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Sonntag, 21. April 2019

Mozart, Wolfgang Amadeus - Klavierkonzerte

Außerordentlich zarter Mozart


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Arthur Schoonderwoerd hat für diese Mozart-Konzerte einen historisch wohl wirklich korrekten Flügel gewählt, doch ganz befriedigend ist seine Aufnahme leider trotzdem nicht.

Wenn schon historische Instrumente verwendet werden, so könnte man wohl mit Recht verlangen, dann doch bitte die, die der Komponist auch wirklich hätte nutzen können. Welchen Sinn hätte auch sonst das Ganze? Die Realität sieht leider nicht selten anders aus: Sowohl Kristian Bezuidenhout als auch Ronald Brautigam nutzen Nachbauten von Instrumenten für ihre Aufnahmen der Mozart-Konzerte, die erst nach Mozarts Tod gebaut wurden. Wer also wissen möchte, mit was für Klängen Mozart rechnete, kommt da nicht weiter. Anders ist das bei der Einspielung durch Arthur Schoonderwoerd, dessen Flügel einem Vorbild von ca. 1782 nachgebaut wurde, einem Instrument also, das es schon gab, als die Konzerte dieser Platte geschrieben wurden.

Das Konzert Es-Dur KV 482 haben alle drei erwähnten Pianisten in den letzten Jahren eingespielt, und ein klanglicher Vergleich der Instrumente lohnt sich. Bezuidenhouts und Brautigams Flügel sind einem modernen Konzertflügel sogar näher als dem Instrument Schoonderwoerds. Das nämlich klingt sehr viel leiser und zarter und ist sogar teilweise, besonders in den Bässen, einem Cembalo näher als den Klavieren Bezuidenhouts und Brautigams – ein gewaltiger Unterschied also. Wenn man dem Beiheft glauben darf, war das Holz der Hammerköpfe bis etwa 1800 normalerweise noch nicht mit Leder bezogen, bei Bezuidenhouts und Brautigams Flügeln ist das aber der Fall, historisch gesehen wären sie demnach völlig falsch gewählt.

Dennoch darf man auch bei Schoonderwoerds Aufnahme zweifeln, ob sie wirklich den Klang wiedergibt, den Mozart erwartet hätte, und zwar aus einem einfachen Grund: Der Flügel ist so leise, dass es widersinnig gewesen wäre, für ein solches Instrument Solokonzerte mit Orchester zu schreiben, denn niemand jenseits der ersten Reihen hätte es hören können.

Das Ensemble Cristofori aus dem französischen Besançon ist ein weiterer Grund dafür, dass diese Aufnahme nicht ganz der Weisheit letzter Schluss ist, und zwar weil die Streicher nur einfach besetzt sind. Das dürfte wohl zu Mozarts Zeit auch nicht die Regel gewesen sein, obwohl die Besetzung mit je fünf ersten und zweiten Violinen, wie in Kristian Bezuidenhouts Einspielung mit dem Freiburger Barockorchester zu hören, sich vermutlich schon wieder am oberen Rand bewegt hätte.

Bei der einfachen Streicherbesetzung ist die Balance zu Schoonderwoerds zartem Anton Walter-Nachbau zwar gut, nicht ausreichend aber, trotz der im Studio doch gegebenen Möglichkeiten der Mikrofonierung und Abmischung, ist die zu den Bläsern, zumal beide Werke der Platte eine große Bläserbesetzung und sogar Pauken und Trompeten aufweisen. Der Orchesterpart klingt daher beim Freiburger Barockorchester schon überzeugender, zumal das Ensemble Cristofori an einigen Stellen auch nicht ganz dessen technische Perfektion erreicht. Freilich ist auch dieses Orchester allemal mehr als beachtlich und klanglich durchaus angenehm. Arthur Schoonderwoerd ist übrigens der künstlerische Leiter dieses Ensembles, dirigiert also auch selbst, was wiederum ein historisch korrekter Punkt wäre.

Gemeinsam arbeitet man den enormen Gegensatz zwischen den prunkvollen Ecksätzen und dem ruhigen, in Teilen düsteren 'Andante' ungeheuer wirkungsvoll heraus, obwohl das Tempo im Mittelsatz recht flott ist. Arthur Schoonderwoerd lässt Vorschläge wirklich als Vorschläge spielen, bringt überall kleine Verzierungen ein und unterstützt das Orchester im Tutti durchweg mit Continuo-Spiel. Dennoch überzeugt die Aufnahme nicht überall. Das Finale könnte insgesamt beschwingter sein, klanglich ist der Satz allerdings, vor allem im Holz, gut gelungen, namentlich der eingeschobene 'Andantino'-Abschnitt könnte kaum schöner klingen.

Im zweiten Konzert der Platte, c-Moll KV 491, ist der langsame Satz zu rasch, immerhin heißt der hier 'Larghetto' und nicht 'Andante', mit der Folge, dass die Bläser einige Stellen technisch nicht ganz sauber ausführen können und etwas holprig klingen. In den raschen Sätzen wird dagegen eher bedächtig und außerordentlich zart musiziert, von Brautigams oder Bezuidenhouts Turbo-Mozart ist diese Aufnahme jedenfalls weit entfernt.

Einen wirklich schwachen Eindruck macht schließlich die Konzertarie 'Ch‘io mi scordi di te?' KV 505. Vanessa García Simón singt ganz schön und schlicht, ist aber technisch alles andere als perfekt, bringt außerdem wenig Affekte und Farben ein; auch die Stimmfarbe an sich ist nicht weiter bemerkenswert. Sonderlich inspiriert wirken hier auch weder Orchester noch Klavier.

Im Beiheft hätte man sich Auskunft zu den Kadenzen ebenso erhofft wie eine Anmerkung zur einfachen Streicherbesetzung; ansonsten ist es jedoch gut gelungen, wenn auch zur Hälfte mit Schnappschüssen von den Aufnahmsessions gefüllt.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Klavierkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
04.03.2016
EAN:

4015023243132


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Mozart, Wolfgang Amadeus


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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