> > > Prokofjew, Sergei: Sinfonien 4,6 & 7 / Klavierkonzerte 4 & 5
Sonntag, 16. Juni 2019

Prokofjew, Sergei - Sinfonien 4,6 & 7 / Klavierkonzerte 4 & 5

Prokofjew ohne rechten Biss


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Walerij Gergiew dirigiert das Mariinskij Orchester Petersburg in den Symphonien Nr. 4, 6 und 7 sowie den Klavierkonzerten Nr. 4 und 5 von Prokofjew. Herausgekommen ist leider nur eine Aufnahme unter vielen.

Welcher Dirigent unserer Tage hätte sich wohl so viel mit Prokofjew beschäftigt wie Walerij Gergiew? Vermutlich keiner. Nun legt er als Doppel-CD neue Konzertmitschnitte des Vierten und Fünften Klavierkonzerts sowie der Symphonien Nr. 4, 6 und 7 mit seinem Mariinskij-Orchester vor. Trotz seiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Komponisten ist dies allerdings nur eine Aufnahme unter vielen. Nicht schlecht, aber auch nicht sonderlich bemerkenswert.

Dies ist eine ziemlich nüchterne, um nicht zu sagen kühle Deutung. Die Tempi sind eher rasch und musiziert wird schnörkellos. Ein Standpunkt, den man bei Prokofjew ja durchaus vertreten kann. Andererseits ist sein Klaviersatz häufig ebenso brillant wie seine Orchestrierung, warum also sollte es nicht auch etwas blitzen und funkeln dürfen? Gut, Walerij Gergiew hat sich eben dagegen entschieden, im Falle des Vierten Klavierkonzerts gemeinsam mit dem Pianisten Aleksej Wolodin. Wer den Gegenentwurf hören möchte, der greife zu Wladimir Aschkenazys Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra unter André Previn, die inzwischen zwar – unfassbar – bereits über 40 Jahre alt ist, die aber in ihrer knackigen Art immer noch irgendwie brandneu klingt und der vorliegenden Neuproduktion aus dem Petersburger Mariinskij-Theater selbst in klanglicher Hinsicht nicht nachsteht – Super Audio-CD hin oder her. Die verbannt nämlich kurzerhand das Orchester irgendwo in den Hintergrund. Auf der Konzertbühne klänge das jedenfalls ganz anders.

Ganz anders klingt auch bereits wieder das Klavierkonzert Nr. 5, denn es ist bei anderer Gelegenheit aufgenommen, ein Konzertmitschnitt aus Moskau; es spielt in diesem Fall Sergej Babajan. Das Orchester also wirkt hier schon sehr viel plastischer, obschon in dieser Hinsicht noch immer Luft nach oben ist. Die Tempi sind auch hier definitiv auf der raschen Seite. Schnelle Tempi bei Prokofjew? Immer gerne! Hier aber funktioniert es nicht sonderlich gut. Manchmal steht es etwa einem wirklich akzentuierten Spiel entgegen. Wenn der zweite Satz das ‚ben accantuato‘ schon in der Tempovorgabe trägt, ist das bedauerlich. Dann wieder geht es auf Kosten der Klarheit und der Struktur (die folgende Toccata) oder auch der Linie und der schönen Klangentfaltung (das 'Larghetto').

Das Problem ist auch bei drei Symphonien ähnlich. Die Vierte etwa (auf der Platte nicht angegeben, dass es sich hier um die spätere, revidierte Fassung handelt) bleibt zu blass, wenigstens im Vergleich mit einigen anderen gelungenen Aufnahmen. Die Tempi sind im Grunde gut, aber es fehlt Kontur und Wucht. Erst der Schluss überzeugt auch klanglich, doch warum beschränkt sich das auf ungefähr eine Minute?

In der Sechsten Symphonie gibt es ebenfalls sehr überzeugende Abschnitte, hier namentlich der ganze langsame Satz. Prokofjew hat darin einige ganz besonders aparte Klangkombinationen gefunden, die von Gergiew und seinem Orchester sehr gut ausbalanciert werden. Einzelne Instrumente haben auch hier weniger klare Kontur als anderswo, sie verschmelzen aber zu einem runden Gesamtklang, was in diesem Satz allemal überzeugt. Das Tempo ist dabei ausnahmsweise einmal ziemlich ruhig. Grundsätzlich kann man sagen, dass in dieser Aufnahme die ruhigeren Passagen stärker überzeugen, man merkt das ganz besonders in der Siebten Symphonie.

In den kantig-knackigen schnellen Sätzen hingegen fehlt zumindest das letzte i-Tüpfelchen. Viele weitaus temperamentvollere Aufnahmen liegen vor, als Beispiel sei auf eine altehrwürdige Deutung verwiesen: Genadij Roschdestwenskij verwirklichte in den 1960er Jahren mit dem großen Rundfunksymphonieorchester der UdSSR eine Gesamteinspielung, die in mancher Hinsicht bis heute Maßstäbe setzt. Trotz der damaligen nicht eben brillanten russischen Aufnahmetechnik kommen darin sogar viele Klangeffekte klarer zur Geltung als bei der Mariinskij-Neuaufnahme.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofjew, Sergei: Sinfonien 4,6 & 7 / Klavierkonzerte 4 & 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
1
08.01.2016
EAN:

822231857723


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Prokofieff, Sergej


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Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


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