> > > Bach, Johann Sebastian: Messe in h-Moll (Deluxe Edition, 2 CDs+DVD)
Sonntag, 21. April 2019

Bach, Johann Sebastian - Messe in h-Moll (Deluxe Edition, 2 CDs+DVD)

Neuanfang


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hans-Christoph Rademann und die Gächinger Kantorei dokumentieren den Beginn ihrer Zusammenarbeit mit einer hervorragend gelungenen, auch konzeptionell überzeugenden h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach.

Hans-Christoph Rademanns erste große Veröffentlichung als Leiter der Stuttgarter Bach-Akademie ist Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe gewidmet, wohl dem zentralen Werk im Schaffen des Thomaskantors. Es ist der Art und dem Umfang des Neuanfangs sehr angemessen, den Rademann da wagt. Und konsequenterweise ist es eine Produktion, die dem Anspruch einer Akademie entspricht, die eben nicht nur interpretierend, sondern auch forschend ambitioniert sein will und muss, für die es gilt, alles auszuleuchten, was es zu bedenken gibt, was Bach und dessen Intentionen noch deutlicher gerecht werden kann. Rademann hat dazu entgegen der bisherigen Aufführungstradition die von Bach für 'Kyrie' und 'Gloria' selbst eingerichteten Dresdner Stimmen als Hauptquelle betrachtet, dazu die neuesten Erkenntnisse aus der in der Überlieferung außerordentlich schwierigen Berliner Partitur berücksichtigt. Das bringt manch spürbare Eingriffe zutage, wie beispielhaft leicht zu hören in den aparten lombardischen Rhythmen im 'Domine Deus', zeitigt daneben eine Fülle von Änderungen in der Textierung, in manchem Detail der Linienführung dichter Sätze, auch in der von Bach gewünschten Phrasierung einzelner Passagen.

Natürlich: Diese ‚Suche nach der wahren h-Moll-Messe‘, wie der sehr instruktive Begleitfilm auf der beigelegten DVD betitelt ist, ist keine ästhetische. Dazu ist einerseits die bis heute geübte und in weiten Teilen auch überzeugend Geltung beanspruchende Aufführungstradition zu dicht und stark. Andererseits ist Bachs musikalisches Idiom bei weitem zu konsistent, zu schlüssig, um auf diese behutsam modifizierende Weise gravierende Neuauslegung zu erfahren.

Und doch: Rademanns Idee und Anspruch, das künstlerische Riesenwerk h-Moll-Messe bei aller Erfahrung nicht einfach in bekannten Bahnen zu reproduzieren, sondern stetig im Spiegel dessen fortzuentwickeln, was zu wissen und zu erwägen ist, was forschend zur Diskussion gestellt wird, ist genau der Anspruch, den die Stuttgarter Bach-Akademie verfolgen sollte.

Kongeniale Interpreten

Das gilt umso mehr dann, wenn die klingenden Ergebnisse so überzeugend sind, wie auf der vorliegenden Doppel-CD, die randvoll gefüllt ist mit hochklassiger Bach-Interpretationskunst. Und die geht weit über neu ausgeleuchtete Details hinaus. Vor allem bei der Wahl der Tempi in den Chorsätzen macht Rademann etliches an durchaus frischer Phrasierungskunst explizit, gerade in den stile-antico-Sätzen drängt und bebt es, ist alles Stehende verflogen, wirkt zum Beispiel das in dieser Hinsicht heikle erste Credo wie ein inspiriertes Intermezzo vor dem konzertant bewegten zweiten.

Künstlerischer Kern des musikalischen Geschehens ist der famose Chor: Er ist mit 32 Sängerinnen und Sängern zwar kleiner als bei Helmuth Rilling, aber doch noch größer besetzt als viele der aktuell im Vordergrund stehenden Kammerchöre. Er erweist sich als überaus agile Einheit, singt im besten Sinn beredt, ist hörbar mit allen Gepflogenheiten gegenwärtigen chorischen Bach-Gesangs nicht nur vertraut sondern ein Souverän dieser Kunst – intensiv in der expressiven Haltung, wunderbar belebt und natürlich wirkend in den raschen Tempi, mit bemerkenswert durchglühten Koloraturen: Absolut relevanter Bach-Gesang auf höchstem Niveau.

Das Freiburger Barockorchester ist – das überrascht nun sicher niemanden – auch hier ein exzellenter Klangkörper, und das im engeren Wortsinn: Es wird überaus klangvoll und mit geradezu körperlicher Wirkung gespielt, mit stets geschmackvoll entfalteter Energie. Dazu kommen überaus sinnliche Qualitäten, ein harmonisches Zusammenspiel, ein hervorragend artikulierter, vollkommen wolkenloser Basso continuo, der das Geschehen vorbildlich strukturiert und dennoch sonore Qualitäten entfaltet. Und es gibt wunderbare Soli, von Karl und Susanne Kaisers Flöten, von Bart Aerbeydts Horn, von den Trompeten von Jaroslav Roucek, Almut und Hannes Rux, von Shunske Satos Violine.

Vokalsolistisch wird gleichfalls Hochklassiges geboten: Sopran singt Carolyn Sampson, Alt Anke Vondung, Tenor Daniel Johannsen und Bass Tobias Berndt. Die vier sind eine technisch, stilistisch, ästhetisch absolut homogene Besetzung, sämtlich den Anforderungen mühelos gewachsen, die beiden Damen in der Tonproduktion vielleicht etwas voluminöser aber doch stets präzis: Carolyn Sampson mit unglaublich edel entfaltetem Charme, Anke Vondung vor allem mit einem berückend schönen, intensiven 'Agnus Dei', Tobias Berndt mit schlankem Bariton, der seiner hoch gelagerten Partie deutlich gerecht wird, Daniel Johannsen mit wunderbar lyrischer Präsentation in ungemein differenzierter Phrasierung.

Das Klangbild der in der Stuttgarter Liederhalle entstandenen Aufnahme ist groß, zugleich gesammelt, wunderbar plastisch durchhörbar, reich an Details und hervorragend balanciert. Die editorische Beigabe ist im dem Rezensenten vorliegenden Exemplar ebenso üppig wie inhaltlich überzeugend. Vor allem der Dokumentarfilm expliziert Rademanns Ansatz nachvollziehbar, lässt ihn in der Probenarbeit als akribischen Gestalter erkennbar werden, als Perfektionisten, der gemeinsam mit seinen Mitstreitern an der idealen Umsetzung seiner Ideen arbeitet.

Man soll die Arbeit von Rademanns Vorgänger Helmuth Rilling, die unbestreitbaren Verdienste der Stuttgarter Bach-Tradition unbedingt würdigen, als wichtige Etappe wertschätzen. Und man kann zugleich Hans-Christoph Rademann zu seinem Neuanfang gratulieren: Mit dieser unbedingt niveauvollen und zeitgemäßen Interpretation der h-Moll-Messe unterstreicht er auf Anhieb den Anspruch auf einen Aufbruch zu neuen Ufern, ohne die großen Traditionen verleugnen zu wollen. Ein absolut würdiger Beginn.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Messe in h-Moll (Deluxe Edition, 2 CDs+DVD)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
2
23.06.2015
115:00
2015
EAN:
BestellNr.:
Booklet
4009350833159
8331500


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"Die Messe in h-Moll von Johann Sebastian Bach ist eine der zentralen geistlichen Vokalkompositionen der Musikgeschichte. Hans-Christoph Rademann widmet nun seine erste CD als Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart diesem herausragenden Werk und setzt zusammen mit der Gächinger Kantorei Stuttgart und dem Freiburger Barockorchester sowie renommierten Solisten auf dem Gebiet der historisch informierten Aufführungspraxis in künstlerischer Hinsicht Maßstäbe. Obwohl die Messe in h-Moll zu einem der meistaufgeführten Vokalwerke Johann Sebastian Bachs gehört, stellt sie Aufführende und Wissenschaftler immer wieder vor neue Rätsel und Probleme. Das betrifft nicht nur die bis heute ungeklärte Frage, warum Bach dieses Werk komponiert und nie aufgeführt hat, sondern setzt sich bis in den Notentext fort. Bach selbst hat sein Opus ultimum bis zum Tod mehrfach überarbeitet, ohne eine finale Fassung zu hinterlassen. Unmittelbar nach seinem Tod ist die Originalhandschrift durch seinen Sohn Carl Philipp Emanuel massiv verändert worden; Änderungen, die die Wissenschaft bis heute vor viele Fragen stellen. Die vorliegende Neueinspielung folgt in Kyrie und Gloria konsequent den von Bach selbst detailliert eingerichteten "Dresdner Stimmen" und basiert damit erstmals ausschließlich auf einem Notentext aus der Feder Johann Sebastian Bachs. Darüber hinaus werden weitere Sätze mit deutlichen Abweichungen zur heute geläufigen Fassung in Varianten als Bonusmaterial zugänglich gemacht. Die Einspielung beruht auf der Neuausgabe des renommierten Bach- und Mozartforschers Ulrich Leisinger in Kooperation mit der Staatsbibliothek zu Berlin und dem Bach-Archiv Leipzig, der auch die Einführung im CD-Booklet verfasst hat. Diese Deluxe-Ausgabe enthält neben der CD-Einspielung und einem umfangreichen Booklet eine DVD mit zusätzlichen Materialien: - Film: Bachs geheimnisvolles Erbe. Hans-Christoph Rademann auf der Suche nach der wahren h-Moll-Messe - Konzertmitschnitt: „Kyrie eleison I“, live im Beethovensaal, Liederhalle Stuttgart (31. Januar 2015) - Bachs Handschrift: Die „Dresdner Stimmen“ von 1733 als PDF"


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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