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Sonntag, 21. April 2019

Jensen, Adolf - Orchesterwerke

Geplätschert


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dies hätte ein Plädoyer für Adolf Jensens Orchestermusik werden können. Aber die musikalische Umsetzung ist nicht sehr inspiriert.

Als Kleinmeister wird Adolf Jensen (1837–1879) im Üblichen bezeichnet, als Komponist von Liedern und Klavierwerken. Gerade in diesen Bereichen wird sein Schaffen gelegentlich der Salonmusik zugerechnet, so dass die hier vorgelegte Orchester-CD willkommener Anlass ist, das Vorurteil zu revidieren. Jensen wurde in Königsberg geboren und war, nachdem er u.a. bei Liszt (Klavier) und Gade (Komposition) studiert hatte, in Posen, Königsberg, Dresden und Graz tätig, ehe er sich 1875 in Baden-Baden ansiedelte. Immer von schwacher Gesundheit (seine leicht affizierbaren Bronchien erforderten mehrfache Kuraufenthalte in Tirol), starb er kurz nach Vollendung seines 42. Lebensjahres.

Die Baden-Badener Philharmonie hat sich unter Leitung ihres Chefdirigenten Pavel Baleff dreier Werke Jensens angenommen. Die 1873 entstandene Hochzeitsmusik op. 45 ist das einzige nicht originäre Orchesterwerk auf der CD, die Klaviersuite wurde 1885 von Reinhold Becker im etwas populistischen Stil orchestriert. Leider beeinträchtigt dieser doch allzu plakative Auftakt den Genuss der CD ganz empfindlich, nicht zuletzt durch das teilweise etwas zu nonchalante Spiel des Orchesters: Man erlangt den Eindruck, das Jensen anhaftende Vorurteil sei nur allzu gerechtfertigt und der Komponist zu Recht vergessen.

Ganz anders dann, wenn der Orchesterkomponist Adolf Jensen dann selbst zu sprechen anhebt. In dem 20-minütigen ‚Geistlichen Tonstück‘ 'Der Gang nach Emmaus' op. 27 (1862) bemüht sich Jensen um eine gehörige Portion musikalischer Tiefe, was ihm mindestens teilweise gelingt. Hector Berlioz, dem Jensen die Partitur widmete, lobte besonders die Instrumentierung des Werks, und dies mit einigem Recht. Jensen lässt sich den meisten seiner Zeitgenossen (Reinecke, Jadassohn oder vielen anderen) gleichberechtigt zur Seite stellen – wenn uns die Musik heute teilweise kalt lässt, so vielleicht nicht zuletzt wegen des aus der Mode gekommenen Sujets und einer harmonischen Gestaltung, die später vor allem durch Operettenkomponisten adaptiert wurde.

Auch Ouvertüre, Entr’Acte und Ballettmusik aus der ansonsten teilweise verlorenen Oper 'Die Erbin von Montfort' (1858-65) erweist Jensen als nicht unbegabten Orchesterkomponisten, der aber eines kraftvollen, verständnisvollen Interpreten bedarf, der dafür sorgt, dass gelegentliche kompositorische Schwächen sozusagen überspielt werden. Leider mangelt es der vorliegenden Interpretation hieran. Pavel Baleff scheint kaum wirkliches Verständnis für Jensens Idiom zu haben; immer wieder gerät die Musik allzu sehr in die Unterhaltungsschiene, aus der ein Dirigent vom Grade eines Howard Griffiths oder Frank Beermann sie bewusst befreit hätte. Es gelingt Baleff nicht, aus der Musik inspirierte Klanggebilde zu formen – eine Interpretation bleibt im Ansatz stecken, gerät zur äußerlichen Pflichtübung. So sind die Leistungen des Baden-Badener Orchesters (das beachtliches Potenzial erkennen lässt) nicht viel mehr als verlässlich – richtig überspringen kann der Funke nicht; schade um die gar nicht so schlechte Musik. Unverständlich auch, wenn ein Orchester, das sich vorgeblich für vernachlässigtes Repertoire einsetzen will, die grundsätzliche Frage der Orchesteraufstellung, die unmittelbar Einfluss auf das Hörergebnis nimmt, offenbar nicht stellt.

Das Booklet wäre insgesamt weitgehend exemplarisch (teilweise ist das Tracklisting irreführend ins Englische übersetzt), hätte man nicht Dirigent und Orchester ebenso viel Platz eingeräumt wie dem Komponisten und den Werken, ein bedauerlicher Fall von Fehleinschätzung der Bedeutung der Beteiligten.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Jensen, Adolf: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
07.04.2015
EAN:

4260036253474


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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