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Mittwoch, 26. Juni 2019

Janacek, Leos - Jenufa

Zwingend uneitel


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'Jenufa' sollte man gehört und vor allem gesehen haben.

An der Deutschen Oper Berlin hat Generalmusikdirektor Donald Runnicles 2012 begonnen, einen neuen Janácek-Zyklus zu erarbeiten. Den Anfang machte Leos Janáceks 'Jenufa' in der Regie von Christof Loy, die bei der Wiederaufnahme im Februar 2014 für Arthaus auf DVD festgehalten wurde. Christof Loy ist ein Geschichtenerzähler, der sich in starken Bildern ganz auf die Figuren und deren Psyche konzentriert. Dekoratives Beiwerk ist auf das Notwendigste reduziert, um die zu behandelnden Schicksale nicht aus dem Fokus zu verlieren. Wer in Loys 'Jenufa'-Lesart einen Hauch Folklore und bäuerlich mährisches Ambiente sucht, muss mit einer Enttäuschung rechnen. Wer aber den Charakteren in ihre verstörend normalen Abgründe folgen will, erlebt eine beeindruckend aufgeräumte und umso intensivere Opernaufführung.

Dirk Beckers Bühnenbild zeigt einen blendend weißen Raum, der sämtliches Leben aussperrt. Farben scheinen nur durch einen mobilen Spalt in der Rückwand hindurch oder leuchten zwischen den weißen Wänden signalartig in den Kostümen der Darsteller. Im knallroten Kleid verkörpert Jenufa im ersten Akt das Prinzip Liebe. Sie wird begehrt und geliebt und schenkt ihre Zuneigung dem bereits untreuen Steva. Im zweiten Akt verblasst das Rot zu fahlem Rosa und der dritte Akt bringt die unvermeidlich schwarze Brautmontur. Farblich ebenso prägend die in kühles Türkis gekleidete alte Buryja mit ihren feuerroten Haaren. Sie wirkt jugendlich und altersweise zugleich, sie strahlt Erotik aus und doch unnahbare Härte. Das Zentrum aber ist die Küsterin. Im schwarzen Hosenanzug ist sie eben nicht die hochgeschlossene, tiefe Religiosität verströmende, unterkühlte, verbitterte Witwe, sondern eine erschreckend normale Frau, die sich in einem inneren Kampf befindet. Loy beginnt seine Inszenierung bewusst mit ihr. Noch bevor der erste Ton erklingt, betritt die Küsterin den weißen Raum. Es ist ihre Gefängniszelle nach dem schrecklichen Kindsmord. Was folgt, ist die gesamte Geschichte im Rückblick. Dieser Anfang ist ungemein stark, auch wegen der mimisch ausdrucksstarken Jennifer Larmore als Küsterin. Leider verliert der Regisseur diese szenische Klammer mehr und mehr aus dem Blick, sie findet im dritten Finale kein Pendant. Dennoch: Diese 'Jenufa' punktet durch starke Bilder, große Klarheit in der Personenführung und emotionale Intensität. Loy erzählt die Geschichte der Figuren wohltuend uneitel und überfrachtet sie nicht mit zusätzlichem Bildmaterial.

Dieses Konzept geht aber vor allem deshalb restlos auf, weil alle Mitwirkenden dieser Produktion wunderbare Sänger und größtenteils auch außergewöhnlich gute Darsteller sind. In der Besetzung gibt es keinen einzigen wirklichen Ausfall zu verzeichnen. Es wird auf hohem Niveau gesungen und jeder verkörpert seine Rolle mit Leidenschaft, sei die Partie auch noch so klein. So hat beispielsweise Nadine Secunde einen herrlich extrovertierten Auftritt als Richtersfrau und als zweite Luxusbesetzung zeigt sich Hanna Schwarz als alte Buryja – stimmlich noch immer eindrucksvoll und darstellerisch äußerst präsent. Martina Welschenbach gibt die Karolka mit der nötigen Penetranz, Alexandra Hutton ist ein Jano mit strahlendem Sopran und als Barena lässt Jana Kurucová aufhorchen. Wie nachhaltig eine Nebenrolle im Gedächtnis bleiben kann, beweist Simon Pauly als stimmlich und darstellerisch auftrumpfender Altgesell, während Stephen Bronk als Richter neben seiner Bühnengattin ein wenig zu verblassen droht.

Die beiden Tenöre des Abends sind Will Hartmann als Laca und Ladislav Elgr als Steva. Letzterer verfügt über ein dunkles Stimmfundament, auf dem die geforderten Höhen ein überraschendes Leuchten entwickeln. Somit bekommt sein Steva eine teilweise heldische Note, die seine Attraktivität auf Jenufa durchaus nachvollziehbar macht. Diese Mischung aus Heldenpotenzial und Weichei gibt dem letzten Akt eine zusätzliche tragische Färbung, wenn der feige Steva neben der unerträglich oberflächlichen Karolka sein letztes Rückgrat einbüßt.

Eine Laca-Traumbesetzung

Will Hartmann ist für den Laca eine wahre Traumbesetzung. Hier treffen lyrische Stimmqualität und kraftvolles Metall in einer kongenialen Art und Weise zusammen, so dass man vor dieser Interpretation nur den Hut ziehen kann. Der Sänger reizt die volle Palette seines Könnens aus, und das teilweise in direkter Nachbarschaft, wenn auf einen kernigen Vokalausbruch ein zartes Piano folgt. Auch darstellerisch findet er die richtige Balance zwischen aufbrausendem Geist und verletzlich liebevoller Seele. Hartmanns Laca liebt und leidet in solcher Glaubwürdigkeit, dass man trotz dessen physisch verletzender Unkontrolliertheit zu dem Schluss kommen kann, er sei für Jenufa am Ende die beste Wahl.

Diese Jenufa wird in der Berliner Produktion von Michaela Kaune verkörpert. Ihr Sopran entwickelt vor allem in der Höhe jene charakteristische Wärme, die ihre Jenufa so anrührend macht. Ihre Höhepunkte hat Kaune folglich im Gebet und Finale des zweiten Aktes sowie im Schlussduett mit Laca. Im ersten Akt wirkt sie noch ein wenig unterkühlt, wenngleich hochkonzentriert und souverän. Schauspielerisch bleibt Kaune leider etwas einfarbig, was die Naheinstellungen der Kamera noch undankbar verstärken. Dennoch ist sie vor allem stimmlich bemüht, ein differenziertes Charakterbild der Titelfigur zu zeichnen. Michaela Kaunes Jenufa ist kein bloßes Opfer, sondern eine Frau, deren erste große Liebe und die daraus resultierenden Konsequenzen ihr weiteres Leben nachhaltig prägen werden.

Eindrücklich in ihrer konsequenten Schlichtheit ist die Küsterin von Jennifer Larmore. Selten hat man diese Partie so schön und unaufgeregt gesungen gehört wie von der Belcanto-geschulten Mezzosopranistin. Diese Sängerin überspielt nicht eine gealterte Stimme mit gnadenloser Expressivität, sie verdeutlicht vielmehr die bereits vorhandene Ausdruckskraft der Musik, um Emotion zu transportieren. Das Ergebnis ist so ungewöhnlich wie überzeugend, zumal Jennifer Larmore auch szenisch nicht die bigotte Übermacht verkörpert. Freilich gibt es auch bei Larmore einige ungünstige Nahaufnahmen, die in ihrer für die große Bühne gedachten Mimik gefährlich an Pathos und Übertreibung vorbeischrammen. Letztlich zählt aber die überwiegend starke Bühnenpräsenz, die innere Vorgänge in klaren Haltungen nach außen trägt, ohne in Rollenklischees zu verfallen.

Bei all den individuell überzeugenden Gesangsleistungen klingt das Dirigat von Donald Runnicles leicht uninspiriert und eindimensional. Freilich kommt aus dem Orchestergraben ein tadelloser und überschäumender Klangrausch, aber er wirkt betont spätromantisch und teilweise fast schon behäbig. Die Schärfe und Modernität von Janáceks Partitur geraten dabei in den Hintergrund. Aber selbst dieser Umstand kann den zwingenden Gesamteindruck dieser Veröffentlichung nicht nachhaltig beeinträchtigen. Diese 'Jenufa' sollte man gehört und vor allem gesehen haben.


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    Janacek, Leos: Jenufa

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
15.06.2015
Medium:
EAN:

DVD
807280906998


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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