> > > Copland, Aaron: Billy the Kid & Rodeo
Sonntag, 16. Juni 2019

Copland, Aaron - Billy the Kid & Rodeo

Plastische Copland-Lektüre


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter Leitung von Andrew Litton läuft die Colorado Symphony bei der Interpretation von Werken Aaron Coplands zur Höchstform auf.

Aaron Coplands Werke, insbesondere aber seine sogenannten ‚Americana‘ aus den 1930er und 1940er Jahren, werden in Europa nicht selten als musikalisches Äquivalent zu kitschigen Wildwest-Szenerien und verklärender Wildwest-Romantik angesehen. Das Missverständnis, das aus dieser Haltung spricht, verkennt sowohl die historische Position Coplands – insbesondere seine Suche nach einem spezifisch amerikanischen Idiom jenseits des Jazz – als auch die Qualität des kreativen Zugriffs, den der Komponist bei der Auseinandersetzung mit volkstümlichen Quellen jeweils an den Tag legte. Dazu kommt, dass sich etliche Aufnahmen vor allem amerikanischer Provenienz eher der Oberfläche und vordergründigen Wirkung der Musik widmen. Der Dirigent Andrew Litton, der sich in den zurückliegenden Jahren als Dirigent dieses Repertoires einen Namen gemacht hat, versammelt auf seiner bei BIS erschienenen Einspielung mit der Colorado Symphony einige der uramerikanischen Stücke Coplands und zeigt dabei, welches Potenzial dieser Musik innewohnt.

Feine Zwischentöne

Eröffnet wird die Produktion vom optimistischen Tonfall der 'Outdoor Ouverture' (1938): Schon hier wird deutlich, wie stark Litton auf die Kraft einer klangfarblichen Strukturierung des Verlaufs setzt, wie er aber auch nicht davor zurückschreckt, den Melodien – so dem von Streicherpizzicati begleiteten Trompetensolo, das am Ende gereifter wiederkehrt – ein gewisses Pathos einzuschreiben. Weitaus deutlicher kommt diese Qualität allerdings dem einaktigen Ballett 'Billy the Kid' (1938) zugute: Bereits die luzide Stimmungsschilderung des Eingangsteils ('Open Prairie') verweist darauf, wie Litton – immer auf Ausgleich bedacht – melodische Aspekte mit Blick auf die atmosphärische Gesamtheit interpretiert. Konsequenz ist in diesem Fall eine Abfolge plastischer Szenen, die, unter Abwägung unterschiedlicher musikalischer Mittel ihre klangliche Gestalt erhaltend, die zum Mythos gewordene Geschichte von Billy the Kid in einigen charakteristischen Episoden einfängt, um sie am Ende wieder dorthin zurückzuführen, wo sie begann: in die suggestive Klanggestalt, die Copland der offenen Prärie zugedacht hat.

Weit offensichtlicher als 'Billy the Kid' spricht 'El Sálon México' (1933-36) von Coplands Auseinandersetzung mit folkloristischen Quellen. In dieser lebendigen, vor Einfällen überquellenden Musik lässt sich Littons Umgang mit den rhythmischen Elementen am besten studieren: Die Zartheit, mit der er nach dem Einleitungsteil daran geht, die rhythmische Hauptfigur auszubreiten, indem er sie zusätzlich in einen sinnlichen Klangmantel aus Streicherklängen hüllt, ist ebenso verblüffend wie die Elastizität, die er in den dichteren Passagen beim Umgang mit den Rhythmuspatterns bewahrt. Wer dieses Stück nur als orchestrales Show- und Zugabestück kennt, wird überrascht feststellen, welche Menge an feinsten Zwischentönen der Dirigent findet, und wie er die ruhigeren Passagen ausspinnt sowie in ihrer Intensität auf die Ausbrüche hin orientiert.

Spielwitz

Das einaktige Ballett 'Rodeo' (1942) beendet den Reigen der eingespielten Werke. Dem rhythmischen Drive der Musik begegnet Litton, indem er die Akzentsetzungen und das damit verknüpfte fluktuierende Netz rhythmischer Ereignisse plastisch herausarbeitet und geschickt auf die Höhepunktbildungen hin ausrichtet. Die Nachtszenerie ist auch in diesem Fall duftig gezeichnet ('Nocturne'), daneben kommen aber auch die humoristischen Elemente der 'Ranch House Party' mit ihrem Honky-Tonk-Klaviersolo zum Zuge. Und wenn sich in 'Hoe Down', dem großen und bunten Finale mit seinen Wurzeln im Volkstanz, der Rhythmus immer wieder selbstverliebt in Schleifen fängt oder kurz vorm Ende gar bewegungslos stehenzubleiben droht, um dann doch wieder zum ursprünglichen Tonfall zurückzufinden, ist das mit enorm viel Spielwitz realisiert und wirkt wie das i-Tüpfelchen auf dieser Wiedergabe.

Genau das unterstreicht noch einmal die eigentliche Leistung Littons im Zugriff auf Coplands Werke: Im Gegensatz zu anderen Interpreten gelingt es ihm, den Witz der Musik zu zeigen und ihn ganz logisch mit dem von uns Europäern als ‚amerikanisch‘ identifizierten Tonfall zu verbinden. Es lohnt sich also, hier etwas näher hinzuhören, zumal die Orchesterfarben geradezu magisch leuchten und sich bei der Klangtiefe der auch aufnahmetechnisch außergewöhnlich stark umgesetzten Produktion wunderbar entfalten. Angesichts solcher Details wäre eine baldige Fortsetzung der plastischen Copland-Lektüre höchst erfreulich. Dann aber bitte mit einem besseren Booklettext; denn Richard E. Rodda macht es sich allzu leicht, indem er im überwiegenden Teil seines Beitrags lediglich die Autobiographie des Komponisten zitiert.



Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Copland, Aaron: Billy the Kid & Rodeo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
30.09.2015
EAN:

7318599921648


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Wahnsinn kann so schön sein: Sopranistin Carolyn Sampson und ihrem Liedbegleiter Joseph Middleton gelingt ein interessantes, fesselndes und in seiner Schönheit bezwingendes Programm, das Frauen am Rande des Wahnsinns in den Mittelpunkt stellt. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
  • Zur Kritik... Nordische Entdeckungslust: Mit einer vokalen und einer instrumentalen Komposition von Lars Karlsson (*1953) widmet sich das Lapland Chamber Orchestra neuen, nordischen Raritäten und lässt vor allem durch bemerkenswerte solistische Beiträge aufhorchen. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Charakterisierungskunst: Andreas Haefliger will uns Altbekanntes in neuem Licht erscheinen lassen. Auch wenn das teils fragwürdige Ergebnisse zeitigt – spannend ist es immer. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Für eigene Zwecke: Christian Euler und sein Begleiter Paul Rivinius präsentieren Hindemiths frühe Violasonaten in einer hochkarätigen Darbietung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Europäischer Sinfoniker: Der polnische Komponist Feliks Nowowiejski erweist sich auf diesem Tonträger als ein echter Geheimtipp. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Schwerfällige Maskenspiele: Diese 'Nacht in Venedig' schließt keine diskografische Lücke und glänzt auch nicht durch besonderen Charme. Das hätte es nicht zwingend auf CD gebraucht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Friedrich Gernsheim: String Quartet No. 1 op. 25 in C minor - Rondo all'Ongarese.

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich