrumentation bei Max Seifriz in Stuttgart. Doch der Cellist fühlte sich auch auf amerikanischen Boden heimisch, und so zog es den jungen Cellisten gemeinsam mit seiner Frau, einer Sopranistin, wiederum in die weite Neue Welt, wo er sich in New York als Cellist, Dirigent und Begründer der US-amerikanischen Operette etablierte.

Unter dem Titel ‚Irish Rhapsody‘ fasst vorliegende Einspielung die Cellokonzerte Nr. 1 D-Dur und Nr. 2 e-Moll sowie die 'Irish Rhapsody' für großes Orchester zusammenfassen und stellt gleichzeitig die Wurzeln des in Dublin geborenen Cellisten und Komponisten Victor Herbert in den Vordergrund. Darüber hinaus bietet sie ein denkbar gute Gelegenheit, die Tradition des Ulster Orchestra, dem einzigen Vollzeit-Symphonieorchesters Nordirlands, das 2016/17 sein 50-Jähriges Bestehen feiert, zu unterstreichen und zugleich mit der aus den USA stammenden Dirigentin JoAnn Falletta die zwei wichtigsten Heimatstationen des Komponisten zu repräsentieren. Der ausgezeichnete Cellist Mark Kosower verlebendigt die Werke mit großer interpretatorischer Bandbreite und agiert mit instrumentaler Virtuosität.

Mit viel klanglicher Präsenz, aber im gemächlichen Tempo, schreiten die Bläser gelassen in den ersten Satz 'Allegro con spirito' des D-Dur-Cellokonzertes Nr. 1 (op. 8) hinein und eröffnen mit einem naiven, fast unschuldigen Thema das Tor in eine Welt voller Klangfantasie und hochromantischer Sensibilität. Der anschließende zarte Streicherklang zieht sich wie ein hauchdünner Faden durch das verträumte und erzählerische Vorspiel und schraubt sich sequenzartig im Dialog mit dem Bläserapparat und grundiert vom anschwellenden Paukentremolo eine dynamische Aufwärtsspirale hinauf, um den Einsatz des Cellisten feierlich im Empfang zu nehmen. Mark Kosower präsentiert das bereits im Orchester erklungene Thema mit der charakteristischen Dreiklangs-Abwärtsbewegung in einer energiegeladeneren Version und jugendlicheren Frische als zu Beginn. Im Rahmen der gesanglichen Motive entlockt Kosower seinem Cello sehr sanftmütige und verletzliche Töne, welche erstaunlicherweise selbst im Pianissimo den Wall des Orchesterklangs durchbrechen. Begleitet von kurzen Pizzicato-Orchesternachschlägen und vereinzelten Imitationen führt der Cellist den Bogen voller Spannung in die unterschiedlichen harmonischen Klangräume. Meisterhaft in Szene gesetzte pathetische Melodien und Quintfallsequenzen wie bei Tschaikowsky ergänzen den sonst begleitenden Orchesterpart und wirken kompositorisch nicht nur wie Lückenfüller, sondern setzen besonders im Tutti schöne Kontraste und stehen für musikalische Eigenständigkeit.

Die technischen Herausforderungen wie Oktavläufe, arpeggierte Doppelgriffe über mehrere Saiten verbunden mit verschiedensten Bogentechniken und Lagen interpretiert der Solist mit höchster Sorgfalt und zugleich einer Frischer, die an freie Improvisation erinnert und den Hörer in eine Form der Entspanntheit versetzt, die man selten bei Solokonzerten hören kann. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Victor Herbert in diesem Konzert bewusst eine freie Kadenz zulässt, in der Kosower nach einer ungewöhnlich langen künstlerischen Pause seine eigene kompositorische Kostprobe aus melodischem Tiefgang und virtuoser Spieltechnik abliefert. In der Reprise wird das Thema noch einmal erneut aufgegriffen und mündet in ein orchestrales Unisono begleitet vom heroischen Paukentremolo, welches den Ausklang des Satzes einläutet und durchaus als rahmenbildend verstanden werden kann.

Ein zarter Hornton aus der Ferne leitet sogleich das 'Andante' ein und verschmilzt mit dem fein gewebten Streicherschleier der Violinen, welche das Thema erstmals in der Sopranlage intonieren. Der Nachhall der sensibel artikulierten Kantilene wird noch im Ausklang vom Solocellisten gekonnt abgefangen und verwandelt sich von einem vibrierenden Einzelton in eine ausgedehnte, ‚über-romantisierte‘ Melodie, welche kaum Luft zum Atmen lässt und zugleich eine besonders ästhetische Eleganz aufweist. Die hochemotionalen Klanglinien mit dramatischen Momenten, welche musikalisch stark an Liebesszenen eines Stummfilmklassikers erinnern, erliegen mit dem zweiten flötenumschwirrten, hüpfenden Thema im 'Scherzo' einem spannenden Wandel. Kosower weiß hier die schönen sonoren Tiefen seines Instruments effektvoll zu Gehör zu bringen. Drei engelsgleiche Flageolettöne lassen das zweite 'Andante' entgleiten und zeigen die enorme instrumentale Kontrolle Kosowers, der es schafft, den Tönen sogar noch im Pianissimo unterschiedliche Klangfarben zu verleihen. Im dritten Satz 'Allegro' eröffnet der Solist die fröhliche Polonaise mit einem kecken Triller auf der Dominante und verwandelt das Cello im Thema stellenweise in eine Violine, während die Triangel kleine Akzente setzt. Das tänzerische Motiv interpretiert Kosower sehr schlicht, aber mit viel Charme wohingegen die chromatischen Läufe der virtuosen Repräsentation dienen und als kleine Zwischensequenzen den Rondocharakter des Satzes abrunden.

Der erste Satz des Zweiten Cellokonzertes op. 30 in e-Moll 'Allegro impetuoso' beginnt mit einem Thema, dessen charakteristische ‚Teufelsquarte‘ zum Schluss an Camille-Saint-Saëns 'Danse Macabre' erinnert und den Hörer vor allem harmonisch in den Bann zieht. Das Orchester setzt kraftvolle synkopische Akzente und haucht dem sehr rhythmusbetonten, monothematischen Satz mit vielen interpretatorischen Varianten Leben ein. Anders als das erste, ‚durchstrukturierte‘ Cellokonzert wird dem Solisten durch die ‚konfusen‘ harmonischen Wendungen zusätzlich ein hoher Grad an Expressivität und eigenverantwortlicher Klanggestaltung abverlangt, die Kosower besonders in den mysteriösen chromatischen Melodien durch reiche Dynamik und differenziertes Vibrato zum Ausdruck bringen kann. Der 'Lento'-Satz stellt das tiefe, leise Celloregister des Solisten ins Zentrum und lässt die eleganten und reich verzierten melancholischen Linien des epischen Cellos noch einmal für sich sprechen, bevor der dritte Satz attacca ein virtuoses Feuerwerk feinster Instrumentaltechniken mit imposanten Finale zum Besten gibt.

Mit dem Werk 'Irish Rhapsody' für großes Orchester, das Herbert im Jahr 1892 komponierte, verbindet der Komponist selbst eine Rückbesinnung auf die erste Heimat in Irland. Eine Serie typisch irischer Melodien, etwa 'Rich and Rare were the Gems she Wore' und 'Erin, oh Erin', klingt in diesem Werk an, das wie Smetanas 'Moldau' programmatische Züge trägt und sich formell frei entfaltet. Nach dem perfekt synchronen, majestätischen Unisono im Marschcharakter zu Beginn des Werkes versinkt das Orchester zunächst erst einmal in einer tiefen Stille, bevor ein einheitliches orchestrales Morgengrauen ähnlich dem Beginn der 'Peer Gynt'-Suite heraufbeschworen wird. Die märchenhaften Klänge der ‚irischen‘ Harfe, die präzise über den Streicherteppich wie kleine Tautropfen dahin perlen, erinnern wiederum stark an Tschaikowskys 'Schwanensee' und der anschließende Streicherchoral im Dreivierteltakt zeigt erneut, dass der orchestrale Zusammenklang wie aus einem Guss kommt. Schlagwerk und Blasinstrumente wie Klarinette und Oboe kommen in den pastoral anmutenden Quinten der irischen Tänze noch einmal zur Geltung. Immer wieder spürt das Orchester den Klangfarben zwischen grellen Kontrapunkten und verwaschenen Pastelltönen nach. In der Dunkelheit schleicht sich noch einmal ganz unverhofft das Solocello in das Geschehen, wie ein Schatten seiner selbst, bevor das Orchester die Rhapsodie im kraftvollen Fortissimo und mit großer Schlusswendung glanzvoll beschließen.

Zehn Jahre trennen die beiden Cello-Konzerte und stehen für eine große Breite kompositorischer Stilistik. Das Erste Konzert von 1884 ist eher verspielt und naiv, das Zweite aus dem Jahr 1894 schon ernster mit deutlich mehr Klangfarbenreichtum. Beide verbindet Herberts Liebe zum Detail und zum Instrument mit seinen technischen Möglichkeiten. Victor Herbert wusste die virtuose Cellotechnik in seinen Konzerten meisterhaft in Szene zu setzen, ohne den musikalischen Fluss zu hemmen oder gar einen Etüdencharakter zu erzeugen. Genau dieser Spagat erweist sich als Herausforderung für das Orchester und den Solisten. Den musikalischen Partnern gelingt das unter der Leitung der Dirigentin JoAnn Faletta wirklich fabelhaft. Durch den smarten, aber dennoch technisch und musikalisch sehr ausdifferenzierten Klang des Cellos gelingt es Kosower, die teils fast überzogen hochromantisch wirkenden Stellen in der Musik voller Seufzermotivik, Tonumspielungen und Vorhalten nicht kitschig wirken zu lassen. Dieser Gegenpol macht die Interpretation besonders des D-Dur-Konzertes absolut stimmig.

Die Informationen zum Komponisten, Solisten, Orchester und zur Dirigentin sind samt knapper Einführung zu den Stücken im kurzen englischsprachigen Booklet sind hilfreich, allerdings in einer sehr kleinen, kaum lesbaren Schriftgröße und ohne Absätze gedruckt worden, was das Lesen erheblich behindert. Das kann aber die durchweg herausragende musikalische Seite allerdings wettmachen.


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    Herbert, Victor: Cellokonzerte Nr.1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
29.04.2016
EAN:

747313351770


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Herbert, Victor


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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