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Montag, 22. April 2019

Kagel, Mauricio - Orgelmusik

Uneingelöstes thematisieren


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dominik Susteck spielt Orgelwerke Mauricio Kagels und verleiht ihnen ein scharfes Profil, das die Kompositionen auch heute noch provozierend erscheinen lässt.

Auf den Organisten Dominik Susteck ist Verlass: Seit einigen Jahren überrascht der an der Kunst-Station Sankt Peter Köln tätige Musiker regelmäßig mit einer neuen CD im Frühjahrsprogramm des Labels Wergo und widmet sich dabei systematisch dem Orgelschaffen der vergangenen Jahrzehnte, beginnend mit zentralen Persönlichkeiten der europäischen Nachkriegsavantgarde. Nach Schwerpunkten mit Musik von Wolfgang Rihm (2012), György Ligeti (2013), Adriana Hölszky (2014) und Gerhard Stäbler (2015) setzt sich Susteck in seiner jüngsten Produktion mit dem Orgelschaffen Mauricio Kagels auseinander. Und wie ihm Rahmen der bislang erhältlichen CDs gelingt ihm auch in diesem Fall durch Einsatz der einzigartigen Register der Orgel von Sankt Peter eine interpretatorische Neubewertung der ausgewählten Werke.

Verankerung im Alltag

Die Entäußerungen, die Kagel in 'Improvisation ajoutée' (1962) sowohl dem Organisten als auch dessen beiden als Registranten fungierenden Assistenten abverlangt, haben nicht nur zur Entstehungszeit des Werkes verstört, sondern wirken auch noch heute wie ein provozierender Stachel: Lachen, Stöhnen, Klatschen und mehr sind als körperbezogene klangliche Aktionen in das Geschehen involviert und führen dazu, dass das Orgelspiel – dem seit dem 19. Jahrhundert tradierten Ideal körperlicher Reinheit in christlichen Kirchen widersprechend – gleichsam säkularisiert und von der unsichtbar auf einer dem Publikum entrückten Orgelempore platzierten Darbietung in die Vorstellungs- und Erlebniswelt des Alltags transportiert wird. In Sustecks Interpretation wird dieses ‚Seufzen der Kreatur‘ (Römer 8, 22) zum prägnant herausgearbeiteten roten Faden, an den die Orgelklänge nicht nur angelagert werden, sondern an dem sie sich in ihrer klanglichen Intensität immer wieder ausrichten. Dadurch bildet das säkulare Moment den Schwerpunkt, an dem sich auch das technische Können des Organisten messen muss, da es von Anfang an die Überforderung, den manchmal mit äußerster Vehemenz mit Händen und Füßen ausgetragenen Kampf gegen das Instrument, einbegreift.

Diesem frühesten Orgelwerk Kagels, mit dem die CD auch eröffnet wird, stellt der Organist am Ende die 'Phantasie' für Orgel mit Obligati (1967) gegenüber. Konsequent ist der hierdurch entstehende musikalische Rahmen, weil es auch hier einen Subtext gibt, der den Organisten von seiner menschlichen Seite zeigt: Er ergibt sich aus den von Kagel vorgeschriebenen ‚Obligati‘, bei denen es sich um Ergänzung des Notentexts durch Zuspielungen handelt, die, vom Organisten selbst angefertigt, dessen Arbeitsalltag dokumentieren. Elemente wie die allmorgendliche Badezimmerbenutzung, die Nachrichten aus dem Radio, die Fahrt mit der U-Bahn zum Arbeitsplatz oder andere Bestandteile des Tageslaufs werden demnach in die Musik hineingetragen, die zutiefst menschliche Seite dessen, der da musiziert, wird mit all ihren Höhen und Tiefen zum klingenden Bestandteil des Kunstwerkes. In den Fällen beider als Rahmen fungierender Stücke – und darin liegt auch heute noch die Stärke von Kagels Komponieren – erweist sich Kunst als selbstreflexives Medium und verortet sich ohne falsche Scham genau dort, wo sie entsteht: in einem bestimmten, von Zwängen, Verpflichtungen und physischen Anstrengungen geprägten gesellschaftlichen und institutionellen Rahmen, von dem sich nicht loslösen lässt, wodurch die auch heute gern geäußerte emphatische Rede vom Erhabenen als realitätsfernes Wunschdenken entlarvt wird.

Klangliche Möglichkeiten

Demgegenüber enthält sich Kagel in den acht Stücken aus 'Rrrrrrr…' (1980–81) – vom Komponisten als Auszug aus einem 41-teiligen, unterschiedliche Besetzungen umfassenden Zyklus der Orgel zugedacht – der theatralen Elemente und beschränkt sich stattdessen ganz auf tradierte Satz- und Schreibweisen, sodass es dem Interpreten selbst obliegt, die feine Ironie der Musik hörbar zu machen. Susteck stimmt seinen Vortrag denn auch ganz auf eine Präsentation der fantastischen klanglichen Möglichkeiten seiner Orgel ab und arbeitet den kurzen Zyklus gekonnt zu einer Abfolge einprägsamer Klangbilder aus. Dabei lässt er das Instrument mal nervös knattern (in 'Rossignols enrhûmés'), raut den Klang unterschiedlich stark auf (in 'Ripieno'), zeigt den Klangerzeuger als einen seufzenden und nach Atem ringenden Organismus (in 'Rauschpfeifen') oder fängt eine jahrmarktähnliche Klangsphäre damit ein (in 'Ragtime-Waltz'). Unter anderen Vorzeichen – weil von Kagel ausschließlich im Pianissimo gedacht – deckt Susteck die Klangmöglichkeiten des Instruments noch in dem nicht explizit für Orgel, sondern für ‚kontinuierliche Instrumentalklänge‘ geschriebenen 'General Bass' (1972) auf, woraus eine farblich subtil und mit unterschiedlichen Registern abschattierte Vielfalt von Liegeklängen resultiert.

Den vier Werken Kagels hat der Organist darüber hinaus – wie bereits im Kontext früherer Produktionen mit Bezug auf andere Komponisten geschehen – eine Abfolge von fünf aufeinander bezogenen eigenen Orgelimprovisation gegenübergestellt. Unter dem Titel 'K-A-G-E-L' (2012) zusammengefasst, befassen sie sich gleichsam programmatisch in fünf mit den Titel 'Krachen', 'Aura', 'Geräusche', 'Ecken' und 'Lang' versehenen Klangszenen mit all jenen Fragestellungen, die Kagel in seinen Stücken aufwirft, denken diese – beispielsweise als intime zwischen Orgelklang und Pfeifen vermittelnde Situation – weiter oder treiben sie, gewürzt mit einer gehörigen Portion Hintersinn, gelegentlich auch unter Zuhilfenahme ekstatischer Klangzusammenballungen auf die Spitze. Damit setzt Susteck letzten Endes ein deutliches Zeichen und unterstreicht, dass es in Kagels Orgelwerken auch heute noch viel Uneingelöstes gibt: Elemente, die der Entdeckung und der ästhetischen Reflexion harren.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kagel, Mauricio: Orgelmusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
WERGO
1
06.05.2015
73:14
2014
EAN:
BestellNr.:

4010228734522
WER 73452


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Kagel, Mauricio
 - Improvisation Ajoutée - Musik für Orgel für einen Spieler und zwei Assistenten (1962)
 - Rrrrrrr ... - Acht Stücke für Orgel (1980/81)
 - General Bass - für kontinuierliche Instrumentalklänge (1972)
 - Phantasie - für Orgel mit Obbligati (1967)


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"Bei seinem Erscheinen löste Mauricio Kagels Orgelwerk "Improvisation ajoutée" (1962) einen Skandal aus. Die offensichtlichen Gründe waren die Geräusche, die der Organist und seine zwei Assistenten produzieren – Sprechen, Husten, Lachen, Pfeifen, Klatschen, vor allem aber laute Schreie. Es gibt noch eine weitere revolutionäre Neuerung in "Improvisation ajoutée": Die beiden Assistenten fungieren auch als Registranten, und als solche haben sie eine eigene Stimme in der Partitur. Dadurch ergeben sich mitunter sehr schnelle Register- und Klangfarbenwechsel, eigenständig rhythmisiert und unabhängig vom Notentext des Organisten. Weniger komplex fiel das klangliche Ergebnis bei Kagels zweitem Orgelstück, der "Fantasie für Orgel mit Obbligati" (1967) aus. Dafür hat Kagel es mit einem soziokulturell-theatralen Subtext versehen, der die Grenze von "Kunst" und "Leben" noch entschlossener überschreitet und damit eine ganz andere Art von Komplexität erzeugt. Der Orgelpart wird hier nämlich ergänzt durch zwei Tonbänder, die in überlappender Wiedergabe wie ein "Hörfilm" den Arbeitstag des Organisten akustisch dokumentieren. In fünf Improvisationen reflektiert Dominik Susteck seine Erfahrungen mit Kagels Orgelwerk: Nach dessen Vorbild nimmt er die zufällige Vorgabe des Namens "K-A-G-E-L" als Herausforderung der Fantasie – und einigermaßen "kagelesk" wirken auch die Titel, die die Grundideen der fünf Improvisationen auf den Begriff bringen."


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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