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Sonntag, 21. April 2019

Rachmaninoff, Sergej - Symphonie Nr. 3

Dunkel und brütend


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gergiev nähert sich Rachmaninoffs Dritter Sinfonie mit bedächtigen Tempi, sentimentaler Agogik und verpasst kraftlos die Höhepunkte.

Valery Gergiev hat als Chefdirigent des London Symphony Orchestra mehrere Sinfonien-Zyklen erarbeitet, die peu à peu, aber eher in unregelmäßigen Abständen beim hauseigenen Label LSO live auf Tonträger erschienen sind. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dem russischen Repertoire, das er vor allem mit Einspielungen von Werken Peter Tschaikowskys und Dmitrij Schostakowitschs abgedeckt hat. Seltener und nur sporadisch hat sich Gergiev zusammen mit dem Londoner Klangkörper der Orchestermusik von Sergej Rachmaninoff gewidmet: Den Startschuss machte 2010 eine recht süffige Deutung der Zweiten Sinfonie, gefolgt zwei Jahre später von den 'Sinfonischen Tänzen'. Nun hat LSO live einen Mitschnitt der Dritten Sinfonie herausgebracht, aufgenommen im November 2014 im Londoner Barbican. Dem rund vierzigminütigen Werk zur Seite steht Mili Balakirews sinfonische Dichtung über russische Volksweisen namens 'Russland'.

Blick zurück in Wehmut

Die Kombination der beiden Werken ist reizvoll, denn in beiden spielt genuin russische Musik eine zentrale Rolle, in Balakirews nationalromantischem Werk weltliche Volkslieder, in Rachmaninoffs Sinfonie die engintervallige Melodik orthodoxer Kirchengesänge. Rachmaninoffs Dritte Sinfonie a-Moll op. 44 entstand in den Jahren 1936-36, knapp 20 Jahre, nachdem er das revolutionäre Russland verlassen hatte, in seinem damaligen Wohnsitz am Vierwaldstätter See. In der Zeit seines Exils erblickten aufgrund des engmaschigen Konzertplans nur wenige Werke das Licht der Welt, in allen aber ist Rachmaninoffs tiefe Verbundenheit zu seiner Heimat, ihrer Musik und ein hohes Maß nostalgischer Wehmut zu spüren. Gleichzeitig aber bahnt sich der Komponist in der dreisätzigen Sinfonie formal durch scharf geschnittene, kürzere Segmente, kantige Rhythmik, die Verknüpfung von langsamem Satz und Scherzo im zweiten Satz sowie instrumentatorisch durch luftigere Klänge und neu ausgelotete Instrumentenkombinationen neue Wege, die dann in den 'Sinfonischen Tänzen' und den ‚Paganini-Variationen' glanzvoll ausgeschritten werden. Das Publikum allerdings konnte diesem zweischneidigen Werk bei seiner Uraufführung in Philadelphia 1936 nicht sehr viel abgewinnen: Die einen fanden den pathetisch-melancholischen Tonfall zu schwer, den anderen fehlte der weite melodische Bogen, der Rachmaninoffs sinfonisches Hauptwerk, die Zweite Sinfonie, überspannt.

Dunkel und schwer

Gergiev kehrt in seiner Interpretation der Dritten Sinfonie die nostalgisch-schwere, dunkle und brütende Seite des Werks hervor. Er wählt ein gemächliches Tempo, was im ersten Satz auch aufgrund der (oftmals ausgelassenen) Expositionswiederholung zu einer der Höchstdauern in der Interpretationsgeschichte dieser Sinfonie führt. Eine solche Deutung setzt sich der Gefahr aus, den Kontrast zwischen breit ausgespielter elegischer Linie und den aufrauschenden Figuren und kernigen Rhythmen nicht einfangen und vermitteln zu können. Aus dieser Not könnte man eine Tugend machen, wie einst Nikolaj Golovanov in seiner ruppigen, zuweilen derben Lesart, in der die Gegensätze unvermittelt aufeinanderprallen. Gergiev geht bei weitem nicht so entschieden und mit offenem Visier vor; er lässt sich von der Stimmung des Augenblicks treiben. Das führt allerdings dazu, dass ihm der gerade bei dieser zerklüfteten Sinfonie nicht eben leicht zu spannende sinfonische Faden entgleitet und mehrmals neu eingefädelt werden muss; der Verlauf fragmentiert, zumal agogische Freizügigkeit vor allem in den kantablen Linien mehrmals zu willkürlich erscheinenden Stauungen führt. Da trocknet der melodische Fluss aus, ehe ihn Gergiev mit seinen bebenden Händen wieder beschwört. Freilich gelingen dem Instinktmusiker Gergiev einige Steigerungszüge auf wirklich bezwingende Weise, etwa in der Durchführung des Kopfsatzes. Dort allerdings fehlt es den Höhepunkten trotzdem an Durchschlagskraft. Hört man dagegen einen Stokowski (mit ebenfalls sehr langsamen Tempi), einen Kletzki, einen Ormandy oder den Komponisten selbst am Dirigierpult, dann erscheint Gergiev seltsam kraftlos. Zudem gibt es immer wieder Passagen, die in der Luft zu hängen scheinen zwischen dem gesanglich und geradezu sentimental ausgekosteten lyrischen Material und dem von Gergiev aufgeputschten impulsiven, rhythmisch-tänzerischen Passagen.

Kein Feinhandwerk

Gergiev ist, worauf der Mitschnitt schließen lässt, kein Anhänger der Detailarbeit. Einige raffinierte Klangfarbenkombinationen, die Rachmaninoff in der Dritten Sinfonie erstmals erprobt, bleiben in der gleichsam unrasierten Lesart unterbelichtet. Und auch im Zusammenspiel zeigt sich, dass es sich um Live-Aufnahmen handelt, Perfektion findet man hier nicht. Dafür wird man mit einem Musizieren belohnt, das in den wirklich zündenden Momenten packend gerät. Im letzten Satz, den Gergiev ebenfalls recht gemächlich angeht, sind diese Momente allerdings ziemlich rar. Sie können sich kaum einstellen, weil die Gangart zu schwer und lastend ist. Eher finden sie sich im langsamen Mittelsatz. Auch Balakirews sinfonische Dichtung, die zwischen atmosphärischer Klangfarbenmalerei und rhythmisch zupackender Volksweisenmelodik pendelt, ist stellenweise bezaubernd, wenn auch insgesamt eine Ansammlung von Teilen ohne Zusammenhang.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rachmaninoff, Sergej: Symphonie Nr. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
LSO Live
1
04.09.2015
EAN:

822231177920


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
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Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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