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Samstag, 24. August 2019

Marais, Marin - Pièces Favorites

The Best of Marin Marais


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musikalisch grandioser Auftakt der Einspielung aller Gambenwerke von Marin Marais mit François Joubert-Caillet – eine Aufnahme, die Lust und Neugierde auf mehr macht.

Marin Marais war einer der bedeutendsten Komponisten am Hof Ludwig XIV. Er stammt aus eher einfachen Verhältnissen, aus einer Handwerkerfamilie, aber schon als Kind fällt er durch seine musikalische Begabung auf. Nachdem er durch den Stimmbruch seine Gesangskarriere aufgeben muss, widmet er sich dem Gambenspiel. Er wird Schüler bedeutender Gambisten der damaligen Zeit, vor allem von Monsieur de Sainte Colombe, der nach wenigen Monaten gesteht, ihm nichts mehr beibringen zu können – falls man den Quellen Glauben schenken darf. Erfolgreich bewirbt er sich an den französischen Hof, Jean-Baptiste Lully stellt ihn 1676 im Alter von nur zwanzig Jahren für die Continuo-Gruppe der Académie royale de Musique ein. Dort avanciert er schnell zum ersten Gambisten im Kammerorchester des Hofes und komponiert über 600 Stücke für sein Instrument - verteilt über einen Zeitraum von 40 Jahren und in fünf Büchern veröffentlicht. Die Stücke zeigen die Entwicklung, den Höhepunkt, aber in gewisser Weise auch das Ende der großen Epoche der Gambenmusik, für deren reife Blüte ohne Zweifel Marais selbst steht.

Das Label Ricercar unter seinem Direktor Jérôme Lejeune beginnt mit der vorliegenden Aufnahme ein diskografisches Mammutprojekt, das in unseren Tagen seinesgleichen sucht: Alle fünf Bücher werden sukzessive eingespielt - auf insgesamt ungefähr 60 CDs. 2014 hat man mit ersten Aufnahmen begonnen, 2022 soll das Projekt abgeschlossen sein. Für seine Idee konnte er François Joubert-Caillet begeistern, vielleicht der bedeutendste Gambist der jüngeren Generation. Die vorliegende Aufnahme ist eine Art Teaser: Sie möchte Lust auf Marais und dieses Großprojekt machen. Joubert-Caillet hat dazu einige wenige Stücke eingespielt, die ihm besonders am Herzen liegen. Ein "The Best of Marais"- Album also, und es macht wirklich neugierig, wenn nicht süchtig nach mehr.

Joubert-Caillet findet in seinem Aufsatz im auch sonst klugen Booklet ein schönes Bild für die Stücke: Er stellt sich vor, dass Ludwig XIV nach einem harten Arbeitstag etwas ausruhen wollte und sich dazu vielleicht mit zwei, drei anderen Personen in ein kleines Gemach zurückzieht, wo Marais ihn schon erwartet, um ihm in diesem Privatissimum ein kleines Konzert zu geben. Und gleichgültig, ob Joubert-Caillet eher virtuos-wilde Tänze wie Marais' 'La Folia', eine nachdenkliche Elegie (wie in 'La Rêveuse'. d.h. die Träumerin, denn Marais hat einigen Stücken auch eigene Titel gegeben), eine nahezu versöhnte Klage auf den Tod von Monsieur de Colombe oder ein Stück unbeschwerter Lebensfreude spielt: Der Charakter der sehr persönlichen, intimen Ansprache durchzieht alle Stücke der Aufnahme. Joubert-Caillet kann erzählen. Er kann sein Instrument wie eine menschliche Stimme zum Schwingen bringen, seinem Instrument immer wieder neue Nuancen des Ausdrucks abgewinnen, ohne die die Stücke schnell eintönig wären. Ihm zuzuhören ist faszinierend, fordert aber auch einiges an Aufmerksamkeit für die Nuancen ab. Die ausgezeichnet plastische Aufnahmequalität kommt ihm entgegen, und auch, dass man ihn manchmal mitatmen hört, tut der Aufnahme keinen Abbruch.

Begleitet wird er dabei von wenigen Musikern seines Ensembles L´Achéron, wobei von ‚Begleitung‘ eigentlich kaum gesprochen werden kann, da gemeinsam musiziert wird. Stilsicher finden sie genau den Ausdruck, der der jeweiligen Komposition gerecht wird. Ein gelungener Auftakt für ein spannendes musikalisches Projekt! Ob man dann aber tatsächlich Lust auf 60 Marais-CDs hat, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Man darf gespannt sein!


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Marais, Marin: Pièces Favorites

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
05.02.2016
Medium:
EAN:

CD
5400439003644


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Marais, Marin


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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