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Sonntag, 21. April 2019

Copland, Aaron - Billy the Kid & Rodeo

Plastische Copland-Lektüre


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter Leitung von Andrew Litton läuft die Colorado Symphony bei der Interpretation von Werken Aaron Coplands zur Höchstform auf.

Aaron Coplands Werke, insbesondere aber seine sogenannten ‚Americana‘ aus den 1930er und 1940er Jahren, werden in Europa nicht selten als musikalisches Äquivalent zu kitschigen Wildwest-Szenerien und verklärender Wildwest-Romantik angesehen. Das Missverständnis, das aus dieser Haltung spricht, verkennt sowohl die historische Position Coplands – insbesondere seine Suche nach einem spezifisch amerikanischen Idiom jenseits des Jazz – als auch die Qualität des kreativen Zugriffs, den der Komponist bei der Auseinandersetzung mit volkstümlichen Quellen jeweils an den Tag legte. Dazu kommt, dass sich etliche Aufnahmen vor allem amerikanischer Provenienz eher der Oberfläche und vordergründigen Wirkung der Musik widmen. Der Dirigent Andrew Litton, der sich in den zurückliegenden Jahren als Dirigent dieses Repertoires einen Namen gemacht hat, versammelt auf seiner bei BIS erschienenen Einspielung mit der Colorado Symphony einige der uramerikanischen Stücke Coplands und zeigt dabei, welches Potenzial dieser Musik innewohnt.

Feine Zwischentöne

Eröffnet wird die Produktion vom optimistischen Tonfall der 'Outdoor Ouverture' (1938): Schon hier wird deutlich, wie stark Litton auf die Kraft einer klangfarblichen Strukturierung des Verlaufs setzt, wie er aber auch nicht davor zurückschreckt, den Melodien – so dem von Streicherpizzicati begleiteten Trompetensolo, das am Ende gereifter wiederkehrt – ein gewisses Pathos einzuschreiben. Weitaus deutlicher kommt diese Qualität allerdings dem einaktigen Ballett 'Billy the Kid' (1938) zugute: Bereits die luzide Stimmungsschilderung des Eingangsteils ('Open Prairie') verweist darauf, wie Litton – immer auf Ausgleich bedacht – melodische Aspekte mit Blick auf die atmosphärische Gesamtheit interpretiert. Konsequenz ist in diesem Fall eine Abfolge plastischer Szenen, die, unter Abwägung unterschiedlicher musikalischer Mittel ihre klangliche Gestalt erhaltend, die zum Mythos gewordene Geschichte von Billy the Kid in einigen charakteristischen Episoden einfängt, um sie am Ende wieder dorthin zurückzuführen, wo sie begann: in die suggestive Klanggestalt, die Copland der offenen Prärie zugedacht hat.

Weit offensichtlicher als 'Billy the Kid' spricht 'El Sálon México' (1933-36) von Coplands Auseinandersetzung mit folkloristischen Quellen. In dieser lebendigen, vor Einfällen überquellenden Musik lässt sich Littons Umgang mit den rhythmischen Elementen am besten studieren: Die Zartheit, mit der er nach dem Einleitungsteil daran geht, die rhythmische Hauptfigur auszubreiten, indem er sie zusätzlich in einen sinnlichen Klangmantel aus Streicherklängen hüllt, ist ebenso verblüffend wie die Elastizität, die er in den dichteren Passagen beim Umgang mit den Rhythmuspatterns bewahrt. Wer dieses Stück nur als orchestrales Show- und Zugabestück kennt, wird überrascht feststellen, welche Menge an feinsten Zwischentönen der Dirigent findet, und wie er die ruhigeren Passagen ausspinnt sowie in ihrer Intensität auf die Ausbrüche hin orientiert.

Spielwitz

Das einaktige Ballett 'Rodeo' (1942) beendet den Reigen der eingespielten Werke. Dem rhythmischen Drive der Musik begegnet Litton, indem er die Akzentsetzungen und das damit verknüpfte fluktuierende Netz rhythmischer Ereignisse plastisch herausarbeitet und geschickt auf die Höhepunktbildungen hin ausrichtet. Die Nachtszenerie ist auch in diesem Fall duftig gezeichnet ('Nocturne'), daneben kommen aber auch die humoristischen Elemente der 'Ranch House Party' mit ihrem Honky-Tonk-Klaviersolo zum Zuge. Und wenn sich in 'Hoe Down', dem großen und bunten Finale mit seinen Wurzeln im Volkstanz, der Rhythmus immer wieder selbstverliebt in Schleifen fängt oder kurz vorm Ende gar bewegungslos stehenzubleiben droht, um dann doch wieder zum ursprünglichen Tonfall zurückzufinden, ist das mit enorm viel Spielwitz realisiert und wirkt wie das i-Tüpfelchen auf dieser Wiedergabe.

Genau das unterstreicht noch einmal die eigentliche Leistung Littons im Zugriff auf Coplands Werke: Im Gegensatz zu anderen Interpreten gelingt es ihm, den Witz der Musik zu zeigen und ihn ganz logisch mit dem von uns Europäern als ‚amerikanisch‘ identifizierten Tonfall zu verbinden. Es lohnt sich also, hier etwas näher hinzuhören, zumal die Orchesterfarben geradezu magisch leuchten und sich bei der Klangtiefe der auch aufnahmetechnisch außergewöhnlich stark umgesetzten Produktion wunderbar entfalten. Angesichts solcher Details wäre eine baldige Fortsetzung der plastischen Copland-Lektüre höchst erfreulich. Dann aber bitte mit einem besseren Booklettext; denn Richard E. Rodda macht es sich allzu leicht, indem er im überwiegenden Teil seines Beitrags lediglich die Autobiographie des Komponisten zitiert.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Copland, Aaron: Billy the Kid & Rodeo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
30.09.2015
EAN:

7318599921648


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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